Nach der Feuertragödie in Crans-Montana werden Verletzte unter anderem auch in Tübingen behandelt. OB Boris Palmer mahnt dazu, das Geschehene nicht zu instrumentalisieren.
Tübingen/Crans-Montana – In den frühen Stunden des 1. Januar brach in der Bar „Le Constellation“ im Schweizer Nobel-Skiort Crans-Montana (Kanton Wallis) ein verheerendes Feuer aus, bei dem 40 Menschen getötet und 115 zum Teil schwer verletzt wurden. Nach den bisherigen Ermittlungsergebnissen setzten auf Champagnerflaschen angebrachte Feuerfontänen die mit schalldichtem Schaumstoff verkleidete Decke in Brand, woraufhin sich das Feuer druckwellenartig ausbreitete. Inzwischen sind alle 40 Todesopfer identifiziert, während Verletzte in den Krankenhäusern mitunter weiter um ihr Leben kämpfen, auch in Baden-Württemberg.
Neben dem spezialisierten Marienhospital in Stuttgart nahm unter anderem auch die BG Klinik Tübingen Patienten der Silvester-Tragödie in der Schweiz auf. Oberbürgermeister Boris Palmer mahnte auf seiner Facebook-Seite dazu, „die Tragödie von Crans-Montana nicht [zu] missbrauchen“. Während die Ermittler die Betreiber der Bar ins Visier nehmen, werden auch bereits Vorwürfe an die Behörden der Region laut. Wurden die Bar und der dazugehörende Nachtklub nicht oft genug kontrolliert? Wurden ausgerechnet im Hochsicherheitsland Schweiz die Brandschutzverordnungen nicht ganz so eng gesehen?
Boris Palmer: „Keine Analyse und keine Debatte kann den Verlust von Menschenleben relativieren“
Genau solche Fragen sind laut Boris Palmer in der aktuellen Lage fehl am Platz. Er beginnt seinen Facebook-Post mit Beileidsbekundungen an die Opfer selbst, deren Familien und Freunde sowie an alle, die diese Nacht miterleben mussten. „Kein politisches Argument, keine Analyse und keine Debatte kann den Verlust von Menschenleben relativieren“, macht der Rathauschef deutlich. „Es geht um Schmerz, um Trauer und um Menschen, die nicht mehr nach Hause zurückgekehrt sind.“ Deshalb müsse man nun mit Verantwortung, Sachlichkeit und Respekt über das Geschehene sprechen.
Dass nach einer solchen Tragödie neben der Versorgung der Opfer und Angehörigen auch die Ursachen und gegebenenfalls Verantwortlichen in den Fokus der Ermittlungen rücken, ist der normale Ablauf. Boris Palmer erklärt aber, dass der Ruf nach strengeren Regulierungen und Kontrollen nicht die Antwort sei. Politiker wie Italiens Vize-Ministerpräsident Matteo Salvini hätten bereits erklärt, dass neben den Betreibern auch diejenigen verantwortlich seien, „die nicht kontrolliert“ oder „Genehmigungen erteilt“ hätten. „Auch in der Schweiz wird bereits diskutiert, ob die Antwort auf Crans-Montana in weiter verschärften Regeln liegen müsse.“
Boris Palmer: Neben aller Verantwortung des Staates ist auch Mindestmaß an Eigenverantwortung nötig
Besonders „grotesk“ sei laut Palmer, dass die Betreiber der Bar „Le Constellation“ jetzt ebenfalls beklagen, zu wenig von den Behörden kontrolliert worden zu sein. Im Gespräch mit Focus Online hatte jedoch ein anderer Gastronom aus Crans-Montana moniert, in zehn Jahren lediglich zwei Mal kontrolliert worden zu sein. „Wer das meint, kann doch jederzeit eine Brandschutzbegehung in Auftrag geben!“, rät Palmer. Laut Blick.ch verfügt jede Gemeinde im Kanton Wallis über einen sogenannten Sicherheitsbeauftragten, der Brandschutzbegehungen durchführen kann. Dafür ist aber ein Antrag notwendig.
Boris Palmer erklärt, dass es bei aller Verantwortung des Staates eben auch ein Mindestmaß an Eigenverantwortung notwendig sei. „Diese beginnt nicht erst beim Staat, sondern auch bei den Veranstaltern und Betreibern, dem Personal, und – so schwer das auszusprechen ist – auch bei den Feiernden selbst“, schreibt der Politiker. Nach den bisherigen Erkenntnissen sei dieses Zusammenspiel von Verantwortung im Fall der Tragödie von Crans-Montana nicht gegeben gewesen. Ein Anwohner, der mehrere Menschen in Sicherheit brachte, machte auch der Feuerwehr schwere Vorwürfe. (verwendete Quellen: Facebook-Post von Boris Palmer vom 4. Januar, focus.de, blick.ch, dpa)