Im aktuellen „MUT-Talk“ mit Tijen Onaran findet Jens Baas, Chef der Techniker Krankenkasse (TK), deutliche Worte zur dramatischen Finanzlage des deutschen Gesundheitssystems. Als Chef der größten deutschen Krankenkasse mit über 12 Millionen Versicherten korrigiert Baas die optimistischen Prognosen der Bundesregierung nach unten. Trotz der Versprechen von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU), die Beiträge stabil zu halten, zeigt die Realität ein anderes Bild: Die 3-Prozent-Marke beim Zusatzbeitrag ist gefallen.
Beitrags-Tsunami 2026: TK-Chef korrigiert Prognosen der Bundesregierung
Lange Zeit hielten Gesundheitsministerin Warken und Spitzenpolitiker wie Kanzler Friedrich Merz (CDU) an dem Versprechen fest, die Krankenkassenbeiträge stabil zu halten. Doch Jens Baas stellt im Gespräch mit Tijen Onaran klar, dass diese Rechnung nicht aufgeht.
„Ich habe mich mit meiner Prognose nicht beliebt gemacht. Sowohl Frau Warken als auch Herr Merz und Herr Spahn haben gesagt: ‚Das stimmt alles nicht, die Beiträge werden stabil bleiben‘“, so Baas. „Heute haben wir die ersten Zahlen. Etwas mehr als die Hälfte der Krankenkassen hat bereits bekannt gegeben, ob sie erhöhen. Wir liegen jetzt schon über drei Prozent. Das heißt, meine Prognose war korrekt: Wir werden die Beiträge nicht stabil halten können. Wir werden die drei Prozent überschreiten.“
Der TK-Chef spart dabei nicht an Kritik gegenüber der politischen Führung: „Ich hätte mich an dieser Stelle lieber geirrt. Aber die Politiker haben sich dort vielleicht selbst ein bisschen was vorgemacht. Sie haben geglaubt, auf wundersame Art und Weise könnten die Beiträge stabil bleiben. Aber Wunder gibt es bei uns eben nicht.“
Kranke Strukturen: Warum Reformen im Gesundheitssystem oft scheitern
Ein zentrales Problem sieht Baas in der Kommunikation innerhalb des Systems. Jede Interessengruppe – ob Ärzte, Kliniken oder Pharma-Industrie – argumentiere stets mit dem Patientenwohl, um Veränderungen zu blockieren.
„Egal welches Argument angeführt wird, es heißt immer: Es geht um den Patienten. Aber oft geht es um sehr individuelles Wohl und eben nicht um den Patienten. Das macht es für die Politik extrem schwierig“, erklärt Baas. „Ein Politiker, der etwas ändern will, stößt immer auf Gruppen, die sagen: ‚Du machst jetzt was, und dann wird die Versorgung viel schlechter. Menschen werden sterben.‘ Das ist für einen Politiker schwer durchzuhalten.“
Besonders deutlich wird dies laut Baas bei der notwendigen Schließung von ineffizienten Krankenhäusern. „Viele dieser Kliniken sind Häuser, in die weder du noch ich gehen würden, wenn wir eine schwere Erkrankung hätten. Wir würden in ein spezialisiertes Zentrum gehen. Dennoch wollen Lokalpolitiker diese Häuser nicht schließen, weil sie Angst haben, dass die Wähler im Wahlbezirk ihnen das anlasten.“ Sein Fazit ist eindeutig: „Das ist keine Ausrede, um Probleme nicht zu lösen. Wir müssen trotzdem an die Strukturen ran.“
Schlagabtausch mit Ministerin Warken: Wer trägt die Schuld an der Erhöhung?
Hintergrund des Konflikts ist ein heftiger Streit zwischen den Kassen und dem Bundesgesundheitsministerium. Nina Warken weist die Vorwürfe der Kassen zurück und betont, sie habe die Finanzlücke durch ein Sparpaket geschlossen. „Wenn die Kassen sagen, dass nur die anderen schuld seien, machen sie es sich zu einfach. Jeder hat Verantwortung, auch die Kassen“, so die Ministerin gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“.
Doch die Praxis sieht anders aus: Die TK erhöht ihren Zusatzbeitrag von 2,45 auf 2,69 Prozent, die DAK sogar auf 3,2 Prozent. Experten wie Janosch Dahmen (Grüne) bezeichnen das Sparpaket der Regierung bereits als „verunglückt“ und sprechen von grundsätzlichem politischen Versagen. Während das Ministerium den durchschnittlichen Zusatzbeitrag offiziell bei 2,9 Prozent deckeln wollte, ist diese Marke durch die aktuellen Erhöhungen bereits Makulatur.
Den gesamten Talk mit Jens Baas sehen Sie hier auf FOCUS online und auf Spotify.