Autobranche in der Krise: Valeo schließt Werk in Bad Neustadt. 143 Mitarbeiter verlieren ihren Job. Auch in Ebern fallen 134 Stellen weg.
Bad Neustadt/Erlangen/Paris – Der französische Autozulieferer Valeo gibt seinen Standort in Bad Neustadt an der Saale vollständig auf. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Paris stellt Komponenten und Systeme für Autos und Nutzfahrzeuge her. Die rund 183 Mitarbeiter wurden am Mittwoch über das endgültige Aus informiert, wie ein Konzernsprecher bestätigte. Mindestens 143 Beschäftigte verlieren ihren Arbeitsplatz, 40 weiteren wird ein Wechsel an den etwa 140 Kilometer entfernten Standort Erlangen angeboten. Die Zahlen könnten sich allerdings noch ändern, betonte der Sprecher.
Noch vor einigen Jahren beschäftigte das Werk in Bad Neustadt noch mehr als 500 Mitarbeiter. Die Produktion wurde allerdings bereits vor Jahren eingestellt, zuletzt arbeiteten die verbliebenen Beschäftigten im Bereich Forschung und Entwicklung.
Vom Vorzeigeprojekt zum Auslaufmodell: Gewerkschaft spricht von „Skandal“
Die IG Metall reagierte mit deutlichen Worten auf die Schließungspläne. „Diese Entscheidung ist ein Skandal und ein Schlag ins Gesicht der verbliebenen Beschäftigten, die mit Herzblut am Erhalt des Standortes gearbeitet haben“, sagte Reiner Gehring von der IG Metall. „Statt gemeinsam nach Lösungen zu suchen, will sich das Unternehmen aus der Verantwortung ziehen.“ Die Gewerkschaft hatte bereits Ende 2023 vor genau dieser Entwicklung gewarnt. „Wir haben klar gesagt: Ein Entwicklungsstandort ohne dazugehörige Produktion wird in diesem Konzern keine Zukunft haben“, so Gehring. Der Arbeitgeber habe dies damals noch vehement bestritten.
Die stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Jessica Reichert beschrieb die Stimmung unter den Mitarbeitern: „In der Belegschaft ist jedem die Bestürzung anzusehen. Diese Nachricht ist ein Schock für uns. Es geht um Existenzen.“ Wann genau die Schließung vollzogen werden soll, ließ das Unternehmen zunächst offen. Ein genauer Zeithorizont existiere noch nicht, erklärte der Valeo-Sprecher. Er gehe aber davon aus, dass vieles im laufenden Jahr 2026 passieren werde.
Kontinuierlicher Kahlschlag seit sechs Jahren – auch Ebern massiv betroffen
Parallel zur Schließung in Bad Neustadt kündigte Valeo auch am Standort Ebern im Landkreis Haßberge massive Einschnitte an. Insgesamt sind dort 134 Arbeitsplätze betroffen, wie Andrea Sicker, die zweite Bevollmächtigte der zuständigen IG Metall in Bamberg, auf Anfrage des Bayerischen Rundfunks mitteilte. Davon entfallen 109 Stellen auf den Bereich Forschung und Entwicklung. Die Entwicklungsabteilung in Ebern wird komplett geschlossen. 37 der 109 Betroffenen bekommen Angebote, nach Erlangen zu wechseln.
„Der Arbeitsplatz-Abbau läuft kontinuierlich seit etwa sechs Jahren. Von den 1.650 Stellen hat Ebern schon fast 1.000 verloren – und jetzt kommen noch die 134 weiteren Stellen dazu“, erklärte Sicker gegenüber dem BR. „Das ist wirklich bitter – zumal wir von der IG Metall und auch der Betriebsrat schon länger auf die Missstände hingewiesen haben. Wir haben neue Produkte für den Standort gefordert, zum Beispiel im Bereich Elektromobilität. Aber aus der Historie heraus ist Ebern vom Verbrennungsmotor abhängig.“ Valeo habe nicht gegengesteuert.
In den vergangenen zwei Jahren habe Valeo in Ebern bereits 280 Stellen abgebaut, berichtete der Bayerische Rundfunk. Sicker kritisierte auch die „Kostenstrukturen, interne Bürokratie und ineffiziente Abläufe“ bei Valeo in Ebern. Sie befürchtet, dass wenig Spielraum für „Sozialverträglichkeit“ beim Stellenabbau bleibt. Wenn eine ganze Abteilung geschlossen werde, sei das eine neue Dimension. Andrea Sicker hat die Sorge, dass Valeo den Standort Ebern langfristig ebenfalls komplett schließen wird: „Wenn hier keine Entwicklungsabteilung mehr ist, was soll dann noch produziert werden?“
Bürgermeister sieht Stadt in Gefahr – Konzern verweist auf schwierige Marktlage
Valeo begründet die Entscheidungen mit der schwierigen Lage der Automobilindustrie und dem hohen Wettbewerb aus dem Ausland. Dies zwinge das Unternehmen, seinen Forschungs- und Entwicklungsansatz anzupassen und die Aktivitäten in größeren Zentren zusammenzufassen. Der Standort Erlangen soll durch die Verlagerung der Kompetenzen aus Bad Neustadt und Ebern gestärkt werden. Dort beschäftigt Valeo nach eigenen Angaben Ende 2024 insgesamt 7.402 Mitarbeiter in Deutschland, verteilt auf 18 Standorte mit Schwerpunkt in Bayern und Baden-Württemberg.
Jürgen Hennemann, Bürgermeister von Ebern, äußerte deutliche Kritik am Vorgehen des Unternehmens. „Ein weiterer Personalabbau bei Valeo im Werk Ebern trifft nicht nur die betroffenen Mitarbeiter, sondern die gesamte Stadt Ebern. Mit dem Wegfall von qualifizierten Arbeitsplätzen geht uns Kaufkraft verloren. Der Industrie-Standort Ebern wird durch solche Entscheidungen stark geschwächt“, sagte Hennemann gemäß dem BR. Er habe kein Verständnis für diese Maßnahmen. Das sei ein Kahlschlag für den Industriestandort, der die Region jahrzehntelang geprägt habe.
Das Landratsamt Rhön-Grabfeld bezeichnete die Entscheidung als schweren Schlag für den Industriestandort und den ländlichen Raum in Bayern. Der „schleichende Abbau von Industriearbeitsplätzen im Bereich Automotive und Maschinenbau“ erfordere „gewaltige Gegenanstrengungen bundesweit, von der Bayerischen Staatsregierung, den Verantwortlichen vor Ort und den Beschäftigten“. Landrat Thomas Habermann kündigte an, „mit aller Kraft nach zeitnahen Zukunftsperspektiven für die betroffenen Beschäftigten“ zu suchen. Die Region Main-Rhön befindet sich seit vielen Jahren in einer Industriekrise. Vor allem Schweinfurt ist von einem massiven Stellenabbau betroffen. Tausende Menschen verlieren ihre Jobs oder haben sie bereits verloren, etwa bei ZF, SKF oder Schaeffler. Auch der Automobilzulieferer Preh in Bad Neustadt hat bereits Stellen gestrichen. Als Grund nennen die Firmen die allgemein schwierige Situation der Wirtschaft und die Auftragslage, aber auch die Flaute im Bereich Elektromobilität, wie der Bayerische Rundfunk berichtete. (ls/dpa)