Bundesland streicht schriftliches Dividieren in Grundschulen – Aufschrei folgt: „Traut den Kindern nichts zu“

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Spätestens ab 2027 müssen Kinder in Niedersachsens Grundschulen nicht mehr schriftlich dividieren. Das Kultusministerium stößt auf Unverständnis.

Hannover – Schluss mit dem Dividieren mit „Rattenschwanz“ – so nennen viele das schriftliche Teilen mit seinen endlosen Zahlenkolonnen. Ab dem Schuljahr 2026/27 müssen sich Niedersachsens Grundschülerinnen und -schüler der ersten zwei Jahrgänge nicht mehr damit herumschlagen, spätestens ein Jahr darauf auch die Klassen drei und vier. Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Bündnis 90/Die Grünen) streicht das Rechenverfahren aus dem Lehrplan – und stoßt dabei auf heftige Kritik.

Ein Junge macht seine Hausaufgaben am Schreibtisch.
Nach Bremen und Berlin will Niedersachsen künftig auf das schriftliche Dividieren in Grundschulen verzichten. (Symbolbild) © Zoonar/Imago

Nach Angaben des niedersächsischen Kultusministeriums folgt der Beschluss auf eine Entscheidung der Kultusministerkonferenz aus dem Jahr 2022. Was bei der Diskussion gerne außen vor gelassen wird: „Mit dem überarbeiteten Kerncurriculum wird das Lernen der schriftlichen Division selbstverständlich nicht abgeschafft“, heißt es vom Kultusministerium. „Sie wird in der Grundschule durch das Lernen von Teilschritten angebahnt und an der weiterführenden Schule endgültig gelernt.“

Grundschulen in Niedersachsen verzichten auf schriftliches Dividieren – Debatte bricht vom Zaun

„Alle Schülerinnen und Schüler in Niedersachsen werden es weiter erlernen“, beschwichtigt das Kultusministerium nach Berichten über die anstehende Änderung. Verbindlich werde die schriftliche Division künftig zwar erst in der Sekundarstufe I, also ab Klasse 5, statt in der Grundschule unterrichtet. Aber: „Auch in den Grundschulen lernen die Kinder künftig bereits Teilschritte der schriftlichen Division, endgültig gelernt wird es dann in der weiterführenden Schule“, so eine Sprecherin.

Trotzdem war der Aufschrei nach der Bekanntgabe, künftig auf das schriftliche Dividieren in Grundschulen zu verzichten, groß. Unter einem Facebook-Beitrag von NDR Niedersachsen tummeln sich tausende Nutzerinnen und Nutzer, die ihre Meinung kundtun. „Warum muss man alles ändern? Hat doch bis jetzt funktioniert“, schreibt einer. Eine andere fragt, was daran so schwer sei. „Man traut den Kindern so gar nichts mehr zu, kein Wunder, dass sie Bildungsmäßig immer schlechter werden.“

Doch nicht alle sehen den Beschluss negativ: „Ich oute mich jetzt mal: Das war das erste, woran ich in meinem Leben, damals in der Grundschule, so richtig gescheitert bin. Habe es bis heute nicht verstanden. Habe trotzdem Abi gemacht und studiert“, kommentiert eine Nutzerin unter dem Beitrag – und bekommt Zuspruch: „Geht mir genauso“, antwortet eine. Wieder ein anderer schreibt: „Da muss man sich nicht schämen! Es werfe derjenige den ersten Stein, der keinen Taschenrechner benutzt.“

Halbschriftlich statt schriftlich: So sollen Niedersachsens Grundschüler künftig dividieren

Laut dem niedersächsischen Kultusministerium stelle die schriftliche Division „das komplexeste aller schriftlichen Rechenverfahren“ dar. Sie erfordere das sichere Zusammenspiel des Teilens, Multiplizierens und Subtrahierens und sei anfällig für typische Fehlerquellen. Eine zu frühe Einführung könne daher dazu führen, dass die Schülerinnen und Schüler Rechenwege anwenden, ohne sie zu verstehen. „Solche Defizite können langfristige Folgen haben. Denn Mathematik baut aufeinander auf.“

Rechnung
So geht schriftliches Dividieren nach alter Schule. © Grafik: MM

Franz-Josef Meyer vom Verband Bildung und Erziehung sagt gegenüber dem NDR: „Viele Mathelehrkräfte in den Grundschulen werden aufatmen, wenn sie ihre Schülerinnen und Schüler nicht mehr mit dem komplexen und fehleranfälligen Verfahren des schriftlichen Dividierens quälen müssen.“ Professor Ralph Schwarzkopf, Mathematikdidaktiker an der Universität Oldenburg, erklärt gegenüber dem Sender: „Zukünftig wird es verschiedene Wege für die Kinder geben, eine Zahl zu teilen.“

Die Kinder würden demnach Strategien erlernen, eine Zahl zu dividieren. Zwar sei das bisherige Verfahren gestrichen, aber natürlich nicht die Rechenart, die auf die Kinder in Klasse 4 zukomme, so Schwarzkopf. Gemeint ist damit die halbschriftliche Methode, bei der größere Zahlen zunächst in leichter zu teilende Schritte zerlegt werden. Danach werden die Ergebnisse addiert. Dem Kultusministerium zufolge würden Kinder so ein „tieferes mathematisches Verständnis“ entwickeln.

Beispiel für halbschriftliche Division

168 : 6 = ?
120 : 6 = 20
48 : 6 = 8
20 + 8 = 28

Ergebnis: 168 : 6 = 28

Fachleute sind sich uneinig: „Traditionelle Fähigkeiten gehen verloren“

Katja Tank vom Schulleitungsverband in Niedersachsen ist zwiegespalten. Viele Mathematiklehrkräfte würden mit Unverständnis reagieren. Mit dem bisherigen regelgeleiteten Dividieren würden Kinder schneller zu Erfolgen kommen, so die Lehrkräfte. „Wenn man es aber in Mathematik schafft, verstehensorientiert zu arbeiten, dann kann der Ansatz vielleicht auch gelingen.“ Schule müsse sich verändern, weil sich auch die Kinder verändert hätten, sagt Schulleiterin Tank dem NDR.

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Stefan Düll, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, warnt gegenüber der Bild: „Traditionelle Fähigkeiten gehen verloren.“ Er betont: „Gerade in Mathematik wird eigentlich gelernt, auf verschiedenen Wegen zur Lösung zu kommen.“ Die Änderung könne sich auf den weiterführenden Schulen rächen. Laut einer Studie herrscht indes immer noch das Vorurteil, Jungen wären in Mathematik besser als Mädchen. (Quellen: dpa, niedersächsisches Kultusministerium, Facebook, NDR, Bild) (cln)

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