Die Nachfrage nach Beratung durch Verfahrenslotsin Claudia Sterr hat sich fast verdoppelt. Doch sie kritisiert auch strukturelle Mängel in der Versorgungslandschaft.
Claudia Sterr ist seit 1. März 2024 als Verfahrenslotsin im Landratsamt Erding tätig. Sie begleitet und unterstützt junge Menschen im Alter von null bis 27 Jahren mit einer körperlichen, geistigen und/oder seelischen Beeinträchtigung sowie deren Familien. Jetzt zog Sterr im Jugendhilfeausschuss Bilanz über die vergangenen Monate.
Dabei wurde deutlich: Der Bedarf an derartiger Beratung steigt. Waren es in den zehn Monaten im Jahr 2024 noch 37 Familien und 123 Kontakte, registrierte Sterr bis zum 30. September 2025 bereits 72 Familien und 240 Kontakte – „die Zahlen haben sich fast verdoppelt“, so die 62-Jährige.
Vertraulich, kostenfrei, auf Wunsch anonym
Sie begleitet Familien sowie junge Menschen und lotst sie durch die Verfahren der Eingliederungshilfe – individuell, vertraulich, unabhängig, kostenfrei und auf Wunsch auch anonym. Die Beratung findet persönlich am Alois-Schießl-Platz 8, daheim bei den Betroffenen, telefonisch, schriftlich oder per Video-Call statt.
Zu Beginn steht ein Orientierungsgespräch, um die persönliche Situation zu erfassen. Danach erfolgt die Einschätzung des Hilfebedarfs. Anschließend werden mögliche Hilfsangebote aufgezeigt. Die (potenziell) leistungsberechtigten jungen Menschen in ihrer Beratung seien zum Großteil im Kindergarten- und Grundschalter zwischen drei und zehn Jahren (37), gefolgt von den 21- bis 27-Jährigen (12). Diese Altersgruppe sei zuletzt vermehrt zu ihr gekommen.
Zur Person
Die Verfahrenslotsen-Stelle wurde 2024 neu geschaffen und geht auf das Kinder- und Jugendstärkungsgesetz vom 10. Juni 2021 zurück. Claudia Sterr (62) ist studierte Sozialpädagogin (B.A.) und hat eine Ausbildung zur pädiatrischen Pflegefachkraft absolviert. In ihrer vorherigen Tätigkeit als Angehörigenberaterin hat sie Familien begleitet, in denen Kinder oder Jugendliche lebensbedrohlich erkrankt oder durch Mehrfachbehinderungen beeinträchtigt waren. Dabei konnte sie auch ihre Weiterbildung zur Pflegeberaterin nutzen. Davor war Sterr in einer stationären Suchthilfeeinrichtung beschäftigt und davor auf einer Geburtsstation als pädiatrische Pflegefachkraft tätig. Berufsbegleitend hat Sterr ihr Fachabitur nachgeholt und Soziale Arbeit studiert. Dies habe ihr die theoretischen Grundlagen und methodischen Ansätze vermittelt, die sie nun als Verfahrenslotsin gezielt einsetzen kann, wie es auf der Homepage des Landratsamts heißt.
Sterr berät zu Themen rund um Kita und Schule, von Kindergartenausschluss bis Lerntherapie. Die Teilhabe am Arbeitsleben und am Wohnen ist ein weiterer Bereich – von der Werkstattbefähigung bis hin zu inklusiven Praktikumsplätzen, von Wohnheimen für junge Erwachsene mit geistiger Beeinträchtigung bis hin zu Wohnmöglichkeiten für psychisch kranke junge Erwachsene. Daneben hilft sie bei Fragen rund um die Pflegeversicherung, etwa bei Pflegegrad-Anträgen.
Sterr schilderte aus der Praxis einen Fall, „den ich sehr lange begleitet habe“. Einem Grundschulkind mit körperlicher Beeinträchtigung und Lernbehinderung habe sie bei der Suche nach einer Schulbegleitung geholfen, den Kontakt zur Heilpädagogischen Tagesstätte hergestellt, beim Antrag auf Feststellung des Grads der Behinderung und beim Schulwechsel unterstützt.
Ihr Bericht zeigte auch strukturelle Mängel in der Versorgungslandschaft auf. So fehle es etwa an Integrationsplätzen in Krippen oder an therapeutischen Wohngruppen für junge Erwachsene. Auch gebe es Probleme beim Übergang von Kindergarten zu Schule sowie Ausschlüsse von Kindern mit Autismus aus Regelkindergärten.
„Psychotherapie-Plätze für junge Erwachsene mit geistiger Behinderung, da ist nichts zu finden“, kritisierte Sterr. Ebenso fehlten Angebote in Oberbayern für junge Erwachsene mit Fetalem Alkoholsyndrom, es gebe keine ambulante Heilpädagogik für junge Erwachsene, keine sonderpädagogische Förderung für Kinder mit Beeinträchtigung in allgemeinen Schulen und keine inklusiven Inobhutnahmestellen.
„Diese Arbeit wird dringendst gebraucht“
Die Formulierung „keine sonderpädagogische Förderung für Kinder mit Beeinträchtigung in allgemeinen Schulen“ ging Michael Oberhofer (CSU) etwas zu weit. „Die gibt es sehr wohl“, sagte der Rektor der Grund- und Mittelschule Isen. Und auch beim Übergang von Kindergarten zur Schule habe sich „vieles positiv entwickelt“. Sterr stimmte durchaus zu, dennoch würden immer noch viele Menschen durchs Netz fallen – und dann zu ihr kommen.
„Mein Ziel ist es, mehr junge Menschen mit Beeinträchtigung und ihre Familien zu erreichen“, fasste Sterr zusammen. Ihr sei es wichtig, dass sie schnell und unkompliziert Hilfe bekommen. Die Anträge für Eingliederungshilfe und andere Leistungen seien oft schwer zu verstehen. „Ich möchte die Familien entlasten, sie begleiten und dafür sorgen, dass sie die Unterstützung bekommen, die sie brauchen“, so Sterr.
„Von Ihnen bräuchten wir zehn in unserem Landkreis, diese Arbeit wird dringendst gebraucht“, meinte Sosa Balderanou (CSU).