Mann (70) marschiert nach Knie-OP jeden Tag 23 Kilometer durch Bayern: „Manche haben gesagt, du spinnst“

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Wer in Bad Heilbrunn unterwegs ist, begegnet mit hoher Wahrscheinlichkeit Theo Lederer. Er marschiert täglich durch den Ort und das Umland. © Arndt Pröhl

Der 70-jährige Theo Lederer lief ein Jahr lang täglich 31.000 Schritte. Viele schüttelten darüber den Kopf. Doch er zeigte, was diese Disziplin ihm und seiner Gesundheit gebracht hat.

Bad Heilbrunn – Theo Lederer war immer ein aktiver Mensch, doch 2024 konnte sich der Heilbrunner nur noch mühsam fortbewegen. Mit Arthrose im rechten Sprunggelenk und einem frisch operierten linken Knie schleppte er sich vorwärts, zog ein Bein hinterher. „Wie kommst denn du daher?“, erkundigte sich ein Bekannter und empfahl ihm: „Spiel‘ doch Schach oder Schafkopfen – das kann man im Sitzen machen.“ Dieser Satz entfachte bei dem 70-Jährigen den Ehrgeiz: „Ich wollte zeigen, dass auch ein alter Depp wie ich noch was auf die Beine stellen kann.“ Also beschloss er, täglich Spaziergänge zu machen. Nicht wie andere Menschen einmal um den Häuserblock: Sein Ziel lautete: pro Tag 30 000 Schritte gehen. Dieses Ziel hat er erreicht: Er legte im Schnitt sogar knapp 31 000 Schritte und 23,2 Kilometer zurück.

Theo Lederers Schuhsammlung (Foto: Arndt Pröhl)
Wer viel unterwegs ist, braucht viele Turnschuhe. Theo Lederers Sammlung umfasst 22 Paar. Es sind spezielle Ascis-Triathlonschuhe, die es nur in den USA zu kaufen gibt, und mit am besten zurechtkommt. © Arndt Pröhl

Irgendwann waren die Knie kaputt

Sport war stets Lederers große Leidenschaft. Er spielte Fußball, lief Marathons, schwamm lange Strecken, war oft drei, vier Stunden im Wasser unterwegs. Den Starnberger See in der Breite durchqueren? Für ihn kein Problem. Doch irgendwann ging es ihm so wie vielen Ausdauersportlern: Seine Knie waren kaputt.

Er bekam ein neues Kniegelenk. „Ein Jahr zu spät“, blickt er zurück. „Ich hatte mir einen schlampigen Gang angewöhnt.“ Doch daran wollte er arbeiten. In der Heilbrunner Fachklinik traf Lederer auf einen engagierten Sportarzt, der ihm in der Reha Übungen zeigte und versprach, dass er mit dem neuen Knie wieder zehn Kilometer laufen könnte. Doch Joggen reizte Lederer nicht mehr. Er hatte sich lange Spaziergänge in den Kopf gesetzt.

Vorbereitung auf dem Heimtrainer

Akribisch bereitete er sich auf dem Heimtrainer darauf vor. Sein Ziel: Zum Jahresbeginn wieder stabile Muskeln haben. Am 1. Januar startete er sein Projekt. Ein Jahr lang ununterbrochen dran zu bleiben, sei schwieriger als ein einzelner Marathon, erklärt Lederer: „Du musst jeden Tag rausgehen, immer neu überwinden. Es muss dir egal sein, ob es draußen 32 Grad hat oder schneit.“ Manche Leute hätten zu ihm gesagt: „Du spinnst“, erzählt er lächelnd.

Schnell stellte der Heilbrunner fest, dass es für ihn kaum möglich ist, längere Strecken innerhalb des Dorfs zurückzulegen. Der ehemalige Versicherungskaufmann ist bekannt wie ein bunter Hund, alle paar Meter begegnet ihm ein Gesprächspartner. Lederer unterhält sich gerne, nur das Vorwärtskommen ist schwierig. So wich er für seine Power-Walking-Einheiten nach Penzberg, Kochel oder Bad Tölz aus: „Da konnte ich mit den Stöcken zweieinhalb Stunden richtig ballern.“

Im September stand das Projekt auf der Kippe. Lederer hatte sich eine schwere Bronchitis zugezogen und konnte tagelang das Haus nicht verlassen. Doch diese „Delle“ blieb folgenlos. Lederer hatte in den Monaten davor einen Kilometer-Bonus erlaufen und marschierte nach seiner Krankheit umso mehr. Als er am 31. Dezember sein Ziel erreicht hatte, habe er ein „extremes Glücksgefühl“ gespürt, sagt der 70-Jährige. „Das war der Wahnsinn, unbeschreiblich, ein viel größeres Glücksgefühl als nach einem Marathon.“

In jedem Alter kann man was machen

Gleich mehrfach musste sich der Heilbrunner die Frage stellen lassen, warum er sich das Ganze antut. In seinem Alter müsse er schließlich niemandem mehr etwas beweisen. Dies sieht Lederer auch so, betont aber zugleich: „Meine Message ist: Man kann in jedem Alter noch was machen.“ Zudem habe er festgestellt, dass nach drei Kilometern die Schmerzen im Arthrose-geschädigten Sprunggelenk verschwinden, weil erst dann die Durchblutung richtig in Gang kommt. Dass er auf dem richtigen Weg ist, erkennt Lederer auch, wenn er sich mit anderen Patienten vergleicht: „Einer ist zum selben Zeitpunkt wie ich am Knie operiert worden. Er sitzt daheim, macht nichts mehr außer Fernsehen und hat 15 Kilo zugenommen.“ Lederer selbst nahm sechs Kilo ab.

Über 11 Millionen Schritte zurückgelegt

Auf seinem Fit-Bit-Fitness-Tracker kann Lederer genau nachvollziehen, was er im vergangenen Jahr geleistet hat: Er ist im Schnitt 31 000 Schritte und 23,2 Kilometer pro Tag gegangen, hat 8450 Kilometer und über elf Millionen Schritte zurückgelegt. Dabei war er täglich drei bis vier Stunden unterwegs und hat fünf Paar Turnschuhe verschlissen. In der riesengroßen Fit-Bit-Community belegt Lederer in seiner Altersklasse Platz eins: „Ich habe immer wieder Zuschriften bekommen“, sagt der Heilbrunner. „Die Leute haben gesagt, es ist unmöglich, dass man in dem Alter so viel geht. Aber ich kann beweisen, dass es kein Schmarrn ist.“ Mittlerweile lässt er es gemütlicher angehen: „Ich hab‘ meiner Frau versprochen, dass ich es nicht mehr so extrem mache.“ So begnügt er sich mit 20 000 oder 25 000 Schritten pro Tag.