Der vierte Winter im Ukraine-Krieg ist besonders hart. Stromausfälle und eiskalte Wohnungen machen den Menschen zu schaffen. Die Lage ist prekär.
Kiew – Der Winter hält die Ukraine derzeit fest in seinem eisigen Griff. Das Energienetz ist überlastet – und Russlands Angriffe fügen täglich neuen Schaden an der Energie-Wirtschaft hinzu. Nach fast vier Jahren Ukraine-Krieg spitzt sich die Lage in der Ukraine immer weiter zu – an der Front und im Hinterland.
Die Not ist so groß wie noch nie in den vergangenen Jahren. Das Stromnetz der Ukraine ist nach den systematischen und zuletzt noch einmal verschärften russischen Angriffen mit Drohnen und Raketen stark beschädigt. Netzabschaltungen sind an der Tagesordnung. Täglich müssen die Menschen in der Ukraine stundenlang ohne Strom- und Wärmeversorgung auskommen – und das bei Schneefall, Frost und nächtlichen Temperaturen von bis zu minus 20 Grad.
Härtester Winter im Ukraine-Krieg: Angriffe aus Russland machen Menschen und Wirtschaft zu schaffen
Wegen der massiven russischen Angriffe mit Drohnen und Raketen auf Energieanlagen haben Hunderttausende Menschen weder Strom noch Heizung. Betroffen sind die Großstädte Charkiw, Dnipro, Krywyj Rih und Odessa. Aktuell ist die Lage jedoch in der Hauptstadt Kiew am schlimmsten. Die Dreimillionenstadt dürfte bei weiteren russischen Attacken auf eine humanitäre Katastrophe zusteuern.
Im Zentrum von Kiew gehen laut Deutscher Presse-Agentur dick eingemummte Menschen tagsüber bei minus 12 Grad vorsichtig über die nach Schneefällen ungeräumten und teils vereisten Bürgersteige. Vor Geschäften knattern Notstromaggregate. Dunkel und ohne die gewohnte Schlange zur Mittagszeit ist etwa einer der Kaffeekioske beim Gebäude des Grenzschutzes.
Russland setzt vor allem Kiew im Ukraine-Krieg unter Druck: Stromabschaltungen als Alltag
Seit dem Herbst gibt es bereits wieder angekündigte stundenweise Stromausfälle. Damals nahm das russische Militär seine systematischen Angriffe auf Umspannwerke, Kraftwerke und auch auf Heizkraftwerke wieder auf. Moskau will damit den Kampfgeist und das Durchhaltevermögen der Ukrainer brechen. Extrem wurde die Situation in Kiew nach den verheerenden Einschlägen ballistischer Raketen und Drohnen Ende vergangener Woche.
Die auf dem Ostufer der Stadt gelegenen Stadtteile waren teils mehrere Tage ohne Strom. Gut 6000 Wohnblöcke und damit mehrere Hunderttausend Menschen waren ohne Heizung. Zuletzt verschlimmerten neue russische Raketenschläge die Situation auch im Westteil der Metropole. Seitdem sind in ganz Kiew Notabschaltungen an der Tagesordnung.
Der auf Strom angewiesene öffentliche Nahverkehr stockt, eine Planung für das Waschen von Wäsche oder die Zubereitung von Essen ist für viele Kiewer nicht mehr möglich. Nicht funktionierende Fahrstühle in den vielen Hochhäusern der Millionenstadt stellen hauptsächlich für ältere und behinderte Menschen ein unüberwindbares Hindernis dar.
Ukraine leidet im vierten Kriegswinter: „Punkte der Unbeugsamkeit“ in Kiew
Anders als etwa neulich beim Stromausfall in Teilen Berlins stehen die Menschen in der Ukraine der Lage nicht gänzlich unvorbereitet gegenüber. Bereits im ersten Kriegswinter (2022/2023) gab es massive russische Angriffe auf die Stromversorgung und immer wieder stundenweise Stromsperren. Generatoren, Ladestationen, Akkus, Kerzen und Campingkocher legten sich viele vorrangig begüterte Personen bereits damals zu. Mobilfunkbetreiber müssen die Funktion ihres Netzes zumindest für zehn Stunden auch ohne externe Stromversorgung sicherstellen.
Der Staat richtete in Schulen und Behörden „Punkte der Unbeugsamkeit“ ein, die teils rund um die Uhr das Aufladen von Mobiltelefonen und anderen Geräten, Internetzugang oder das Aufwärmen bei einer Tasse Tee ermöglichen. Allein in Kiew wurden nach Behördenangaben mehr als 1200 derartige Stellen eingerichtet.
Selenskyj räumt schwere Lage in der Ukraine ein
Die Lage in der Ukraine ist nach Darstellung von Präsident Wolodymyr Selenskyj derzeit sehr prekär. Die Elektriker seien seit Wochen im Einsatz, um das Stromnetz einigermaßen am Laufen zu halten, sagte Selenskyj Mitte Januar. „Das Wetter stellt zusätzliche Herausforderungen – außerordentliche Herausforderungen“, fügte er mit Blick auf die zweistelligen Minustemperaturen hinzu.
Probleme gebe es aber auch an der Front, räumte Selenskyj ein: „Überall ist es jetzt schwer – an der Front am schwersten“, sagte er. Trotz des Frosts greife Russland weiter an. Immerhin hält seinen Angaben nach auch die Verteidigung weiter stand. Die Ukraine ist seit Monaten in der Defensive und musste im Osten und Süden des Landes zuletzt weitere Positionen aufgeben.
Zusätzlich gibt es aktuell noch rund um die Uhr 45 Aufwärmzelte des Zivilschutzes in den besonders von Heizungsausfällen und Stromknappheit betroffenen Stadtteilen. „Einzig während Luftalarmen stellen wir unsere Arbeit ein und bitten die Leute, in einen der nahen Schutzräume zu gehen“, sagte der Sprecher des Kiewer Zivilschutzes, Pawlo Petrow, dem Stadtfernsehen. Ältere Menschen, die in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind, werden den Angaben nach vom staatlichen Sozialdienst mit warmem Essen versorgt.
Energiekrise führt in der Ukraine zu politischem Streit
Energie-Experte Wolodymyr Omeltschenko vom „Rasumkow-Zentrum“ prognostiziert, dass die schwierige Situation mindestens bis März anhalten wird. „Es geht Russland darum, politische Unruhe zu stiften, die Lage im Land zu destabilisieren“, zitiert ihn tagesschau.de. „Die Wettervorhersage ist ziemlich unerfreulich. Der Winter wird weiterhin hart sein. Mindestens bis März wird Russland versuchen, das Stromnetz vor allem in der Hauptstadt Kiew völlig zu zerstören.“ Nach dem März werde sich die Lage entspannen.
Die Energiekrise hat auch zu innenpolitischen Spannungen geführt. Angesichts der dramatischen Lage in der Hauptstadt sieht sich Bürgermeister Vitali Klitschko scharfer Kritik von Präsident Wolodymyr Selenskyj ausgesetzt. „Besonders schwer ist die Situation in Kiew. Die Stadtregierung hat Zeit verloren und jetzt wird auf Regierungsebene das korrigiert, was auf Stadtebene nicht getan wurde“, sagte der Staatschef jüngst.
Der Bürgermeister weist Selenskyjs aktuelle Vorwürfe zurück und spricht von Manipulationen und „offenkundiger Unwahrheit“. Es gebe keine Konstruktivität, sondern nur „Hass“, klagte er. Energie-Experte Omeltschenko macht laut tagesschau.de dagegen ein generelles Versäumnis der Politik aus. Dennoch: Statt 50 Megawatt an dezentraler Energieversorgung wären seiner Schätzung zufolge fast 400 Megawatt möglich gewesen. „Das ist das größte Versäumnis von Herrn Klitschko“, so Omeltschenko.
Der nächste russische Angriff auf die ukrainische Infrastruktur wird vermutlich nicht lange auf sich warten lassen. Dabei könnten auch bislang erzielte Fortschritte bei den Reparaturen schnell wieder zunichtegemacht werden. Klitschko warnt die Menschen: „Der Frost wird laut Prognose noch gut drei Wochen anhalten.“ Kiew dürfte vor dem Frühling wohl kaum aus der aktuellen Krisensituation herauskommen. (Quellen: Tagesschau, dpa) (cs)