Barbetreiber nach Crans-Montana-Brand unter Beschuss – Experte befeuert Mafia-Theorie
Nach dem Bar-Brand in Crans-Montana muss sich der Besitzer Fragen nach der Herkunft seines Geldes gefallen lassen. Ein Mafia-Experte wird deutlich.
Crans-Montana – Mit „Le Constellation“ erlangte er traurige Berühmtheit, weil in seiner Bar in der Silvesternacht ein verheerender Brand 40 junge Menschen in den Tod riss, 116 weitere teils schwer verletzt wurden und für immer gezeichnet sind. Jacques Moretti gehört aber weit mehr als das Lokal inmitten des Touristenmagneten Crans-Montana. Es war gewissermaßen nur der Anfang.
So listet das Schweizer News-Portal nau.ch darüber hinaus ein Wohnhaus, einen Burger-Laden, die Pension „Le Vieux Chalet“ in der nahegelegenen Gemeinde Lens und ein weiteres Einfamilienhaus auf. Alles im Besitz von Jacques und Jessica Moretti, die ihr Immobilien-Portfolio nicht nur binnen weniger Jahre rasant erweitert haben, sondern dafür noch nicht einmal auf Kredite zurückgreifen mussten, heißt es.
Brand in Crans-Montana: Besitzer rücken wegen mehrerer Immobilienkäufe in Fokus
Dieser Umstand treibt auch Roberto Saviano um. Der Journalist, der mit seinen Enthüllungen über die neapolitanische Mafia berühmt wurde und daher seit Jahren unter Polizeischutz lebt, äußerte sich ebenfalls zu den Gerüchten um die Morettis. In einem Beitrag für die italienische Zeitung Corriere della Sera erwähnt er, dass Medien in Frankreich und der Schweiz ins Spiel brachten, der Aufstieg des Betreiber-Paares könne „Teil eines umfassenden Kontextes intransparenter Wirtschaftsstrukturen mit Verbindungen zur korsischen Mafia“ sein.
Jacques Moretti stammt von der französischen Insel. Das allein macht ihn aber natürlich nicht verdächtig. Vielmehr zeigt sich auch Saviano verwundert vom schnellen Aufstieg des Paares. Immerhin sei „Le Constellation“ ein „zentraler Ort in einer der reichsten und bekanntesten Städte der Schweiz“ gewesen. Dann wäre da das Rätsel, wie sich die Morettis Restaurants, Bars und Immobilien gänzlich ohne Hypotheken und Bankkredite leisten konnten.
Und nicht zuletzt sei zu hinterfragen: „Wie kann jemand wie Moretti, der wegen Prostitution, Betrug und Entführung vorbestraft ist, zwei Nachtklubs in einem der wichtigsten Touristenzentren Europas betreiben?“ Ein Einwohner von Crans-Montana betonte gegenüber dem Schweizer News-Portal 20 Minuten: „Seit seiner Ankunft vor zehn Jahren fragt sich der ganze Ort, wie er seine Käufe finanziert. Niemand versteht, wie er all diese Immobilien kaufen konnte. Wir haben uns immer gefragt: ‚Aber woher kommt sein Geld?‘“
Bar-Brand sorgt für Fragen: „Tourismus und Gastronomie sind uraltes Standbein der Mafia“
Offenbar stellt sich aber längst nicht jeder im Ort oder in der Region diese Frage. Vor allem jene nicht, die durchaus Einfluss hätten. Saviano moniert daher auch das „Schweigen, das allzu schnelle Erfolge begleitet“. Dass das Gebäude zuletzt 2019 einer Brandschutzprüfung unterzogen worden sei, zeige den Mangel an Kontrollen.
Aber die zuständigen Instanzen wüssten eben, welche Vorteile solche Einrichtungen mit sich bringen. Dort fließe das Geld, es werde ein Mehrwert in Form von Arbeitsplätzen und eines Anlaufpunktes für Touristen geschaffen. Zudem könnten auch politische oder wirtschaftliche Spannungen vermieden werden, wenn nicht allzu genau hingeschaut werde.
Ähnlich äußerte sich auch Petra Reski in dem Artikel von 20 Minuten. „Man freut sich über Investitionen, aber fragt nicht, woher das Geld kommt“, betont die auf die italienische Mafia in Deutschland spezialisierte Journalistin mit Blick auf die Behörden und warnt: „Tourismus und Gastronomie sind ein uraltes Standbein der Mafia.“
Mafia-Experte mit Theorie zu „Le Constellation“: Knotenpunkt für Investition von gewaschenem Geld?
Saviano verweist auch auf das Restaurant „Le Senso“, das ebenfalls Moretti gehört. Kunden hätten nach negativen Online-Bewertungen von aggressivem Verhalten, einer einschüchternden Atmosphäre, willkürlichen Einlasskontrollen und ungleicher Behandlung berichtet. Offenbar sollte das Lokal dem wohlhabenden Teil der Gesellschaft vorbehalten sein. Moretti habe sich mit Drohungen zur Wehr gesetzt. Etwa der, kritischen Studenten zu schädigen, indem er sie vor der Leitung von „Les Roches“, einer der weltweit renommiertesten Hotelfachschulen, verunglimpfe.
„Es ist die Sprache der Mafia, die von Grauzonen zeugt: Ich werde dich nicht schlagen, aber ich werde dir klarmachen, dass ich es könnte“, ordnet Saviano diese Auseinandersetzung ein. Über die korsische Mafia betont er, diese sei „die einzige europäische Organisation außerhalb Italiens, die ein vollständig mafiaähnliches Modell entwickelt hat“. Traditionell investiere sie in Bars, Restaurants, Diskotheken, Nachtklubs und Spielhallen.
In einem Video auf seinem YouTube-Kanal sagt der 46-Jährige über die Morettis und „Le Constellation“: „Ist das Lokal ein Lokal der Mafia? Das wissen wir noch nicht. Aber wir haben viele Hinweise darauf, die uns glauben lassen, dass es sich um einen Knotenpunkt für die Investition von gewaschenem Geld handelt, der bereits einen Schritt weiter geht als die Geldwäsche der korsischen Mafia.“
Barbesitzer mit Mafia-Kontakten? Saviano sieht „Geldwäscherprofil“ bei Morettis
Auch in der Sendung „Detto tra noi“ auf dem italienischsprachigen Schweizer TV-Sender Teleticino äußerte sich der Mafia-Experte und attestierte den Morettis „ein typisches Geldwäscherprofil“.
Allerdings weiß Saviano nur zu gut, wie schwierig es ist, diese Mafia-Methoden aufzudecken. „Wenn das bereits gewaschene Geld einem Unternehmer anvertraut wird, der mit einer Tasche voller Bargeld in die Schweiz kommt und bar zwei Lokale in einem wichtigen Tourismusgebiet kauft, wie soll ich dann den Weg des Geldes zurückverfolgen?“, gibt er zu bedenken.
Crans-Montana ist für ihn mehr als nur „der Ort einer Tragödie“, wie Saviano in dem erwähnten Zeitungsbeitrag schreibt: „Es ist das Symbol für ein Europa, in dem das Geld schneller fließt als die Fragen, in dem Macht vor dem Verbrechen ausgeübt wird, in dem Kontrollen erst nach den Todesfällen kommen.“
Die Brandkatastrophe in der Bar „Le Constellation“ könnte daher der Anlass sein, um nicht nur die Geschäfte der Morettis genauer zu beleuchten, sondern, um das große Dilemma in den Fokus zu rücken: „Wie viele Unternehmen in Europa wachsen heute, ohne dass irgendjemand hinterfragt, woher das Geld kommt und welche Macht dahintersteckt?“ Dies sei die richtige Frage. Nicht erst jetzt. (Quellen: nau.ch, Corriere della Sera, 20 Minuten, YouTube, Teleticino) (mg)