Soldaten aus Altenstadt stellen das „Hartung-Kreuz“ wieder auf

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Haben miteinander angepackt, um Restaurierung und Transport zu bewältigen: (v.l.) Jack Weber, Mika Folk, Tim Steger, Pascal Ouzzine, René Kossatz und Fahrer Peter Graf. © Hans-Helmut Herold

Das Kreuz erinnert an den Fallschirmsprung-Unfall des Schongauers Hans Hartum im März des Jahres 1992. Jetzt übernehmen Kameraden der Luftlande- und Lufttransportschule Altenstadt die Patenschaft für das besondere Kunstwerk.

Schongau/Altenstadt – Es ist der 17. März 1992: Zunächst ein ganz normaler Tag im Leben von Hans Hartung. Der Schongauer ist Berufssoldat und als Hauptmann und Hörsaalleiter an der Luftlande- und Lufttransportschule in Altenstadt für die Ausbildung der Freifallspringer verantwortlich. Also jener Fallschirmspringer, die aus großer Höhe abspringen und nach einer vorgegebenen Zeit im freien Fall ihren Fallschirm selbst öffnen.

Das einzige Dokument, das die fatale Lage von Hans Hartung an seinem zerfetzten Fallschirm wenige Sekunden vor dem Aufschlag zeigt.
Das einzige Dokument, das die fatale Lage von Hans Hartung an seinem zerfetzten Fallschirm wenige Sekunden vor dem Aufschlag zeigt. © Hans-Helmut Herold

An diesem 17. März soll zum Abschluss eines Lehrgangs eine Außenlandung im Bereich Hohenfurch ausgeführt werden. Hartung springt als erster von acht Springern aus 2300 Metern Höhe aus dem Hubschrauber ab und will nach der Landung mit seiner Fallschirmkappe am Boden den Landepunkt für die anderen Springer markieren.

Durch ein Missverständnis eines weiteren Springers, der sofort hinter Hartung springt, kommt es nach dem Öffnungsvorgang von Hartungs Fallschirm zu einer fatalen Kollission. Der Lehrgangsteilnehmer sprang durch die geöffnete Fallschirmkappe von Hartung.

„Dem jungen Soldaten passierte Gott sei Dank nichts, sein Fallschirm öffnete sich problemlos“, erinnert sich später Hartung. Nur bei ihm selbst war in der zerrissenen Kappe im wahrsten Sinne des Wortes der Teufel los. Der Schirm war in zwei ungleiche Teile zerfetzt, die Fangleinen hatten sich um seine Beine gewickelt. Es kam noch schlimmer: Hartungs Körper hing in dem Wirrwarr mit dem Kopf nach unten. So rauschte er ungebremst der Erde entgegen.

Ein Sanitäter vom Bodenpersonal zückte noch geistesgegenwärtig eine Kamera. Ihm gelang ein Dokument, das im Nachhinein beim Anblick nur mit ungläubigem Kopfschütteln quittiert werden kann. In dieser Lage ist ein Überleben eigentlich nicht möglich.

Hans Hartung mit den Helfern, die mit ihm im Dezember 2007 das Kreuz am Hohen Graben aufgestellt haben: (v.l.) Franz Reßle senior Hans Hartung, Horst Heindl, Josef Reich (+2025) und Peter Walk.
Hans Hartung mit den Helfern, die mit ihm im Dezember 2007 das Kreuz am Hohen Graben aufgestellt haben: (v.l.) Franz Reßle senior, Hans Hartung, Horst Heindl, Josef Reich (+2025) und Peter Walk. © Hans-Helmut Herold

Hartung schossen Gedanken wie Pfeile durch den Kopf. „Öffne ich den Reservefallschirm, verwickelt sich alles noch mehr. Öffne ich ihn nicht, dann war‘s das“, so seine Gedanken in Bruchteilen der Sekunden. Hartung aktiviert den Reservefallschirm.

Instinktive Gewaltaktion

Und es kommt, wie von ihm befürchtet: Ein Teil der „Reserve“ verwickelt sich mit den Fangleinen des Hauptschirms. In einer instinktiven Gewaltaktion kann Hartung im letzten Moment Teile der „Reserve“ herausreißen, dann ist es schwarze Nacht um ihn. Der harte Aufschlag bei seinem 3016. Absprung hat ihm die Besinnung geraubt.

Sanitäter und Notarzt vor Ort übernehmen die Erstversorgung, Hartung wird ins Schongauer Krankenhaus gebracht, nach zwei Wochen ins Unfallkrankenhaus nach Murnau. Danach beginnt ein langer Genesungsweg.

Mit eiserner Willenskraft und hervorragenden Ärzten und Pflegern schaftt es Hartung, nach langen Monaten der Behandlungen seine alte Form wieder zu erreichen. Elf Monate später steigt Hartung wieder ins Flugzeug und absolvierte seinen 3017. Absprung. Bei seiner Pensionierung hat er die stolze Zahl von zirka 4000 Sprüngen erreicht.

„Ich weiß, da hat einer seine Hand über mich gehalten“, formuliert es Hans Hartung Jahre später. Aus Dankbarkeit hat er gute 15 Jahre später in vielen Arbeitsstunden ein besonderes Kruzifix geschaffen und mit Freunden am 6. Dezember 2007 am Hohen Graben aufgestellt. Der damalige Stadtpfarrer Bernhard Moser hat es dort am 22. Juni 2008 gesegnet.

Übrigens an dem Platz, wo nach alten Aufzeichnungen schon 1750 ein Kreuz mit dem Gekreuzigten stand. Das „Hartung Kreuz“, wie es seitdem im Volksmund heißt, wird ein Anlaufpunkt für Verliebte, die sich unter dem Kreuz umarmen und ein Ort für Verzweifelte, die dort Trost und auch Hoffnung suchen.

Im Januar 2025 wird das Kreuz durch die Stadt Schongau entfernt. Die Witterung hat schwer daran genagt. Auch der Korpus, den Hartung nach Jahren mittels Leiter vor Ort selbst gestrichen und neu konserviert hatte, zeigt schwere Schäden. Beide Teile werden im Bauhof der Stadt Schongau eingelagert.

Gleicher Dienstgrad, gleiche Tätigkeit

Sicherlich lägen Kreuz und Korpus heute noch dort, hätten da nicht die „militärischen Nachkommen“ von Hans Hartung Initiative ergriffen. Es ist Hauptmann Jack Weber, dem der ganz Vorfall zu Ohren kommt. „Täglich bin ich auf dem Weg in die Kaserne an dem Kreuz vorbeigeradelt, plötzlich war es weg“, so Weber heute. Er liest aus der Zeitung, wie es dazu kam.

Für Weber ist sofort klar, dass angepackt werden muss. Kurioserweise hat Weber nicht nur den gleichen Dienstgrad, wie ihn Hartung hatte, er übt als Hörsaalleiter der Freifall-Inspektion auch die gleiche Tätigkeit aus, wie Hartung vor 30 Jahren.

Hauptmann Webers Ausbilder und Kameraden sind sofort Feuer und Flamme, als er ihnen sein Vorhaben vorträgt. Zusammen wollen sie die Restaurierung und darüber hinaus die Patenschaft für das Kunstwerk übernehmen. Schulkommandeur Oberstleutnant Markus Daniel zögert keine Sekunde und gibt für die Aktion „grünes Licht“. Eben Fallschirmjäger.

Die Beziehungen der Ausbilder zu allen möglichen Handwerkern und Unterstützern ist in der Folge Gold wert. Ein Luftlandepionier, der immer wieder in Altenstadt seine Sprünge absolviert, ist Holzfachmann und erstellt alle Gutachten. Jack Webers Bruder, der in Mecklenburg-Vorpommern wohnt, spendet einen Eichenstamm, aus dem das neue Kreuz gefertigt wird. Weber selbst übernimmt den Transport nach Altenstadt.

Pascal Ouzzine, einer der Ausbilder, hat mit Heinz Keller aus Illertissen nicht nur einen erfahrenen Restaurator an der Hand, sondern es verbindet die beiden eine dicke Freundschaft. Für Keller ist es Ehrensache, die Restaurierung des Korpus zu übernehmen.

Die Beziehungskiste der Soldaten ist aber noch nicht ausgeschöpft: Leon Prohaska, dessen Onkel in Wickensbach bei Kempten die Spenglerei Wanner betreibt, hört von der Restaurierung. Er ist den Soldaten verbunden und macht den Vorschlag, ein Kupferdach gegen die Witterung anzufertigen. Er redet nicht nur davon, sondern setzt es wenig später in die Tat um. Handwerkskunst für Gottes Lohn.

Zu guter Letzt kommt Peter Graf ins Spiel: Seit 37 Jahren ist er der Fahrer der Kommandeure der Luftlande- und Lufttransportschule. Er übernimmt den sicheren Transport des Kreuzes samt angebrachtem Dach und Korpus.

Im Hörsaal der Freifaller, wo vor Jahren schon Hans Hartung die Ausbilung geleitet hat, wird der Korpus an das Kreuz angebracht. Die Soldaten um Jack Weber haben ganze Arbeit geleistet. Dieser lässt dort auch die Katze aus dem Sack: „Wir werden das restaurierte Hartung-Kreuz am 19. Januar wieder aufstellen“, so der Hauptmann. Natürlich in Anwesenheit des Kommandeurs Markus Daniel, des Bürgermeisters Falk Sluyterman und der Geistlichkeit. Dazu ist natürlich die Bevölkerung eingeladen.