Afghanistan-Ortskraft appelliert an Merz: „Verantwortung für die Menschen, die ihr Leben riskierten“

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In Afghanistan arbeitete Samim Jabari für die Bundeswehr. Im Interview spricht er über seine frühere Arbeit, den harten Weg nach Deutschland und Merz’ Migrationskurs.

Berlin – „Odyssee einer Ortskraft der Bundeswehr“ – „Bundeswehr-Helfer in Kabul in Todesangst“ – „Wie ein Helfer der Bundeswehr um sein Leben bangt“: Ein Auszug aus einer Reihe von Schlagzeilen, mit denen deutsche Medien nach der Taliban-Machtübernahme in Afghanistan Samim Jabaris Geschichte beschrieben. Für Jabari fand das Bangen um sein Leben und das seiner Familie damals ein gutes Ende, insbesondere durch den medialen Druck, wie er heute sagt. Auf einem beschwerlichen Weg schaffte er es nach Deutschland.

Samim Jabari bei seiner Arbeit als TV-Journalist für die Bundeswehr in Afghanistan.
Samim Jabari (zweite Person von links) bei seiner Arbeit als TV-Journalist für die Bundeswehr in Afghanistan. © privat

Bis heute setzt er sich mit der Hilfsorganisation Mission Lifeline für jene Menschen ein, die in Afghanistan durch die Taliban bedroht sind und auf eine sichere Zukunft in Deutschland hoffen. Er selbst arbeitete vor der Taliban-Machtübernahme in Afghanistan rund sieben Jahre für die Bundeswehr. Wie viele frühere Ortskräfte und besonders gefährdete Afghaninnen und Afghanen fühlte auch Jabari sich im Sommer 2021 von Deutschland, von der Bundeswehr, im Stich gelassen. Im Interview mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media spricht er über seine frühere Arbeit, seinen Weg nach Deutschland und darüber, wie er auf den aktuellen Migrationskurs der Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz blickt.

Samim Jabari über den Afghanistan-Einsatz – Hoffnung und Moral der afghanischen Sicherheitskräfte

Herr Jabari, vor der Machtübernahme der Taliban haben Sie in Afghanistan rund sieben Jahre als TV-Journalist für die Bundeswehr gearbeitet. Wie kann man sich diese Arbeit vorstellen?

Meine Aufgabe war es, Medienproduktionen und TV-Berichte zu erstellen, um damit die afghanischen nationalen Sicherheitskräfte zu unterstützen. Aber es war mehr als nur ein Job für mich. Ich war eine bekannte und beliebte Person unter den afghanischen Sicherheitskräften. Sehr viele Soldaten kannten mich, und ich hatte eine wirklich liebevolle Verbindung mit ihnen. Manchmal war ich ein Journalist, manchmal fühlte ich mich wie ein Kommandeur, manchmal wie ein Ansager oder Freund.

Ich möchte eine kurze Erinnerung aus meinem Leben erzählen: In der Stadt, in der ich die afghanische Nationalarmee unterstützte, gab es ein großes Sicherheitsgelände. Eines Tages griffen die Taliban innerhalb dieses Geländes an und töteten Hunderte Soldaten, während diese beteten – die Soldaten waren unbewaffnet. Die Moral der Sicherheitskräfte war danach wirklich schlecht. Die meisten wollten die Reihen verlassen, weil sie merkten, dass es keine Garantie für ihr Leben gab.

Zu der Zeit war meine Hochzeit. In der Geschichte meines Landes war ich die erste Person, die eine Militäruniform während ihrer Hochzeitsfeier trug. Ich tat es, um die afghanischen nationalen Sicherheitskräfte zu unterstützen. Darüber wurde auch von verschiedenen nationalen und internationalen Medien berichtet. Afghanische Sicherheitskräfte aus dem ganzen Land riefen mich danach an und weinten; sie sagten mir, dass ich damit eine Hoffnung für sie gebracht hatte.

Ich wollte stolz darauf sein, dass ich daran mitgewirkt habe, Frieden, Frauenrechte, Bildung und Entwicklung in mein Land gebracht zu haben.

Welche Hoffnungen hatten Sie damals mit dem Einsatz und Ihrer Arbeit verbunden?

Ich habe mit der Bundeswehr gearbeitet, weil ich an ihre Werte geglaubt habe – Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Menschenrechte und Frieden. Ich wollte helfen, eine bessere Zukunft für Afghanistan aufzubauen. Die internationale Gemeinschaft, die Vereinigten Staaten und die deutsche Mission versprachen uns damals drei Dinge: Sie wollten gegen Terrorgruppen kämpfen, Sicherheit nach Afghanistan bringen und die Wirtschaft entwickeln. Sie versprachen, eine strahlende Zukunft für unser Land zu schaffen.

Zu dem Zeitpunkt war die Situation schlecht, wenn auch nicht so schlimm wie heute. Ich schloss mich ihnen an, um Teil dieser großartigen Mission zu sein. Ich wollte in 10 oder 20 Jahren stolz auf mich sein. Stolz, dass ich Teil davon war und daran mitgewirkt habe, Frieden, Frauenrechte, Bildung und Entwicklung in mein Land gebracht zu haben.

Jabari über die Zeit vor der Taliban-Machtübernahme: Deutsche ignorierten Warnung

Wie wir heute wissen, wurden diese Versprechen leider nicht erfüllt. Im April 2021 kündigte der damalige US-Präsident Joe Biden das Ende des Afghanistan-Einsatzes an – im August wurden die letzten Soldaten vom Flughafen Kabul abgezogen. Wie haben Sie damals diese Zeit vor der Machtübernahme der Taliban erlebt?

Als Journalist recherchierte ich immer und bewertete die Situation. Ich wusste, dass ohne internationale Unterstützung unsere Sicherheitskräfte nicht einmal einen Tag bestehen könnten. Das Essen, die Waffen – alles wurde von der internationalen Gemeinschaft bereitgestellt.

Als die Biden-Regierung plante, die US-Streitkräfte abzuziehen, kamen unsere deutschen Berater und sagten uns, dass sie auch gehen werden. Ich machte damals ein Treffen mit den Deutschen und warnte sie: Die Taliban werden täglich stärker, und ohne internationale Unterstützung werden sie eines Tages die Macht übernehmen und sie werden uns töten, weil wir ihre Feinde sind. Ich warnte: Unsere Sicherheitskräfte können nicht mit leeren Mägen, leeren Taschen und leeren Waffen gegen die Taliban kämpfen. Aber die Deutschen kümmerten sich nicht um das, was ich sagte. Sie feuerten mich zusammen mit 26 Kollegen, nachdem wir um Umsiedlung und Evakuierung gebeten hatten. Es war eine wirklich schlimme Situation vor dem 15. August 2021.

Und dann bewahrheitete sich Ihre Befürchtung und die Taliban eroberten das Land … wie ging es für Sie weiter?

Ich war in Masar-i-Scharif im Norden Afghanistans, als die Taliban nah an die Stadt kamen. Es war dann eine lange und harte Reise nach Kabul. Ich war allein und holte später meine Familie, meine Frau und unsere zwei Kinder, nach. Jeden Tag fühlte ich, dass die Taliban kommen, mich verhaften und töten würden. Jeder wusste, was ich in den Medien gegen sie getan hatte – so eine Medienproduktion ist wie eine Atombombe für die Taliban.

Mir ging es damals sehr schlecht, ich verlor Haare, ich verlor viel Gewicht. Jeden Tag schickte ich E-Mails und machte Anrufe an die Bundeswehr, aber sie ignorierten mich. Dann nutzte ich meine journalistischen Fähigkeiten und machte Druck auf die deutsche Regierung über die Medien. Schließlich bekam ich eine Zusage.

Jabaris Weg von Afghanistan nach Deutschland: „Einer der härtesten Momente in meinem Leben“

Wie kamen Sie dann nach Deutschland?

Es gab keinen genauen Evakuierungsplan am Flughafen von Kabul. Jeden Tag erhielt ich Anrufe vom Bundeswehr-Callcenter, zum Flughafen zu kommen. Aber wenn ich mit meiner Frau und unseren zwei Kindern dorthin ging, waren Tausende von Menschen dort, man hörte viele Schüsse – es war wirklich gefährlich.

Eines Tages erhielt ich dann ein Schreiben von der Bundeswehr mit einer Erlaubnis. Die Bundeswehr koordinierte mit den Taliban, dass lokale Angestellte in Autos steigen und in den Flughafen gelangen konnten. Aber als ich den deutschen Streitkräften die Erlaubnis zeigte, warfen sie mich aus dem Flughafen und sagten, sie erkennen das Schreiben nicht an. Eine Soldatin richtete sogar ihre Waffe auf mich und meine Familie. Das war einer der härtesten Momente in meinem Leben. In den Flughafen zu gelangen, war eine Art Hoffnung, dass ich dieses gefährliche Schlachthaus verlassen kann, das sich Afghanistan nennt.

Am Ende half mir Mission Lifeline. Sie engagierten einen Anwalt, und ich bekam Papiere von der Botschaft in Islamabad, um die pakistanische Grenze zu passieren. Von dort aus kam ich schließlich nach Deutschland.

Mit dem Wissen von heute: Würden Sie noch einmal für Deutschland, für die Bundeswehr arbeiten?

Das ist eine gute Frage. Als ich damals für die Bundeswehr arbeitete, fühlte ich mich stolz. Als sie mich verließen und sich nicht um mich kümmerten, bereute ich es. Aber die Mission war wertvoll – sie stand gegen Terrorismus und für Demokratie, Frieden und Menschenrechte.

Gerade jetzt habe ich keine besonderen Gefühle für die Bundeswehr. Ich konzentriere mich darauf, für Mission Lifeline zu arbeiten, um Leben zu retten. Aber wenn ich in Deutschland lebe und es einen Angriff auf Deutschland geben sollte, wäre ich die erste Person, die das Land verteidigt. Meine Kinder wachsen hier auf, ich arbeite hier – Deutschland ist mein Zuhause. Wenn jemand mein Zuhause angreift, muss ich es verteidigen.

Zwischen Deutschland und Afghanistan: „Ich lebe mit der Hoffnung, dass eines Tages diese Terrorgruppen fallen“

Im Jahr 2022 sagten Sie als Zeuge im Afghanistan-Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages aus. Damals sagten Sie, dass Ihre Gedanken noch in Afghanistan seien. Ist das immer noch so?

Ich liebe Deutschland wie mein zweites Zuhause – ich bin integriert, habe viele Freunde, arbeite hier, spiele Volleyball und baue mit meiner Familie ein Leben auf. Es war wirklich schwer, ein neues Leben mit einem völlig zerstörten Leben und einem traumatisierten Körper zu beginnen. Es war nicht einfach, aber ich wollte stark bleiben und fortfahren, und ich fühle mich gut, gerade jetzt hier in Deutschland.

Aber wenn ich die schlechte Situation der Frauen, die Sicherheitslage, die Wirtschaftslage, die Menschenrechte und den Hunger in Afghanistan sehe, fühle ich mich nicht wohl. Ich wurde in Afghanistan geboren, studierte dort, wuchs dort auf. Die meisten meiner Familienmitglieder sind noch dort. Ich lebe mit der Hoffnung, dass eines Tages diese Terrorgruppen fallen werden – kein Regime bleibt für immer. Wenn Afghanistan wieder sicher ist, werde ich zurückgehen und fortsetzen, was ich vor dem Taliban-Regime getan habe. Jetzt gerade ist es 50:50 – Afghanistan und Deutschland.

Berichte aus Afghanistan: Taliban töten früheren GIZ-Mitarbeiter vor den Augen seiner Frau

Teil Ihres Lebens hier in Deutschland ist die Arbeit für die Hilfsorganisation Mission Lifeline. Dort setzen Sie sich für andere Ortskräfte und gefährdete Afghaninnen und Afghanen ein. Was berichten Ihnen diese Menschen, die nicht in Sicherheit sind?

Ich war damals der erste Afghane, den Mission Lifeline unterstützt hat, und ich öffnete dann quasi eine Tür für andere Afghanen. Bis jetzt wurden Hunderte Afghaninnen und Afghanen durch Mission Lifeline gerettet. Ich bin stolz, dass ich einen Teil dazu beitragen konnte, und ich arbeite weiter für die Menschen, die durch die Taliban bedroht sind. Immer noch, jeden Tag und jede Nacht erhalte ich Nachrichten von Menschen, die berichten, was die Taliban tun: Sie töten lokale Angestellte – zum Beispiel wurde ein früherer GIZ-Mitarbeiter vor den Augen seiner Frau getötet. Andere berichten, dass die Taliban auf sie geschossen haben, sie verletzt haben. Viele verstecken sich an sicheren Orten und warten darauf, evakuiert zu werden. Es gibt immer noch so viele Menschen, die Hilfe brauchen, und Deutschland ignoriert sie.

Kritik an Merz’ Migrationskurs: „Es ist unmenschlich, diese Menschen in Afghanistan zurückzulassen“

Die Bundesregierung sieht sich an eine Reihe von Aufnahmezusagen nicht gebunden – zuletzt zog sie Zusagen von einigen in Pakistan wartenden Afghaninnen und Afghanen zurück. Wie blicken Sie auf den Umgang der aktuellen Regierung mit früheren afghanischen Ortskräften und anderen besonders gefährdeten Afghaninnen und Afghanen?

Die deutsche Regierung hat eine Verantwortung für die Menschen, die für sie arbeiteten und ihr Leben riskierten. Aber gerade jetzt sind die Türen für Afghanen völlig geschlossen. Es ist wirklich unmenschlich, all diese Menschen zu vergessen und sie in Afghanistan zurückzulassen; sie haben keinen Job, sie haben kein Essen, sie haben keinen Ort zum Leben. Ohne lokale Angestellte hätte Deutschland seinen Job in Afghanistan nicht machen können. Als Deutsche in Afghanistan waren, schätzten sie uns. Aber jetzt, wo wir Hilfe brauchen, vergessen sie uns. Das ist nicht fair.

Als Mensch und als Person, die für Deutsche in Afghanistan arbeitete, bitte ich nur, diese strenge Migrationspolitik gegen Afghanen zu stoppen und Türen zu öffnen. Wir sind keine schlechten Menschen. Aufgrund einzelner Krimineller sind nicht alle Afghanen Kriminelle. Ich kenne viele afghanische Ärzte und Ingenieure hier in Deutschland, die einen wirklich guten Job machen. Auch diese Menschen sind Afghanen. Wenn wir eine Chance bekommen, können wir uns integrieren und ein Leben hier aufbauen. Ich will von Politikern, von denen, die Entscheidungen treffen, dass sie ihre Denkweisen überprüfen und aufhören, Afghanen als Kriminelle zu betrachten. (Interview: Paula Völkner)

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