Manchmal muss man im Leben einfach sein Herz in die Hand nehmen und den ersten Schritt wagen – egal in welchem Alter. So wie Liliane, die in einem Seniorenheim in Saint-Privat-du-Dragon (Haute-Loire) in Frankreich lebt. Sie fühlte sich so einsam, dass sie einen herzzerreißenden Aufruf auf Facebook startete.
"Mein Name ist Liliane und in ein paar Monaten werde ich 90 Jahre alt", beginnt sie ihren Aufruf. "Es ist ein Alter, das langsam erreicht wird, mit schwindenden Kräften, aber mit einem weiterhin sehr starken Herzen. Heute möchte ich Ihnen einen einfachen und wertvollen Wunsch anvertrauen: Ich möchte Briefe und Postkarten von Leuten erhalten, die mich kennen oder vielleicht noch nicht."
Liliane (89) bittet über Facebook, ihr Briefe zu schreiben: "Erzählt mir von eurem Dorf, eurem Tag, von einer Anekdote"
Liliane ist verwitwet und lebt seit zwei Jahren in dem Altersheim. "Hier habe ich wahren Frieden gefunden", schreibt sie. "Mein Zimmer ist ein kleiner Zufluchtsort. Ich habe dort meine Bücher, Erinnerungen und Fotos aufgestellt. Das sanfte Licht, das am Morgen durch das Fenster fällt, erinnert mich daran, dass jeder Tag noch schön sein kann."
Schreiben und Lesen sind ihre wertvollsten Begleiter geworden. Ihre Beine tragen sie nicht mehr so gut wie früher, doch ihre Gedanken sind lebendig. "In den Briefen finde ich eine Welt, in der ich noch reisen kann. Die Post ist für mich ein Schatz."
Sie endet mit einer Bitte: "Erzählt mir von eurem Dorf, eurem Tag, von einer Anekdote, einer Erinnerung, einem Traum oder von dem, was euch sonst auf dem Herzen liegt. Ich werde sie mit der gleichen Aufmerksamkeit lesen wie ein Geschenk."
Nur zehn Tage nach dem Aufruf war die Überraschung groß: Liliane ertrank geradezu in Post. "Sie kam von überall, aus Pau, aus Lyon. Ich habe sie von Inseln bekommen, von Ärzten, Enkeln und Lehrern", erklärte die Rentnerin gegenüber RTL.fr. Sie ist fest entschlossen, allen zu antworten.
Soziologe warnt: "Noch nie waren so viele alte Menschen so einsam wie heute"
Eine zunehmende Einsamkeit alter Menschen auch in Deutschland beklagt der Gießener Soziologe Reimer Gronemeyer. Früher hätten alte Menschen in der Familie, in der Kirche und in Vereinen einen Platz gehabt; diese Bezugspunkte fehlten heute oft, so Gronemeyer. "Noch nie waren so viele alte Menschen so einsam wie heute."
Das Robert Koch-Institut (RKI) hat zwischen Juni 2021 und April 2022 Personen ab 65 Jahren in Deutschland zu ihrem Gesundheitszustand und möglicher Einsamkeit befragt. Im Rahmen dieser Umfrage gaben laut "Statista" rund 29 Prozent der weiblichen Befragten über 80 Jahren an, dass sie sich einsam fühlen würden.