Die Bedrohungslage spitzt sich zu. „Russland hat Deutschland im Visier“, warnt die Bundeswehr. Und macht deutlich: „Für den Schutz Deutschlands und seiner Bürger braucht es die ganze Gesellschaft.“
Cyberangriffe, Drohnensichtungen, Sabotageakte und anhaltenden Desinformationsversuche wirft die Bundesregierung Russland vor. Experten sprechen von einem Schattenkrieg und befürchten Angriffe auf die kritische Infrastruktur Deutschlands, also auf Bereiche wie Energie, Wasser, Ernährung oder Telekommunikation. Die Bundesregierung hat kürzlich sogar ein neues Gesetz beschlossen, das die kritische Infrastruktur vor Blackouts, Sabotage und Hackerangriffen schützen soll. Die Sicherheitslage ist ernst.
Die meisten Haushalte sind schlecht vorbereitet
Nur der Bevölkerung ist offenbar noch nicht klar, wie massiv die russische Bedrohung mittlerweile ist. Das kritisierte der Verfassungsschutz bereits vor Monaten. Und das zeigt auch eine Erhebung im Auftrag von Report Mainz: Demnach sind viele Haushalte auf den Ernstfall schlecht vorbereitet: 59 Prozent der Befragten geben an, kein Trinkwasser und keine haltbaren Lebensmittel für zehn Tage zu Hause zu haben. Die Hälfte verfügt über keine stromunabhängige Kochmöglichkeit wie etwa einen Camping- oder Gaskocher.
47 Prozent der Kommunen haben kein sofort einsatzfähiges Konzept zur Notwasserversorgung. 26 Prozent der Städte und Landkreise besitzen keinen Einsatzplan für einen Stromausfall. Ein Leiter einer süddeutschen Katastrophenschutzbehörde spricht sogar von einer „Katastrophendemenz“: Schon wenige Monate nach einem Ereignis sei das Thema wieder vergessen.
Bei Notfallvorsorge braucht es Geduld
Aber selbst, wer sich über Notfallvorsorge informieren will, braucht erst einmal: Geduld. Auf seiner Website weist das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) derzeit darauf hin: „Aufgrund des hohen Interesses an unseren Informationsangeboten kann es im Einzelfall zu Verzögerungen in der Bearbeitung Ihrer Bestellung kommen.“
Erst im Oktober hat das BBK seine Empfehlungen zur Notfallvorsorge und zum richtigen Handeln in Krisensituationen grundlegend überarbeitet. „In den vergangenen Wochen wurde der komplett überarbeitete BBK-Ratgeber zur Vorsorge und zum Selbstschutz verstärkt medial aufgegriffen und in zahlreichen Beiträgen zitiert oder verlinkt“, erklärt die Behörde auf Nachfrage. Mehr als eine halbe Million Exemplare seien seitdem bereits verschickt worden. Sie soll Bürgern dabei helfen, „in Extremsituationen handlungsfähig zu bleiben“, so das BKK. Störungen, Sabotage und Krisen könnten „jederzeit und oft unerwartet eintreffen“. Dass die Nachfrage nun stark anzieht, zeigt: Das Thema ist in der Bevölkerung angekommen – zumindest theoretisch.
Zehn Tage Selbstversorgung: Was der Staat empfiehlt
Die offizielle Empfehlung des BKK lautet: Private Haushalte sollten sich für rund zehn Tage selbst versorgen können. Auf Nachfrage erklärt die Behörde, Haushalte sollten sich „mindestens für drei Tage handlungsfähig“ halten.
Dabei gehe es ausdrücklich nicht um Panik oder extreme Vorräte, betont die Behörde: „Häufige Missverständnisse sind: Notvorräte würden ‚Panikmache‘ bedeuten oder es gehe um teure Spezialprodukte.“ Stattdessen empfiehlt das BBK einen alltagstauglichen Ansatz: „Schrittweise vorsorgen, das einkaufen, was man ohnehin nutzt – und sinnvoll ergänzen.“
Pro Person werden etwa zwei Liter Flüssigkeit pro Tag angesetzt sowie Lebensmittel mit rund 2200 Kilokalorien täglich – orientiert an einer grundlegenden, ausgewogenen Ernährung. Doch was gehört konkret in den Vorrat?
Für Lena Sudhoff, Fachberaterin für Ernährung und Lebensmittel bei der Verbraucherzentrale Sachsen, ist die Antwort eindeutig: „Das allerwichtigste Produkt ist aus unserer Sicht Wasser. Ohne Lebensmittel können wir relativ lange überleben, aber ohne Wasser nur wenige Tage.“ Sie rät, mit mindestens zwei Litern Trinkwasser pro Person und Tag zu kalkulieren. Große Flaschen seien zudem oft praktischer als Getränkekisten: „Bei wenig Platz kann man zu 5-Liter-Flaschen greifen, die nehmen weniger Platz weg als ein Kasten und können auch gut unter dem Bett etc. gelagert werden“, so die Expertin zu FOCUS online.
Diese Lebensmittel eignen sich für den Notvorrat
Beim Essen gilt laut Verbraucherzentralen ein simples Prinzip: Nur bevorraten, was man auch wirklich isst. Sudhoff betont: „Bei der Auswahl der Lebensmittel ist das wichtigste, den eigenen Geschmack zu beachten. Man sollte nur Lebensmittel bevorraten, die man auch verbraucht.“ Frank Waskow, Teamleiter Lebensmittelqualität und Nachhaltigkeit bei der Verbraucherzentrale NRW, rät ebenfalls zu einem klaren Prinzip: alltagstauglich, haltbar, bezahlbar. „Wir empfehlen Vorrat aus ganz normalen Supermarktprodukten, der im Alltag mitgenutzt und regelmäßig nachgekauft wird.“
Ein klassischer Fehler sei es, Lebensmittel zu kaufen, die im normalen Alltag kaum gegessen werden, etwa extreme Astronauten- oder Trekkingnahrung, die dann nach vielen Jahren ungeöffnet entsorgt wird. „Sinnvoller ist es, Lieblingsgrundprodukte und vertraute Marken zu bevorraten, damit der Übergang zwischen Normalbetrieb und Notfall möglichst reibungslos bleiben.“
Geeignet sind demnach vor allem haltbare, alltagstaugliche Produkte aus dem Supermarkt, etwa:
- Haferflocken, Knäckebrot, Pumpernickel
- Couscous (auch ohne Strom nutzbar), Nudeln, Reis, Mehl
- Nüsse und Studentenfutter, Öl, Zucker, Salz
- Konserven mit Bohnen, Linsen, Gemüse, Fisch oder Fleisch
- haltbare Milch oder Pflanzendrinks
Wichtig sei außerdem die Nährstoffmischung. Waskow warnt: „Ein Vorrat aus reinen Fleischkonserven, Keksen oder Süßwaren ist einseitig.“
Ein besonderer Rat von Expertin Sudhoff: „Unser Tipp ist Couscous: Der ist günstig und unverarbeitet sehr lange haltbar. Man kann Couscous einfach ca. eine Stunde lang in kaltem Wasser aufquellen lassen.“
Ebenso wichtig sei die geeignete Lagerung: möglichst kühl, trocken, dunkel und gut erreichbar, „damit der Vorrat regelmäßig rotiert und ablaufende Waren rechtzeitig verbraucht wird. Wer seine Bestände mit Datum und Inhalt beschriftet und das „erste rein – erstes raus“-Prinzip beachtet, senkt das Risiko von Verderb und unnötigen Ausgaben“, so Verbraucherschützer Waskow.
Wichtig sind außerdem:
- luftdichte Behälter gegen Schädlinge
- unbeschädigte Verpackungen
- möglichst Glas oder Tetrapacks
- klare Beschriftung und Haltbarkeitskontrollen
Vorsicht vor teuren Survival-Sets
Deutlich warnen die Verbraucherschützer vor fertig gepackten Notfall- oder Survival-Paketen aus dem Internet. Sudhoff sagt dazu unmissverständlich: „Vorratspakete aus dem Internet können wir nicht empfehlen.“ Der Grund: hoher Preis, geringer Nutzen. Ein Marktcheck ergab: „Die Produkte kosteten im Schnitt 23,30 Euro pro Tag. Dabei hätte keins der Pakete den Energiebedarf eines durchschnittlichen Erwachsenen gedeckt.“
Teilweise hätten die Sets nicht einmal 1000 Kilokalorien pro Tag enthalten – zu wenig selbst für Kinder. Zudem fehle in vielen Paketen ein entscheidender Bestandteil: „Wir sehen außerdem das Problem, dass diese Pakete in der Regel kein Wasser enthalten.“ Auch Frank Waskow kritisiert, Verbraucher zahlten hier vor allem für lange Haltbarkeitsversprechen – ohne echten Mehrwert im Alltag. „Typische Fehlkäufe sind auch spezielle „Notfallkocher“ oder Ausrüstung, die sich nicht sicher in Innenräumen nutzen lässt oder Erfahrung im Umgang erfordert“, so Waskow.
Auch an Stromausfall denken: Diese Geräte empfiehlt das BBK
Neben Lebensmitteln und Wasser rät das BBK ausdrücklich dazu, auch stromunabhängige Geräte bereitzuhalten. Dazu zählen vor allem batteriebetriebene oder kurbelbetriebene Radios, Taschenlampen sowie Ersatzbatterien oder Powerbanks. Zu einer realistischen Mindestvorsorge gehören neben Waser, Lebensmitteln und wichtigen Medikamenten ein batteriebetriebenes Radio oder Kurbelradio, eine Taschenlampe, Ersatzbatterien oder eine Powerbank.
Gerade bei einem länger andauernden Stromausfall seien besagte Radios wichtig, um weiterhin offizielle Informationen und Warnungen zu empfangen – etwa über Sirenen, Warn-Apps oder Durchsagen. Kurbel- oder Solarradios hätten dabei den Vorteil, dass sie ohne externe Stromquelle funktionieren. Wichtig ist laut BBK zudem, die Geräte regelmäßig zu testen, damit sie im Ernstfall sofort einsatzbereit sind. Darüber hinaus sei es sinnvoll, wichtige Dokumente griffbereit zu haben (z. B. Ausweise, Versicherungsunterlagen, Notfallkontakte).
„Insgesamt ist der deutsche Einzelhandel sehr gut auf Notsituationen vorbereitet“
Der Lebensmittelhandel sieht trotz Krisendebatte keine Gefahr für die Versorgung.
Marin Yotov, Senior-Referent beim Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels, erklärt: „Entscheidend ist dabei: Auch in kritischen Lagen ist die Versorgung zu jedem Zeitpunkt gesichert.“ Der Handel verfüge über eine eingespielte Logistik, um Nachfrage-Spitzen abzufedern. Das habe sich bereits in der Corona-Pandemie gezeigt. „Insgesamt ist der deutsche Einzelhandel sehr gut auf Notsituationen vorbereitet.“
Gleichzeitig arbeite der Handel gemeinsam mit dem Bund an neuen Konzepten für die staatliche Notfallreserve, Stichwort: „Ravioli-Reserve“. „Ziel ist es, künftig stärker auf verzehrfertige Produkte zu setzen, die im Ernstfall auch ohne große Zubereitung genutzt werden können“, erklärt Yotov gegenüber FOCUS online. „Die zivile Notfallreserve des Bundes umfasst bislang vor allem Grundnahrungsmittel wie Getreide, Reis, Hülsenfrüchte und Milchpulver. Diese Vorräte sollen im Ernstfall kurzfristige Versorgungslücken schließen – etwa bei Naturkatastrophen, militärischen Konflikten, Epidemien oder anderen Krisenlagen. Sie sind jedoch nicht darauf ausgelegt, die Bevölkerung dauerhaft zu versorgen.“ Die Gespräche sollen in den kommenden Wochen fortgesetzt werden.
Vorbereitung ist gelebte Solidarität
Ein sinnvoller Notvorrat muss also weder teuer noch kompliziert sein. „Wichtiger als ein besonders großer Vorrat ist ein gut durchdachter, zum eigenen Haushalt passender Vorrat“, resümiert der BKK. Wer Wasser, haltbare Grundnahrungsmittel und einfache Hilfsmittel bereithält, ist im Ernstfall deutlich besser vorbereitet und entlastet zugleich Einsatzkräfte, die sich in einer Krisenlage zunächst um besonders betroffene und vulnerable Gruppen kümmern und um Menschen, die selbst nicht vorsorgen können. „Bevorratung und private Krisenvorsorge ist aus unserer Sicht gelebte Solidarität“, so die Behörde.