Venezuela? Abgehakt fürs Erste, nach der Festnahme des Diktators Nicolás Maduro.
Kuba? "Ich glaube, es wird einfach untergehen", sagte Donald Trump am Sonntag über die ärmliche Sozialismus-unter-Palmen-Insel. "Ich denke nicht, dass wir irgendwelche Maßnahmen ergreifen müssen."
Trump droht Kuba, Kolumbien, Mexiko, Kanada, Grönland ...
Kolumbien? Die Regierung in Bogotá werde von "einem kranken Mann geführt, der gerne Kokain herstellt und es an die Vereinigten Staaten verkauft". Und das werde Präsident Gustavo Petro "nicht mehr lange machen, das kann ich Ihnen sagen", so Trump vor Journalisten. Ob er damit eine US-Operation gegen Kolumbien meine? "Klingt gut für mich!", antwortete der Präsident.
Mexiko? Seinen südlichen Nachbarn forderte Trump recht ultimativ auf, entschiedener gegen Migranten und Drogenschmuggler vorzugehen.
Sonst … Kanada? Schon vor seiner Amtseinführung verlangte Trump, es zum 52. US-Bundesstaat zu machen.
Grönland? Die zu Dänemark gehörende, selbstverwaltete Insel steht seit Jahren auf Trumps Wunschliste. "Wir brauchen Grönland aus Gründen der nationalen Sicherheit", wiederholte er soeben. Grönland, dichter an der US-Ostküste als zu Kopenhagen gelegen, ist geografisch und geologisch immerhin Teil des amerikanischen Kontinents.
Trumps setzt auf Rückorientierung der USA um 200 Jahre
Was wir erleben, ist eine historische Rückorientierung der USA um gut 200 Jahre. Der damalige Präsident James Monroe verkündete 1823, der amerikanische Doppelkontinent sei die Interessenssphäre der USA, andere Mächte hätten dort nichts verloren. Die ursprüngliche "Monroe-Doktrin" nahm insbesondere europäische Ambitionen "in den Amerikas" ins Visier.
Im 20. Jahrhundert wurde daraus eine Kampfansage an sowjetisch unterstützte Rebellenbewegungen in Mittel- und Südamerika und in der Karibik. Im 21. Jahrhundert soll Donald Trumps Neuauflage des alten Konzepts, inzwischen als "Donroe-Doktrin" bezeichnet, vor allem russischen und chinesischen Einfluss zurückdrängen.
Trump will China aus Panama herausdrängen
Diese Einflussversuche sind nicht herbeiphantasiert. In der Nacht auf den 3. Januar wurde auch eine chinesische Delegation, gerade zu Gesprächen mit Maduro eingetroffen, wie der Rest von Caracas vom Lärm der Luftangriffe geweckt. Der chinesische Staatskonzern CITIC hat 2012 die erste umfassende geologische Untersuchung der kritischen Bodenschätze Venezuelas durchgeführt und verfügt bis heute als einziges Unternehmen über deren Ergebnisse.
Und im geostrategisch so wichtigen Panama hat Trump durch scharfe Rhetorik und die Drohung, sich "den Kanal zurückzuholen", schon im Frühjahr dafür gesorgt, dass chinesische Betreiber der Hafenanlagen an den beiden Zugängen zum Panamakanal durch US-Firmen ersetzt wurden.
Im Fall von Panama gelang dies durch blanke Drohungen. Im Falle von Venezuela schickte Washington seine Delta Forces und eine riesige militärische Armada sowie ein CIA-Kommando, das bereits seit August in Caracas verborgen war und Maduro ausspähte.
Machtpolitik statt Demokratieexport
Trump hat nach der präzise durchgeführten Mission wenig Wert auf diplomatische Wortwahl gelegt. Dass er Venezuela der Demokratie zuführen wolle, hat er nie gesagt; die wirtschaftsliberale Oppositionsführerin María Corina Machado, eigentlich die geborene Anwärterin auf das Amt des Präsidenten, sei nach seiner Meinung "eine nette Frau", aber sie habe "weder die Unterstützung noch den Respekt innerhalb des Landes", sagte Trump bei seiner Pressekonferenz nach der Maduro-Entführung.
Was so zu verstehen ist, dass er die privilegierte venezolanische Oberschicht aus Staatsbeamten und Militärs für eine US-freundliche Politik einspannen will, bis auf Weiteres unter der bisherigen Maduro-treuen Vizepräsidentin Delcy Rodríguez.
Trump, das ist der Kern seiner Donroe-Doktrin, will in der von den USA beanspruchten, großzügig bemessenen Einflusssphäre außenpolitische und geopolitische Interessen auf den entscheidenden Feldern der strategischen Sicherheit, Energiepolitik sowie Drogen- und Migrationsbekämpfung durchsetzen. Diese Interessen bilden den Primat der amerikanischen Außen- wie Innenpolitik in der Ära Trump – das Völkerrecht ist dabei nachgeordnet bis irrelevant.
Trump geht es um die "westliche Hemisphäre"
Trump hat auch schon in anderen Weltregionen militärisch interveniert: In Nigeria hat er unlängst ISIS-Stellungen bombardiert und im Iran Anlagen zur Herstellung von Atomwaffen (mutmaßlich nicht endgültig) zerstört. Aber die "westliche Hemisphäre", wie in der US-Geopolitik der Doppelkontinent genannt wird, steht im Zentrum der Sicherheitsstrategie.
Was bedeutet das konkret? Wird Trump weitere Staaten in seinem Einflussbereich angreifen? Zweifellos liegt diese Option auf dem Tisch. "Nein!", antwortete Trump vor einem Jahr auf die Frage, ob er ausschließen könne, militärischen oder wirtschaftlichen Zwang anzuwenden, um Kontrolle über den Panama-Kanal oder Grönland zu erlangen.
Kuba ist potenzieller Brückenkopf für China und Russland
Kuba etwa ist bedroht, wenn es die Zunahme russischer oder chinesischer Machtmittel vor der Küste Floridas erlaubt. Wie in der Raketenkrise 1962, als US-Präsident John F. Kennedy der Atommacht Sowjetunion mit einem Krieg drohte und Moskau damit bewegen konnte, seine Mittelstreckenraketen von der Karibikinsel wieder abzuziehen, ist Kuba heute ein potenzieller Brückenkopf für Moskau und Peking.
Das lassen sich die USA unter Trump nicht gefallen. Russische Kriegsschiffe inklusive eines nuklear angetriebenen U-Boots liefen 2024 Havanna an. Moskau scherte sich nicht um amerikanische Empörung darüber. China unterhält auf Kuba mindestens vier Spionagebasen und sammelt SIGINT (Signal Intelligence), also Informationen, die aus abgefangenen Signalen gewonnen werden.
Prädestiniertes Abhörgebiet ist von dort aus der Süden der USA, wo sensible militärische Einheiten massiert sind. Sollte Havanna russischen und chinesischen Militärs und Geheimdiensten weiterhin die Tür offenhalten, dürfte Präsident Miguel Mario Díaz-Canel Bermúdez wachsenden Druck Washingtons erleben – und irgendwann mit Blick auf Maduros Schicksal unruhige Nächte verbringen.
Trump hat mehr Instrumente als eine Invasion
Allerdings ging schon die Invasion in Kubas Schweinebucht 1961 schief, Versuche zu einem "Regime Change" scheiterten über Jahrzehnte. Die USA wären nicht gut beraten, in Kuba ein Kommandounternehmen nach dem Vorbild von Caracas zu unternehmen.
Doch es gibt auch andere Methoden: weitere Sanktionen, Seeblockaden, chirurgische Schläge, eher gegen kubanische Einrichtungen als gegen militärische oder geheimdienstliche Stellungen der Atommächte China oder Russland.
Kuba gilt Amerikanern seit Castro als Vorposten Moskaus und Stachel im eigenen Fleisch. Da lassen sich viele Maßnahmen mit dem Verweis auf die nationale Sicherheit gut begründen.
Gegenüber Grönland sind Trumps Waffen stumpfer
Gegenüber Grönland wären Trumps Waffen stumpfer. Die Insel gehört zum Verbündeten Dänemark und ist damit Teil des Nato-Gebietes. Der Präsident kann zwar argumentieren, dass die Herrschaft über Grönland die amerikanische Sicherheit verbessern würde, aber er kann nicht belegen, dass Grönlands bisheriger Status die Sicherheit der USA beeinträchtigt hat – zumal es dort bereits eine US-Militärpräsenz gibt.
Darum kann Washington in dieser Region kaum aktiv werden, bevor sich eine Mehrheit der rund 56.000 Grönländer einen Anschluss an die USA wünscht. Danach aber sieht es nicht aus, nachdem Trump mit seinem poltrig-chauvinistischen Auftreten in den vergangenen Monaten die Menschen dort brüskiert hat.
Unsicherheit in Kolumbien und Mexiko
Sicherlich gibt es weder im Weißen Haus noch im Pentagon Pläne für Interventionen in Kolumbien oder Mexiko. Aber allein dadurch, dass Trump die Existenz derartiger Pläne kaum negieren wird, sorgt er für Unsicherheit.
Trump wird versuchen, die Staaten "in den Amerikas" zu wohlgefälligem Verhalten den USA gegenüber zu bewegen und den Einfluss Moskaus, Pekings oder des Iran streng zu begrenzen. Ansonsten hängt über deren Köpfen das Schwert des, sagen wir: Donokles.
Der Beitrag erschien in Kooperation mit "The European".