Das Filmen der Brandkatastrophe in der Schweiz sorgt für Empörung. Psychologen erklären: Hinter dem Smartphone-Reflex stecken komplexe Mechanismen.
Crans-Montana – 40 Tote, über 100 Verletzte – die Silvesternacht von Crans-Montana endete in einer Katastrophe, als das Lokal „Le Constellation“ binnen Minuten in Flammen aufging. Doch während die Behörden mittlerweile alle Todesopfer identifiziert und die Ermittlungen gegen die Betreiber des Lokals aufgenommen haben, sorgen andere Bilder für Verstörung.
Aufnahmen aus dem brennenden Lokal zeigen junge Menschen, die in den entscheidenden Sekunden ihre Smartphones zückten und das Inferno filmten, anstatt sofort zu fliehen. Doch Kritik an dem Verhalten sei unangebracht: Psychologen warnen vor vorschnellen Urteilen und erklären, dass hinter diesem Phänomen mehr steckt, als es zunächst den Anschein hat.
Jugendliche filmen Brandkatastrophe in der Schweiz: Greifen zum Smartphone als moderne Gewohnheit
„Dieses Reflexartige, das hat sich tatsächlich bei uns eingebürgert“, erklärt der forensische Psychologe Jérôme Endrass das Phänomen bei Watson. Menschen hätten das Bedürfnis entwickelt, besondere Momente sofort zu registrieren und zu dokumentieren. Diese automatische Reaktion sei besonders bei jungen Menschen ausgeprägt, die in einer Welt der permanenten Dokumentation aufgewachsen sind.
Wie selbstverständlich dieses Verhalten geworden ist, zeigen die Aussagen von Berufsschülern aus Aarau. Sie gaben laut der Aargauer Zeitung zu, dass sie vermutlich genauso reagiert hätten. Einer der Jugendlichen brachte es auf den Punkt: „Wenn etwas Cooles anfängt zu brennen, zückt jeder das Handy und filmt.“ Schnell sei die Rede von Gafferei oder Pietätlosigkeit, so Endrass. Dabei sei das häufig „auch Ausdruck einer Empathie“. Viele Menschen würden in solchen Momenten denken: „Oh, mein Gott, ist das schlimm. Das tut mir so leid.“
Fehlende Gefahrenwahrnehmung und Gruppendynamik verstärken Verhalten in Notsituationen
Endrass erklärt, dass Jugendliche oft nicht unterscheiden könnten, „was genau zu der Show dazugehört und was nicht, was ein kleiner Unfall oder eine Lappalie ist oder was wichtig ist“. In der Atmosphäre einer Silvesterparty mit Pyrotechnik, Lichteffekten und lauter Musik sei der Übergang zwischen geplanter Show und beginnender Katastrophe fließend. „Sie haben keine Chance abzuschätzen, dass jetzt dann bald die ganze Decke Feuer fangen wird.“
Der italienische Psychologe Francesco Boz führt bei ildolomiti.it weitere entscheidende Faktoren an: Bei mehrdeutigen Informationen greife ein psychologischer Mechanismus, den er als „Form der Normalität“ beschreibt: Menschen neigten dazu, zu verharmlosen, zu zögern und zu hoffen, dass sich die Situation wieder normalisiert. Zusätzlich könne unter akuter Bedrohung eine sogenannte „Freeze-Reaktion“ auftreten – ein Erstarren, das die Handlungsfähigkeit blockiere. „Und das ist nicht Dummheit, das ist Physiologie der Angst“, betont der Experte.
Brand in der Schweiz: Experte bezeichnet Verurteilung der Opfer als „Form der Grausamkeit“
Boz kritisiert scharf, dass jeder Kommentar über das Verhalten der Opfer „nichts anderes als eine verzweifelte Suche nach Kontrolle“ sei. Aussagen wie „Ich wäre sofort geflohen“ oder „Ich wäre nie in so ein Lokal gegangen“ entspringen dem psychologischen Phänomen des Nachhinein-Wissens bzw. des klassischen Rückschaufehlers.
Wenn Menschen das Ergebnis einer Situation kennen würden, erscheine ihnen alles vorhersagbarer und sie fühlten sich kompetenter, als sie es tatsächlich gewesen wären. Diese Haltung schaffe eine gefährliche Illusion der Kontrolle – die Vorstellung, man könne durch das richtige Wissen jede Gefahr vermeiden.
Die Verurteilung der Opfer bezeichnet Boz als „Form der Grausamkeit“, die Betroffene zu „Zielscheiben der Urteile“ mache. Angemessen wäre es stattdessen, die Urteile auszusetzen. „Was geschehen ist, ist eine Tragödie, und sie sagt nichts über die Opfer aus“, so Boz. Auch Tübingens Bürgermeister Palmer warnt davor, das Geschehene zu instrumentalisieren. (Quellen: Watson, ildolomiti.it, Aargauer Zeitung) (jaka)
Haben Sie eine Meinung zu diesem Artikel oder ähnliche Erfahrungen gemacht? Haben Sie Fehler entdeckt?
Schreiben Sie direkt an unsere Autorin – die Kontaktdaten finden Sie im Autorenprofil.