„Es muss für ganz Dachau ein Gewinn sein“: Dachaus OB Hartmann über die Zukunft des MD-Geländes

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Seit Jahren klafft mitten in Dachau ein riesiges, knapp 14 Hektar großes Loch. 2007 war die ehemalige Papierfabrik stillgelegt worden, zwölf Jahre später begann der Rückbau der alten Industrieanlagen. Wann und wie das Areal nun endlich bebaut werden darf, ist aber noch immer nicht geklärt.

MD-Papierfabrikgelände
Was heute noch eine Brache ist, soll eines fernen Tages ein lebendiger Stadtteil werden. Die Stadt wünscht sich für ihr „Mühlbachviertel“ eine ansprechende Wohnarchitektur, Gewerbe und Grünflächen. Nur einige wenige Gebäude werden dann noch an die alte Geschichte der Papierfabrik erinnern. © schafflik

Herr Hartmann, im Jahr 2019 hatten wir beide ein ausführliches Gespräch über das MD-Gelände geführt. Es ging viel um Gestaltungsfragen, um Architektur und Verkehr. Wenn ich mir das Gelände heute ansehe, hat sich aber eigentlich nicht viel verändert. Oder irre mich?

Florian Hartmann: Ja, denn es ist einiges passiert!

Ehrlich? Was denn?

Natürlich, wenn ich vorbeifahre, ist es immer noch eine Brache. Aber nun sind alle Altlasten entsorgt und alle Gebäude, die nicht unter Denkmalschutz stehen, abgerissen. Außerdem hat 2020 eine Kommunalwahl stattgefunden.

Was genau hat die Kommunalwahl vor knapp sechs Jahren mit dem MD-Gelände zu tun?

Es wurden einige neue Stadträte gewählt. Deshalb haben wir uns gemeinsam das Gelände nochmal angeschaut. Das Ergebnis war ein Beschluss – Moment, ich habe es mir extra rausgesucht – vom Februar 2022, der vorsah: weniger Wohnbebauung, mehr Gewerbe und mehr Grünflächen.

Ich komme wieder zum Anfang zurück: Passiert ist aber eigentlich trotzdem nichts.

Doch. Am 20. September 2022 gab es einen öffentlichen Erörterungstermin, bei dem wir den Bürgerinnen und Bürgern die Planung vorgestellt und ihnen erklärt haben, wie sie dazu ihre Stellungnahmen abgeben können. Das ist nun passiert, weshalb der Bauausschuss zuletzt diese Stellungnahmen auch ausführlich behandelt hat. Natürlich kostet das alles Zeit, aber es ist uns eben wichtig zu erfahren, was die Bürger darüber denken.

Dachaus OB Florian Hartmann spricht über das MD-Gelände.
Dachaus OB Florian Hartmann spricht über das MD-Gelände. © dn

Und nun, wie geht es weiter?

Nun können die Fachbehörden ein zweites Mal Stellung nehmen. Anschließend wird ein städtebaulicher Vertrag mit dem Investor unterzeichnet und unser bisheriger Bebauungsplanentwurf angepasst. Zu diesem können die Bürgerinnen und Bürger dann ein zweites Mal Stellung beziehen. Über den Plan und die möglichen Einwände wird danach im Stadtrat entschieden. Dann hat der Investor Baurecht.

Von welchen Zeiträumen sprechen wir da?

Ich denke, im Sommer 2026 wird der städtebauliche Vertrag fertig, dann folgt die zweite Bürgerbeteiligung. 2027 sollte der Bebauungsplan dann fertig sein.

Was genau regelt dieser städtebauliche Vertrag?

Wenn man technisch spricht, würde man sagen: Da ist jede Schraube geregelt. In unserem Fall geht es aber nicht um Schrauben, sondern um Bäume, Straßen, Wege, Häuser. Da wird sogar geregelt, wo und in welcher Größe die Bäume stehen werden. Am Ende des Tages hat der Vertrag ein paar Hundert Seiten.

Was passiert, wenn der Investor sagt: Das dauert mir alles zu lange, die Forderungen der Stadt kosten mich zu viel Geld.

Das kann Ihnen immer passieren, dass ein Investor sagt, ich mag jetzt nicht mehr oder mir ist es zu teuer. Die Signale habe ich allerdings nicht vom Investor. Man muss jetzt auch bedenken: Wir haben ja nicht irgendeinen Investor.

Vonovia heißt er inzwischen...

Genau. Die Vonovia ist das größte Wohnungsbauunternehmen Deutschlands mit einem hohen Bestand an Mietwohnungen. Wir hier haben ein sehr interessantes Grundstück mit einer deutschlandweit vermutlich einmalig guten Innenstadtlage. Und genau diese Kombination macht mich schon optimistisch, dass das am Ende etwas Gutes wird. Selbst wenn Stahl oder Beton in den vergangenen Jahren teurer geworden sein mögen.

Aber was wäre, wenn die Vonovia pleite geht und deshalb das Projekt beendet?

Wenn eine Firma wie Vonovia pleitegeht, dann fürchte ich, hat Deutschland ein Problem, nicht nur Dachau. Aber grundsätzlich muss man betonen: Wir haben einen städtebaulichen Vertrag. Und dieser Vertrag gilt auch für einen möglichen Rechtsnachfolger. Rosinenpickerei in dem Sinne, dass zum Beispiel nur der lukrativere südliche Teil des Geländes bebaut und vermarktet wird, kann es nicht geben. Wir haben eine vertraglich fixierte Baureihenfolge, die eingehalten werden muss. Der Investor kann wahrscheinlich im Süden beginnen, aber dann muss er sich schwierigeren Bereichen widmen, ehe er an anderen lukrativen Stellen weitermachen kann.

Unendliche Geschichte

Die München-Dachauer Papierfabriken Aktiengesellschaft wurde im Jahr 1862 gegründet und war zeitweise eine der größten Papierfabriken Deutschlands. Im Jahr 2007 aber war Schluss, als der damalige Eigentümer, die finnische Familie Myllykoski, die Papierproduktion nach Niederbayern verlagerte. 2017 kaufte die Isaria Wohnbau AG das 14 Hektar große Areal. Deren Eigentümer war zunächst der texanische Finanzinvestor Lone Star, ab 2020 dann der Immobilienkonzern Deutsche Wohnen. Nur ein Jahr später übernahm Vonovia die Deutsche Wohnen. Aktuell ist das Tochterunternehmen Buwog für die Entwicklung des Dachauer MD-Geländes verantwortlich.

Aus Ihren Worten entnehme ich, dass Sie ein gutes Verhältnis zum Investor pflegen?

Die Vonovia hat sich als verlässlicher, guter Partner erwiesen. Natürlich hat ein Investor auch mal andere Vorstellungen als eine Stadt. Aber ich finde, dass wir hier in einer sehr vertrauensvollen Zusammenarbeit viele Punkte klären konnten. Wir verhandeln hart, aber am Ende muss ich sagen, haben wir immer eine Lösung gefunden.

Das Verfahren zieht sich nun seit vielen Jahren hin. Verstehen Sie, dass manche Bürger irgendwie das Gefühl haben, die Stadt kriegt das nicht auf die Reihe? In China werden in dieser Zeit vermutlich ganze Städte gebaut.

Ja, das verstehe ich schon. Auf der anderen Seite muss man in China dann halt auch akzeptieren, wenn einen der Staat zwangsräumt und das Haus abreißt. Was uns in Dachau oder Deutschland betrifft, kann ich nur sagen: Natürlich würde ich mir wünschen, dass manche Verfahren schneller gehen würden. Aber am Ende ist es ja die Gesellschaft, die genau diese Verfahren will. Ich weiß gar nicht, wie viele Gerichte fast nur damit beschäftigt sind, Klagen von Bürgerinnen und Bürgern zu behandeln, deren Nachbarn vermeintlich zu laut sind oder deren Gartenhecke zu hoch ist.

Ein deutschlandweit vermutlich einzigartiges Grundstück: das 14 Hektar große, frühere Papierfabrikgelände. Aus der Brache neben der Altstadt soll in mittlerer bis ferner Zukunft ein neuer Stadtteil für gut 2000 Bewohner entstehen.
Ein deutschlandweit vermutlich einzigartiges Grundstück: das 14 Hektar große, frühere Papierfabrikgelände. Aus der Brache neben der Altstadt soll in mittlerer bis ferner Zukunft ein neuer Stadtteil für gut 2000 Bewohner entstehen. © mm

Es gibt ja Stimmen in der Stadt und im Wahlkampf, die fordern, dass das MD-Gelände ein reines Gewerbegebiet bleibt. Ohne Wohnungen. Wäre das theoretisch überhaupt möglich?

Zum jetzigen Zeitpunkt wäre das theoretisch schon möglich. Aber dann kann passieren, dass der Investor sagt: Das will ich nicht, dann bin ich weg. Das würde bedeuten, dass es dann keine Grünflächen gibt, keine neue Straße entlang der Bahn, einfach gar nichts. Die Brache würde bleiben. Außerdem muss man sich schon auch fragen, wie sinnvoll das ist, mitten in der Stadt so viel Gewerbe anzusiedeln. Also mir als Nachbar würde grauen vor dem ganzen Lkw-Verkehr.

Wie viel Geld musste die Stadt bislang ausgeben für die Planungen? Und was zahlt der Investor?

Der Investor hat für alle Gutachten bezahlt, die den Bebauungsplan betreffen. Außerdem zahlt er den Landschaftsplaner und den Stadtplaner. Wir zahlen lediglich zum Teil die Straßenplanung, da diese Straßen ja nicht nur das MD-Gelände, sondern auch darüber hinaus die ganze Stadt betreffen. In Summe haben wir bis jetzt zirka 1 Million Euro ausgegeben. Sicher nicht mehr!

Würden Sie sagen, dass es im Rückblick richtig war, dass die Stadt das MD-Gelände damals nicht gekauft hat?

Im Nachhinein ist man immer schlauer. Ich glaube, ein Fehler war, dass sich der damalige Stadtrat im Jahr 2007 nicht ernsthaft damit auseinandergesetzt hat, das Gelände zu kaufen.

Zuletzt ging es im Stadtrat um die Frage, wie der Verkehr geführt wird, wenn die neue Bahnunterführung an der Freisinger Straße gebaut wird. Gibt es da schon Neues von der Bahn?

Die Bahn steht im Prinzip auf dem Standpunkt, dass sie den Bahnübergang während der Bauarbeiten einfach sperren kann. Wir vertreten den Standpunkt, dass das nicht geht und wir eine andere Lösung brauchen. Wir haben einen ersatzweisen Bahnübergang vorgeschlagen, der allerdings sehr teuer wäre. Die Idee der Bahn war eine Umfahrung über die Ostenstraße, für die aber die dortige Unterführung ausgebaut werden müsste.

Was wäre Ihre persönliche Präferenz?

Wenn es baulich funktionieren würde und man die Unterführung an der Ostenstraße für Feuerwehr- und Rettungsfahrzeuge tatsächlich ausbauen könnte, dann wäre das natürlich schon ein dauerhafter Vorteil für die Anwohner. Im Ernstfall wäre es nämlich eine enorme Zeitersparnis, wenn der Krankenwagen einfach durch die ausgebaute Unterführung fährt und nicht, wie jetzt, außen herum. Aber dann brauchen wir zum Schutz der Anwohner eine Regelung des Durchgangsverkehrs. Eine Durchfahrt von Lkws durch die Ostenstraße muss ausgeschlossen sein, sowohl während der Bauzeit der Unterführung an der Freisinger Straße und der Bebauung des MD-Geländes als auch danach.

Letzte Frage: Sie haben im vergangenen Sommer angekündigt, dass Sie das neue Dachauer Hallenbad mit einem Sprung vom Ein-Meter-Turm einweihen wollen. Was überlegen Sie sich für den ersten offiziellen Spatenstich auf dem MD-Gelände?

Das muss der Investor entscheiden, ob er sowas überhaupt machen will. Außerdem dürfte das schon noch bis 2028 dauern, was heißt, dass davor ja noch eine Oberbürgermeisterwahl stattfindet. Mir ist im Moment daher eigentlich nur eins wichtig, egal wie lange es noch dauert: Es muss am Ende ein Gewinn sein für ganz Dachau.