Der Stromausfall von Berlin muss drei wichtige Konsequenzen haben

Vorab: Der Anschlag auf die Stromversorgung in Berlin war ein Angriff auf die Sicherheit der Menschen, auf den Staat in seiner Daseinsvorsorgepflicht und auf den Wirtschaftsstandort Deutschland. Wie leicht und durchschlagend der Anschlag war, muss uns wachrütteln. Man mag sich fragen, ob eine bloße Stromkabelbrücke im hoch-industrialisierten und technisierten, bisweilen sicheren Deutschland als derart gefährdete kritische Infrastruktur anzusehen ist. 

Ja, das ist sie.  

Der Schutz kritischer Infrastrukturen wurde als politische Aufgabe grandios verpennt und ist in diesen Zeiten besonders ernst zu nehmen. „Bauprojekte dauern 20 Jahre länger als geplant, Stromnetze sind binnen Sekunden lahm. Was ist los?, so die Worte eines Kollegen aus dem Ausland.

Der Fall Berlin zeigt schmerzlich, wie elementar sichere und stabile Energieversorgung ist

Unsere Infrastruktur ist verletzlich, nicht nur, aber auch als Ergebnis eines Modernisierungsstaus. Der Fall Berlin zeigt schmerzlich, wie elementar sichere und stabile Energieversorgung ist, ob für Heizung in Wohnhäusern, Büros, Schulen und Pflegeheimen, oder für medizinische Geräte in Krankenhäuser. 

Ohne Strom läuft nichts. Egal ob Wärmepumpe oder Heizkessel, die Geräte benötigen Zündenergie per Strom. Jede Toilettenspülung hängt am anderen Ende an stromgetriebene Pumpenwerke der städtischen Wasserentsorgung. Ohne Strom laufen keine automatischen Jalousien, keine Kassen in Supermärkten, keine Anschlusstelefone und irgendwann keine Handys und keine Computer – die Liste ließe sich weiterführen. Ohne Energie sitzen Menschen im Kalten, Dunkeln und irgendwann in Angst und Chaos. Auch deshalb müssen nach einem solchen Anschlag Hilfe und die Wiederherstellung der Versorgung schnell funktionieren.

Es geht darum, zentrale Versorgungseinrichtungen abzusichern

Beim Schutz kritischer Infrastrukturen geht es schlicht darum, im Katastrophenfall eine Art Grundresilienz zu haben, Chaos zu verhindern und Menschenleben zu retten. Übrigens egal wodurch der Katastrophenfall ausgelöst wird, ob durch Hitze, Flut oder Anschläge. Es geht darum, zentrale Versorgungseinrichtungen abzusichern, dass etwa die Straßenbahn fährt, Krankenhäuser Menschen weiter versorgen usw.

Beim Schutz kritischer Infrastruktur ist zu unterscheiden zwischen Schutz der Bauwerke selbst, Schutz ihrer Funktion, Schutz der digitalen und - oft vergessen - sozialen Infrastruktur, Interaktionen inklusive.

Neuralgische Punkte müssen überwacht werden

Der Schutz von Bauten, wie Brücken, Umspannwerke, Krankenhäuser bedeutet etwa, dass sie Belastungen im Katastrophenfall standhalten, etwa durch Orkane, Überschwemmungen, Explosionen, Hitze etc. Wir erinnern die Ahrtalflut, sich lösende Betonplatten auf Straßen bei Hitze, Hitzewelle im letzten Sommer ohne ausreichend Trinkwasserbrunnen im öffentlichen Raum oder aktuell die Brandkatastrophe in der Schweiz. Es geht etwa darum, dass Bauwerke und ihre tragenden Bauteile nicht einstürzen, zumindest bis Menschen evakuiert sind. Dieser Schutz findet je nach Bereich über Statik, Hochwasserschutz, Brandschutz etc. statt. 

Mit Blick auf die Energieinfrastruktur, die heute größtenteils frei liegt, müssen wir neu denken. Vereinfacht ausgedrückt: Darf man leicht an wichtige Knotenpunkte für Energie, Wasser oder Digitales kommen? Es geht um Zugänglichkeit, und ja, auch um Überwachung neuralgischer Knotenpunkte.

Das Energiesystem muss besser geschützt werden 

Der funktionelle Schutz bedeutet, dass beim „Funktionsausfall“ Ersatz schnell greift, über eingebaute Alternativen, sog. Backups. Im Falle Berlin war die Stromversorgung engmaschig und in Ringstrukturen aufgebaut, so dass beim Ausfall eines einzelnen Systems ein Backup möglich wäre. Offenbar wurden aber mehrere Systeme gleichzeitig oder in Folge beschädigt. Jedenfalls muss das Energiesystem besser geschützt werden. 

Beim zunehmend dezentralen Energiesystem sollte Resilienz eigentlich besser gelingen. Wie kann es aber sein, dass man „nur“ reparieren musste und das Tage dauert? Dezentralität darf am Ende nicht bedeuten, dass jedes Quartier mit seiner Stromversorgung „für sich allein“ steht, sondern auch, dass Abhilfe schnell und möglich ist. Warum? Weil dezentrale Systeme räumlich betrachtet kurze Distanzen in der Struktur aufweisen, und auch dadurch Flexibilität bieten (sollen).

Resilienz der digitalen Infrastruktur ist entscheidend

Klar ist: In Zeiten digitaler Strukturen sind wir verletzlicher. Bereits heute sind viele Prozesse kuratierte informationsbasierte Organisation. Und sollte die „Zukunft“ digitaler werden, ist genau das auch ihr verwundbarster Punkt. Als solche wird „Zukunft“ früher oder später als Informationsnetz sichtbar werden und damit: angreifbar. Binnen Sekunden ließe sich ihre Versorgung folgenschwer lahmlegen. Das ist kein Grund, Digitalisierung oder KI zu verteufeln, sondern ihre Innovationskraft zu nutzen. Egal, wogegen wir uns in der Zukunft wappnen müssen, entscheidend ist auch die Resilienz unserer digitalen Infrastruktur.

Und schließlich geht es bei jeder Katastrophe entscheidend um Kommunikation. Sitzen Menschen zu lange im Kalten, Nassen oder Dunkeln, sind Frust und Wut vorprogrammiert. Wer das verhindern will, muss groß denken, vor Ort sein, in Kontakt gehen und bleiben, von Tür zu Tür gehen, sich erkundigen, sich kümmern, um ältere, einsame oder eingeschränkte Menschen, um Kinder, Familien und Unternehmen.