„Das Licht aussenden“, schrieb Israels Präsident Itzchak Herzog am Wochenende zu einem Instagram-Video. Er ist darauf mit einem Polizisten zu sehen, der die siebte Chanukkah-Kerze entzündet. Der Polizeioffizier ist Remo El-Hozayel aus Rahat im Süden Israels.
Ich habe ihn vor wenigen Wochen am Gedenkort für die Opfer des Nova-Musikfestivals in der Nähe des Kibbuz Re’im getroffen – gemeinsam mit deutschen Kollegen, die wie ich in Jerusalem an einem Seminar der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem teilnahmen. Nach drei Seminartagen fuhren wir zu den von der Hamas am 7. Oktober 2023 überfallenen Orten, um mit Überlebenden zu sprechen.
Ein einfacher Auftrag
Und mit Remo. Seine Geschichte würde ich gern mit Ihnen teilen.
Als Polizist, so erzählt uns der 38-Jährige, erhält man Sonderzulagen, wenn man Fußballspiele oder Festivals sichert. Da er als Ermittler aber nie planbare Schichten hatte, fiel das für ihn flach. Doch im Oktober 2023 lässt er sich von einer Kollegin überreden: „Komm, Du bekommst 1.000 Schekel, nur für ein bisschen Rumstehen.“
Remo hat zwei kleine Kinder. Die umgerechnet 260 Euro sind nicht nichts. Seine Frau ist zwar nicht begeistert, erinnert er sich. Doch er übernimmt die Frühschicht beim Nova-Festival, Beginn 6.30 Uhr. Er erreicht das Gelände um 6.22 Uhr. Um 6.29 Uhr beginnt massiver Raketenbeschuss. Die Musik stoppt um 6.35 Uhr, fünf Minuten später hört er Gewehrsalven. Sein erster Gedanke: ein Armee-Einsatz. Er ahnt nicht, dass die Hamas gerade einen Stützpunkt nach dem anderen überrennt.
Fast umzingelt
Remo erinnert sich, wie die ersten Menschen aus Richtung der blockierten Landstraße 232 kommen, teils schwer verletzt. Er rechnet jetzt mit vielleicht ein oder zwei Terroristengruppen, die aus Gaza eingedrungen sind. Nicht mit Hunderten Bewaffneten, die die Festivalbesucher und Polizisten aus drei Richtungen attackieren.
Seine Kollegen und er haben nur Pistolen: „Es war eine Party – da bringt man keine schweren Waffen mit.“ Die Hamas schon. Sie hat Sturmgewehre, Granatwerfer...
Zwanzig der 36 Kollegen sterben an diesem Tag.
Nur 15 Kugeln pro Magazin
Um 7.59 Uhr sieht Remo einen Truck voller Terroristen kommen, „ganz langsam, als hätten sie alle Zeit der Welt“.Seine Kollegen und er warten, bis sie näher kommen. „Jede Kugel musste treffen – uns ging die Munition aus.“
Als die Stellung nicht mehr zu halten ist, ruft Remo allen zu, nach Osten über die Kartoffelfelder zu fliehen. Und entscheidet in einem Sekundenbruchteil, hier nicht weiter zu kämpfen, sondern die Menschen um ihn herum zu beschützen, für die er die letzte Hoffnung ist. Er schafft es im Zick-Zack aus der Schusslinie, entdeckt einen schwarzen Nissan Juke („ziemlich kleines Auto…“) und quetscht acht Partybesucher hinein.
Rettung über Stunden hinweg
Weitere kommen aus ihren Verstecken, flehen ihn an, sie mitzunehmen. Er verspricht, zurückzukommen. Die anderen fährt er zu einem Gewächshaus.
In den nächsten drei Stunden pendelt er von dort immer wieder in die Todeszone. „Ich wusste nie, ob ich da lebend herauskomme“, sagt er uns. Und dann, schulternzuckend: „Protect and serve“ – beschützen und dienen. Er nimmt das sehr wörtlich. An diesem Tag rettet er mehr als 200 Menschenleben.
FOCUS+
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Eine ziemlich große Familie
Als die Armee endlich eintrifft, gilt Remo als vermisst. Niemand kann ihn erreichen, sein Handy ist längst leer. Er lädt es auf einer Polizeiwache auf, die dem Hamas-Sturm standgehalten hat. Dann versucht er, an ein Gewehr zu kommen – erfolglos. Alle im Einsatz, „sogar die Beweismittel aus der Asservatenkammer“.
Auf dem Weg zurück trifft er einen Vetter, ebenfalls Polizist, den ein Granatsplitter am Bein verletzt hat. Der Sanitäter, der ihn behandelt? Noch ein Cousin.
Remo hat ziemlich viele Cousins. Sein Großvater hatte als Oberhaupt des Beduinenstamms El-Hozayel 29 Ehefrauen. Remo grinst, als er erklärt: Diverse Stammesälteste kleinerer Beduinenfamilien hätten den mächtigen Großvater nun mal gebeten, eine ihrer Töchter zu heiraten. Das abzulehnen wäre ein Affront gewesen.
Nicht alles ist perfekt...
Er selbst ist halb Beduine, halb Schweizer – unschwer am Dialekt zu erkennen, als er ein wenig Deutsch mit uns spricht. Mit Präsident Herzog hat er bei Chanukkah über beduinische Identität und israelischen Stolz geredet. Zu uns hatte er gesagt: „Wir haben in Israel einen wunderschönen Mix. Und der Hamas war egal, wer du bist: Jude, Muslim, Christ oder Druse.“ Remo ist Muslim. Für ihn verbiegen die Islamisten „den Koran zu ihrem Vorteil. Sie wollten einfach so viele Menschen wie möglich töten und entführen.“
Er leidet noch heute an PTBS. Die posttraumatische Störung hätte ihn beinahe seine Ehe gekostet. Beinahe. Doch er ist voller Hoffnung, und die will er in die Welt hinaustragen. In Israel, sagt er, „ist nicht alles perfekt. Aber wir versuchen, es perfekt zu machen.“
Das ist, finde ich, eine ziemlich gute Einstellung. Und Sie? Falls Sie heute nicht sehr viel Besseres zu tun haben, schreiben Sie mir gern: feedback@focus-magazin.de*
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