Saša Stanišić erhielt 2020 den Weilheimer Literaturpreis. Seine damalige Rede ist nun Titelstück seines neuen Bestsellers geworden.
Weilheim – Es ist eine Rede, die elektrisiert hat – auch wenn sie, anders als bei allen anderen Verleihungen des Weilheimer Literaturpreises, nicht live und hautnah zu erleben war. Als der Autor Saša Stanišić 2020 diese Auszeichnung bekam und von der Schülerjury des Gymnasiums Weilheim damit in eine Reihe mit prominenten Vorgängern wie Ilse Aichinger, Loriot oder Siegfried Lenz gestellt wurde, legte gerade die Covid-19-Pandemie das öffentliche Leben lahm. Der geplante Festakt mitsamt der „Rede an die Jugend“, die dieser Preis seinem Träger traditionell abverlangt, fiel deshalb aus. Die in einen gewitzten Film gepackte Begründung der jungen Juroren, die Laudatio von Stanišić‘ früherem Deutschlehrer Werner Nickisch und auch die Rede des Preisträgers, sie alle waren nur als Videos im Internet zu sehen – und hinterher in der Nummer 76 der „Weilheimer Hefte zur Literatur“ nachzulesen.
Fünf Jahre später kommt die Weilheimer „Rede an die Jugend“ von Saša Stanišić nun aber ganz groß raus. Sie ist das Herz- und Titelstück im jüngsten Buch des inzwischen 47-jährigen Autors. Dieses trägt den ebenso gewitzten wie sperrigen Titel „Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet wird“, versammelt allerlei „gehaltene und ungehaltene“ Reden von Stanišić und ist natürlich schon ein Bestseller. Und das völlig zurecht. Die Reden dieses ebenso wortgewaltigen wie sensiblen Schriftstellers, der gewiss zu den Klügsten, Menschlichsten und Originellsten in der deutschen Gegenwartsliteratur gehört, halten, was das Buch im Untertitel verspricht: Sie sind „eine Ermutigung“. Und damit vielleicht das, was unsere Zeit am Allernötigsten braucht.
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„Rede an die Jugend“ als Ermutigung „wider die Schockstarre“
Es sei ein Buch „wider die Schockstarre und all die Prozesse zersetzender Art“, hat Saša Stanišić in Interviews erklärt. Er wolle dazu ermutigen, aktiv zu werden, empathisch zu handeln und „gemeinsam etwas zum Guten zu verändern“. In diesem Sinne erzählt der Wahl-Hamburger, der 1992 mit seinen Eltern als Kriegsflüchtling aus Bosnien nach Deutschland kam (und so als 14-Jähriger sein erstes Wort Deutsch lernte), von Menschen, die ihn geprägt haben. In seiner maximal aufwühlenden und anrührenden Rede zur Verleihung des Nelly-Sachs-Preises 2023 ist das zum Beispiel eine unbestechliche Mathelehrerin in Jugoslawien, die seiner Klasse inmitten der Detonationen des Krieges zur „Lehrerin der Menschlichkeit“ wurde: „So resolut wie sie uns noch vor Kurzem mathematische Beweise hatte herleiten lassen, ließ sie uns in den kommenden Wochen herleiten, dass Nationalismus Gift ist für jede Gesellschaft.“
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Es sind leidenschaftliche, hoffnungsfrohe, tiefgehende und in ihrer Sprachlust und ihrem Sprachwitz immer auch unterhaltsame, gut verständliche Reden, die dieses Buch auf 160 anregenden Seiten offeriert: Reden zur Verleihung des Wilhelm-Raabe-Literaturpreises, zur Eröffnung des Literaturhauses Göttingen, zum Schillerpreis... Und allen voran die Weilheimer Rede, die es auch auf den Titel schaffte. Stanišić benutzt darin den Stromkreis als Metapher, erzählt mitreißend von Widerständen und Spannungsquellen im Leben, von „Leitungen“ zu anderen Menschen und von Mitmenschen, die zu Schaltern werden und „Strom bei uns zum Fließen bringen“. „Seid einander Spannungsquellen“, appelliert der 47-Jährige am Ende dieser Rede an die Jugend: „Beflügelt euch, freut euch gegenseitig an eurem Gelingen, steht einander bei, vor allem in der Niederlage. (...) Leuchtet einander die Wegränder gebührend aus. Findet euren Strom.“
Auch in der Danksagung des Buchs taucht Weilheim sehr prominent auf („Gymnasium Weilheim und die Pommes, die wir nach der Lesung gegessen haben!“). Und wie er im erfrischend kurzen Vorwort so über das Wesen der Rede nachdenkt, das zeugt von der Selbstironie, die diesen sympathischen Autor dann auch noch auszeichnet: „Der Redner formuliert prägnant und ein bisschen lustig, weil wer lacht, der guckt nicht heimlich aufs Handy“, schreibt Stanišić da. Und: „Der Redner tritt gestenreich auf und im Stehen. Er trägt Hose, Hemd und Pullunder. Nach dem Vortrag liegt der Redner in seinem Hotelzimmer, guckt RTL bis tief in die Nacht und schläft unruhig ein.“
Für unsereinen aber muss zumindest das mit RTL wirklich nicht sein: Lieber liest man bis tief in die Nacht Saša Stanišić.
Neue Bücher weiterer Preisträger
Neben Saša Stanišić lässt eine Reihe weiterer Weilheimer Literaturpreisträger mit neuen Büchern aufhorchen. Nora Gomringer (45), der Weilheims Schülerjury 2015 den Preis zusprach, blickt in „Am Meerschwein übt das Kind den Tod“ (Voland & Quist, 2008 Seiten, 22 Euro) auf das Leben ihrer verstorbenen Mutter und ihre eigene Trauer über deren Tod: „Ich schreibe ihr hinterher als vermissende Tochter, als wütende Frau, als verstummte Dichterin...“. Es ist ein „Nachrough“, wie die begnadete Wortkünstlerin im Spiel mit dem englischen Wort für rau und heftig selber sagt: ungeschönt, aber doch liebevoll, an den passenden Stellen auch komisch und oft anrührend. Sten Nadolny (83), Weilheims Literaturpreisträger 2010, lässt seinen neuen Roman „Herbstgeschichte“ (Piper, 240 Seiten, 24 Euro) mal wieder in einem Zug beginnen, wie schon sein Debüt „Netzkarte“ vor 45 Jahren. Es geht um Freundschaft, Verletzungen und die Kraft des Erzählens – tiefgründig, lebensklug, gebührend melancholisch, etwas verschachtelt und auf originelle Art unterhaltsam. Ein zauberhafter Geschichtenschatz, gleichermaßen märchenhaft und modern, ist der jüngste, 2023 erschienene Roman von Meister㈠erzähler Rafik Schami (79), dem Weilheimer Literaturpreisträger 2003: In „Wenn du erzählst, erblüht die Wüste“, jetzt auch als Taschenbuch erhältlich (dtv, 480 Seiten, 16 Euro), geht es darum, eine in Melancholie versunkene Prinzessin durch die schönsten Geschichten ins Leben zurückzuholen. Und Leben wird damit uns allen geschenkt, die wir mitlesen dürfen. Vielfältig und durchaus wunderbar ist auch die Welt des Schweizer Schriftstellers Thomas Hürlimann (75), der 1995 den Weilheimer Literaturpreis erhielt – das zeigt das von Fedora Wesseler herausgegebene Lesebuch „Der Wanderer und sein Koffer“ (Fischer Taschenbuch, 528 Seiten, 18 Euro). Mit Texten, Bildern und Dokumenten aus sechs Jahrzehnten literarischen Schaffens ist dieser Sammelband eine Einladung zur Entdeckung.