Ein Sozialaktionstag in Weilheim macht auf die Missstände in dieser Branche aufmerksam. Paketboten leiden unter Zeitdruck und fehlenden Schutzrechten.
Landkreis - Gartenerde, Hundefutter in der XXL-Packung oder ganze Grills: Solche Waren im Internet zu bestellen ist bequem, nicht nur, weil der Kunde dafür nicht aus dem Haus muss. Noch dazu schleppt ein anderer das schwere Paket bis an die Wohnungstür – worüber viele Kunden beim Kaufen per Klick wohl zunächst nicht nachdenken.
Genau dafür wollte der Sozialaktionstag 2025 am Weilheimer Marienplatz ein Bewusstsein schaffen. „Hinter jedem Paket steht ein Zusteller“, sagte Betriebsseelsorger Andreas Kohl am Stand an der Mariensäule. Gemeinsam mit der Katholischen Arbeitnehmerbewegung Ammer-Lech, Christlicher Arbeiterjugend und den Gewerkschaften Verdi, IG Metall und dem DGB lud die Betriebsseelsorge Weilheim zur diesjährigen Sozialaktion unter dem Motto „Heute bestellt – morgen (aus-)geliefert???“ ein. Zuvor hatten die Arbeitnehmervertreter bereits zum „Black Friday“ Zusteller mit einer Wertschätzungsaktion im Zustellungszentrum überrascht (wir berichteten).
Passanten konnten schwere Pakete hieven
Am Marienplatz sollte nun die Gesellschaft über die teils prekären Arbeitsbedingungen in der Paketbranche informiert werden – auch mit Hilfe von handfesten Beweisen. So konnten die interessierten Passanten 20 und 30 Kilogramm schwere Pakete zum Test selbst schleppen, um zu erleben, was es wohl bedeutet, solche mehrfach am Tag hin und her zu hieven. Und zwar zunehmend öfter und unter enormen Zeitdruck.
„Die Branche boomt“, so Kohl. Zu Weihnachten würden heuer nach neuesten Prognosen bundesweit weit mehr als 20 Millionen Zustellungen am Tag erwartet. „Das Sendungsvolumen hat sich in den letzten Jahren mehr als verdoppelt.“ Der Lohn der Zusteller hat diese Entwicklung nicht mitgemacht: „Die Hälfte der Zusteller arbeitet bei Subunternehmern von beispielsweise Amazon oder DPD, und hier sind die Bedingungen schlechter als bei DHL oder Hermes.“ Lohndumping sei in der Branche üblich.
Hinzu kämen Zeitdruck, fehlende oder nicht funktionierende Arbeitsmaterialien wie Handschuhe, immer längere Touren und damit verbundene Überstunden. „In acht Stunden sind die Touren nicht mehr zu schaffen“, berichtet Manuela Karn, stellvertretende Bezirksgeschäftsführerin von Verdi, aus Gesprächen mit Zustellern. Besonders bitter: In Arbeitsverhältnissen bei Subunternehmen seien die Zustellerinnen und Zusteller auch durch keine Arbeitnehmervertretungen geschützt.
Verbraucher haben es selbst in der Hand
Die klaren Forderungen der Engagierten am Weilheimer Marienplatz: Ein Verbot des Subunternehmertums, klare Regelungen beim Gesundheitsschutz, zum Beispiel was Paketgewicht und Anzahl der Zusteller angeht. Und der Acht-Stunden-Tag muss eingehalten werden. Genauso wichtig, so Kohl und Karn gegenüber der Heimatzeitung: Jeder Verbraucher müsse sich bewusst machen, was es für den Zusteller oder die Zustellerin bedeutet, wenn selbst unhandlichste und schwerste Waren online bestellt werden – wie die Riesen-Tüte Hundefutter.