Deutschland muss sich zügig entscheiden: ein Zukunftsjet mit zänkischen Franzosen oder selbstbewussten Skandinaviern; wer gibt der Luftwaffe Auftrieb?
Stockholm – „Wir haben unsere Abschreckungsfähigkeit aufgebaut und die Munitionslager besser gefüllt. Aber es liegt noch ein weiter Weg vor uns“, sagt Micael Johansson. Gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) hat der Chef von Saab unterstrichen, dass die europäische Rüstungsindustrie unterschätzt würde – vor allem von Wladimir Putin, der mit dem Ukraine-Krieg Feuer an die Lunte des Weltfriedens gelegt hat. Aber auch durch US-Präsident Donald Trump, der seinen F-35 für unwiderstehlich und seine NATO-Partner damit für willfährige Kunden hält. Jetzt rütteln auch die Schweden an seinem Thron und werkeln an einem eigenen Kampfjet der sechsten Generation.
Wie die Flugrevue aktuell berichtet, kann das sogar ein Solo-Projekt werden; möglicherweise aber auch eine Kooperation, beispielsweise mit Deutschland, das mit seinem FCAS (Future Combat Air System) nur schwer vom Boden abhebt, weil sich Frankreich als Ballast erweist und schon mit dem Ausstieg aus dem Projekt geliebäugelt hat. „Wir stehen bereit für einen gemeinsamen Kampfjet mit den Deutschen – wenn es ein klares politisches Bekenntnis beider Regierungen gibt“, so Johansson gegenüber der F.A.Z.. Der Zeitpunkt scheint günstig, wie die Wirtschaftswoche berichtet – demnach droht das deutsch-französische Rüstungsprojekt zu scheitern. „Wir sind kompetenter im Flugzeugbau als Deutschland“, zitieren deren Autoren den Chef des französischen Herstellers Dassault.
FCAS: NATO-Partner versucht, „das Herzstück des Gemeinschaftsprojekts faktisch französisch zu machen“
Eric Trappier habe damit versucht, „das Herzstück des Gemeinschaftsprojekts faktisch französisch zu machen“; so formuliert Wirtschaftswoche-Autor Tobias Gürtler samt Co-Autoren Gedanken, die offenbar in Deutschland und im ebenfalls beteiligten Spanien aufgekeimt waren. Aufgrund der schwelenden Differenzen zwischen Deutschland und Frankreich, die bereits während der Eurofighter-Entwicklung den Ausstieg Frankreichs provoziert hatten, liegt jetzt eine neue industrielle Liaison in der Luft. Laut dem Fachmagazin Aerospace Global News habe Schweden bereits im Juli 2023 eine Studie aufgelegt, um mit dem Future Fighter System (FFS) ein eigenes Luftüberlegenheitssystem zu starten. Deshalb sei Schweden ausgestiegen aus dem Bau des „Tempest“ (Sturm), also der F-35-Konkurrenz, an der aktuell das Vereinigte Königreich mitsamt Japan arbeitet.
„Bei einem vollwertigen neuen Kampfflugzeug bräuchten wir sicher zehn Jahre für die Entwicklung, bis zur Einsatzbereitschaft wären wir wahrscheinlich Ende der 2030er Jahre“
„Saab und Schweden werden mit dem Gripen nicht ihr letztes Kampfflugzeug entwickeln. Ob wir uns mit anderen Partnern zusammenschließen oder unseren eigenen Weg gehen, es wird mit Sicherheit ein weiteres Projekt folgen“, zitiert Aerospace Global News Peter Nilsson. Der Leiter des Geschäftsbereichs Fortgeschrittene Programme bei SAAB Aeronautics verwies darauf, dass auch der Gripen-Kampfjet grundsätzlich durch internationale Kooperation, aber vollständig unter schwedischer Hoheit entwickelt und gebaut worden sei. Auch damals in den 1980er Jahren sei vor galoppierenden Kosten gewarnt worden – ähnlich wie jetzt. Laut dem schwedischen Verteidigungsminister Pål Jonson soll der Gripen-Kampfjet um 2050 herum durch das neue System ersetzt werden.
Also rund zehn bis 15 Jahre später, als das die Briten mit dem Tempest und die Deutschen mit dem FCAS realisieren wollen. Was zumindest illusorisch erscheint bezüglich des FCAS. In diesem Jahr wollten dessen Partner die zweite Phase zünden: „Es sollte eine Demoversion für einen Kampfjet entwickelt und konstruiert werden, stattdessen streitet man sich in beiden Ländern noch immer darüber, wer eigentlich die Führung bei FCAS haben soll“, notiert die Süddeutsche Zeitung. „Konceptet Framtidens Stridsflyg“ beziehungsweise „KFS“ (zu Deutsch: Konzept für zukünftige Kampfflugzeuge) lautet die Richtschnur, entlang derer die Schweden ihren Weg verfolgen.
High-Tech-Angriff auf Putin: Erstflug eines ersten unbemannten „Tech-Demonstrators“ in 2027
„Die bisher veröffentlichten Konzeptgrafiken deuten auf ein einmotoriges Flugzeug hin, das kleiner als der heutige Gripen ist“, schreibt Aerospace Global News-Autor John Lake; ihm zufolge offenbar ein Grund, weshalb Schweden dem Tempest den Rücken gekehrt hat; auch mit dem Gripen sind die Schweden ihren eigenen Weg gegangen und haben ein zur US-amerikanischen F-16 konkurrenzfähiges Produkt in der Luft: Offenbar hätten die Schweden auch lieber die schwedische Maschine bekommen, um flexibler kämpfen zu können und niedrigere Kosten zu verursachen.
2027 plane das Unternehmen den Erstflug eines ersten unbemannten „Tech-Demonstrators“, wie die Flugrevue den Saab-Manager Nilsson zitiert. An sich ein Meilenstein für die Stärkung der Kampfkraft Europas; andererseits auch eine eventuelle Schwächung. Die entscheidende Frage ist, warum die Schweden beispielsweise einen kleineren Kampfjet bräuchten als das Vereinigte Königreich. Wäre nicht eine modulare Lösung die viel effektivere wie auch günstigere? Wenn ein Krieg, wie ihn Russland zu führen gewohnt ist, über die Masse zu gewinnen sein sollte, könnten die westlichen Rüstungsprodukte wieder zu ausgefeilt sein, um in ausreichender Zahl an die Front geworfen zu werden.
NATO-Patchwork: Steckt also in einem Gripen, einem Tempest oder einem FCAS der Fehler schon im System?
„Die nationalen Streitkräfte der Nationen unterscheiden sich noch sehr stark in Bezug auf ihre Merkmale und somit in ihren Fähigkeitsbedarfen“, sagt Luciano Portolano. Gegenüber dem deutschen Reservistenmagazin loyal hat der General und Planer für die italienische Rüstung betont, dass die Entwicklungs- und Beschaffungsphasen komplexer Waffensysteme ohne multinationale Zusammenarbeit künftig unmöglich eigenständig zu finanzieren seien. Ihm zufolge folgten daraus zwei Notwendigkeiten: „Erstens die Umstellung von ‚Ein-Plattform-Programmen‘ auf modulare Programme mit der Grundlage eines ,System of Systems‘-Konzepts. Zweitens Beschaffungsstrategien, die Größenvorteile im europäischen und nationalen Kontext deutlich unterstützen“, so der Praktiker.
Sollten die drei europäischen „Konsortien“ Ende dieser Dekade mit ihren Kampfjets fortgeschritten sein, dann hätte Europa drei verschiedene Kampfflugzeug-Systeme, die entweder bemannt oder unbemannt operieren könnten. Aber sind diese dann auch interoperabel? Könnte also ein Gripen der Zukunft mit deutschen Drohnen ins Feld ziehen, oder würden neben nationalen Kommandostrukturen oder nationalen Verteidigungsstrategien auch die Waffensysteme durch Inkompatibilitäten gefährdet sein? Also ein Gegner allein aus politisch-strukturellen Brüchen innerhalb der Verteidigungsallianz militärische Vorteile erlangen können? Steckt also in einem Gripen, einem Tempest oder einem FCAS der Fehler schon im System?
Bruch mit NATO-Partner denkbar: „Wenn Deutschland das vorantreiben will, ja, absolut.“
Tempo gilt als eine der schwächsten Waffen im West-/Ost-Machtvergleich. In Russland wird schon geschweißt, wenn in Europa noch Arbeitskreise streiten. „Bei einem vollwertigen neuen Kampfflugzeug bräuchten wir sicher zehn Jahre für die Entwicklung, bis zur Einsatzbereitschaft wären wir wahrscheinlich Ende der 2030er Jahre“, sagt Micael Johansson gegenüber der F.A.Z.. „Der erste Schritt für eine Zusammenarbeit sollte eine unbemannte Fähigkeit sein, hier sprechen wir eher von vier bis fünf Jahren bis zur Auslieferung.“ Der Saab-Chef sieht seinen zukünftigen Kampfjet zunächst als eine Ergänzung der NATO-weiten Eurofighter-Flotte und führt entsprechende Gespräche mit dem Produzenten.
Während Airbus also auf der einen Seite mit dem französischen Dassault-Konzern kooperiert, entspinnt sich ein ähnliches Joint-Venture mit den Schweden. Johansson sieht auch darin einen weiteren Bremsklotz Europa umspannender Rüstungsprojekte: die teils gegenläufigen Interessen auf den unterschiedlichen Ebenen: Wo sich Europas Politiker medienwirksam als Architekten einer gemeinsamen Zukunft gerieren, müssen sich die Geschäftsführer der jeweiligen nationalen Märkte zwangsweise international als Konkurrenten wahrnehmen und entsprechend verhalten. Spätestens dann, wenn national Arbeitsplätze verloren zu gehen drohen, haben sich alle nationalen Unternehmen ihren Regierungen gegenüber zu verantworten.
Ob als Gegner nun Wladimir Putin anstünde, Donald Trump oder letztendlich beide – Europa hat sich für die kommenden Jahre zusammenzuraufen, schreiben Eric Rosenbach und seine Co-Autoren für den Thinktank „Belfer Center for Science and International Affairs“: „Die europäische Sicherheit hängt maßgeblich von der Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung und dem politischen Willen ab.“ Mit dem Kampfjet-Projekt reichen die Schweden den Deutschen die Hand, wie Micael Johansson gegenüber der F.A.Z. betont hat – Saab wolle bis spätestens 2030 eine Entscheidung getroffen haben, ob ein Miteinander mit den Deutschen möglich würde, wie er sagt. Ob die Deutschen sich also schleunigst entscheiden sollten, will F.A.Z.-Autorin Anna Sophie Kühne wissen. „Wenn Deutschland das vorantreiben will, ja, absolut.“ (Quellen: Belfer Center for Science and International Affairs, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Wirtschaftswoche, Aerospace Global News, Süddeutsche Zeitung, Flugrevue, loyal) (hz)