Beate, die ihren richtigen Namen nicht im Internet lesen will, versprach sich in Griechenland mehr Glück, Nähe und Menschlichkeit. Stattdessen erlebte sie vor allem eine fehlende soziale Absicherung, Betrug und sogar Stalking. Sie würde gerne nach Deutschland zurückkehren, allerdings stößt sie auf Hürden, wie sie im Interview erzählt.
FOCUS online: Beate, Sie leben seit 16 Jahren in Griechenland. Mit welchen Erwartungen sind Sie damals ausgewandert und wann hat sich Ihr Bild von Griechenland gewandelt?
Beate: Ich wusste von Anfang an, dass der Lebensstandard hier niedriger ist als in Deutschland. Dort hatte ich ein modernes Haus, einen sehr gut bezahlten Job und materiell alles, was man sich wünschen kann.
Aber genau das wollte ich hinter mir lassen. Mich hat die oftmals distanzierte, nüchterne Lebensart in Deutschland gestört. Ich habe gemerkt, dass weniger Luxus für mich mehr Zufriedenheit bedeutet. Und Griechenland hat mich schon früh angezogen – die Vorstellung eines einfachen, ruhigen Lebens, mit weniger Besitz, aber mehr innerem Frieden.
Als ich nach drei Jahren von Kreta nach Athen gezogen bin, haben sich meine Erwartungen geändert. Auf Kreta habe ich Herzlichkeit und Gemeinschaft erlebt. In Athen hingegen traf ich auf viele Hindernisse.
Was genau hat sich in Athen für Sie verändert?
Beate: Vor allem der Umgang miteinander. In der Großstadt ist vieles anonymer, ähnlich wie in deutschen Metropolen. Auf Kreta war Hilfe selbstverständlich, persönlich und herzlich. In Athen habe ich oft das Gegenteil erlebt.
Das war enttäuschend, zumal ich anfangs durchaus positive Erfahrungen gemacht habe – etwa in der Schule meines Sohnes oder auf dem Amt, wo man mir geholfen hat. Dieser Widersprüchlichkeit begegnet man häufig.
Sie sprechen von Herzlichkeit einerseits und Enttäuschung andererseits. Können Sie das konkretisieren?
Beate: Die Herzlichkeit habe ich besonders auf Kreta erlebt. Als ich die Sprache kaum kannte, haben mir Fremde beispielsweise beim Einkaufen oder bei Behördengängen geholfen. Auch die Schule meines Sohnes war sehr unterstützend.
Der Direktor hat ihn öffentlich willkommen geheißen und die anderen Schulkinder gebeten, ihn aufzunehmen, obwohl er kein Griechisch sprach. Und die Mutter eines Mitschülers hat mich gleich in ihren Freundeskreis aufgenommen. Diese Offenheit war beeindruckend.
Auf der anderen Seite gab es schwere Enttäuschungen, vor allem in Athen. Ich wurde mehrfach ausgenutzt – emotional wie finanziell. Eine enge Freundin hat mich bestohlen, Möbel verschwanden nach einem Umzug, bei dem sie mich angeblich unterstützen wollte. Besonders belastend war ein massiver Stalking-Fall, den ich nicht anzeigen konnte, weil der Täter bei der Polizei arbeitete. Solche Erfahrungen prägen.
Inwiefern haben diese Erlebnisse Ihren Blick auf Griechenland insgesamt verändert?
Beate: Ich habe gelernt, vorsichtiger zu sein. Das Vertrauen, das ich anfangs hatte, ist kleiner geworden. Ich glaube nach wie vor an die Menschen, aber ich weiß heute: Man muss sich schützen. Das Land bietet Wärme und Menschlichkeit, aber auch große Unsicherheiten – vor allem, wenn man allein ist.
Würden Sie sagen, dass das tatsächlich etwas mit dem Land zu tun hat?
Beate: Ja. In Griechenland fehlt oft soziale Absicherung. In Deutschland hätte ich dagegen in schwierigen Phasen Unterstützung erhalten. Auch bei Mietverhältnissen oder Reparaturen erlebe ich hier immer wieder, dass Verantwortung erst übernommen wird, wenn man Druck ausübt. Gleichzeitig ist vieles weniger streng geregelt und unbürokratischer als in Deutschland. Beides hat Vor- und Nachteile.
Sie haben auch versucht, nach Deutschland zurückzukehren. Warum ist das gescheitert?
Beate: Am System. Ich bin zu alt für den Arbeitsmarkt, bekomme keine Unterstützung, finde keine Wohnung ohne aktuelle Beschäftigungsnachweise. Selbst grundlegende Dinge wie ein Bankkonto oder eine Krankenversicherung sind schwer zugänglich. Ich habe in Deutschland gearbeitet und in die Kassen eingezahlt. Trotzdem fühlt es sich an, als würde mir die Tür verschlossen.
Was hält Sie trotz allem in Griechenland?
Beate: Mein Sohn und mein Lebenspartner. Mein Sohn ist hier aufgewachsen, Griechenland ist seine Heimat. Er kann sich nicht vorstellen, in Deutschland zu leben. Auch mein Partner möchte bleiben. Ohne sie würde ich beim Gedanken ans Älterwerden vermutlich zurückkehren. Zwar sind die Ärzte und der Umgang mit Patienten in Griechenland besser, doch mangelt es den Krankenhäusern an ausreichender Ausstattung.
Bereuen Sie Ihre Auswanderung?
Beate: Nein. Ich bereue nicht den Schritt, sondern dass ich zu viel vertraut habe. Griechenland ist meine Heimat. In Deutschland habe ich mich nie zu Hause gefühlt. Wenn ich jünger wäre, würde ich den Schritt wieder gehen – besser überlegt und mit klareren Grenzen.
Wenn Sie zurückblicken: Was würden Sie potentiellen Auswanderern raten, die über ein Leben in Griechenland nachdenken?
Beate: Ich würde raten, Verbindungen zu Deutschland nicht komplett abzubrechen. Man sollte etwa das Bankkonto und die Krankenversicherung behalten. Und ich würde nicht mehr so viel Vertrauen schenken. Griechenland bietet Lebensqualität und Menschlichkeit, aber man muss mit Unsicherheiten umgehen können.
* Beate ist ein Pseudonym. Sie möchte zum Schutz ihrer Privatsphäre anonym bleiben. Der Redaktion ist ihr echter Name bekannt.