Es ist gerade mal halb fünf am Nachmittag, der Himmel über Ischgl leuchtet klar und königsblau. Durch die kleinen Gassen des alten Bergdorfs mit seinen 1600 Einwohnern tragen Urlauber Ski auf ihren Schultern, aus den Schaufenstervitrinen der Geschäfte glitzert es friedlich, weihnachtlich und teuer. Doch im "Kuhstall", da ist die Sau los.
Normale Kuhställe sind in Ischgl selten geworden, seit Ende 1963 die erste Seilbahn eingeweiht und das verschlafene Dorf im Paznauntal in ein neues Zeitalter katapultiert wurde – das des Wintersports und Wohlstands.
Doch der Kuhstall, von dem hier die Rede ist, kommt ohne Vieh, Stroh und Melkschemel aus. Stattdessen blitzen bunte LED- und Laserlichter durch künstliches Dunkel, Nebel umwabert zuckende Körper, die Köpfe mit Wollmützen oder gar Helmen bedeckt. Ein Mann tanzt sogar mit einem Bergrucksack auf dem Rücken, Kopf nach unten, volles Weißbierglas nach oben, als wäre es ein Pokal für ein gewonnenes Abfahrts-Rennen.
Skistiefel stampfen schwer auf den Boden, nicht zu AC/DC, sondern zu Mickie Krauses "Eine Woche wach", "Xtreme Schneeversion".
Deutsche in Ischgl: "Ich bin kein Bürgermeister, ich sauf lieber Jägermeister"
Die meisten Besucher im "Kuhstall" sind deutsche Urlauber. Und das Lied, das sie gerade hörbar angeheitert grölen, klingt wie ein authentisches Bekenntnis, wobei sie den Titel "Yogameister", den die "Kings of Günter" ersonnen haben, im Refrain durch ein anderes Wort ersetzen, und zwar ganz so, als solle die Politik aus Deutschland mit Friedrich Merz, Bärbel Bas und wie sie alle noch heißen, hier ganz bewusst draußen bleiben: "Nein, ich bin kein Bürgermeister, ich sauf lieber Jägermeister".
Einer, der das bestätigt, weiß, wovon er spricht: Nils Teger, 38 und gebürtiger Hamburger, arbeitet den 20. Winter in Ischgl und leitet als Geschäftsführer den "Kuhstall". Und zwar so gut, dass die 1500 Plätze, auf der Terrasse, im Innenraum, im Keller und an der Dönergrill-Bar, meist rappelvoll sind.
Kuhstall-Chef: "Feiern bis zum Umfallen - es läuft besser als je zuvor"
Sorgten im Sommer herbe Einbrüche bei den Zahlen deutscher Urlauber am Gardasee für Schlagzeilen, kann Nils Teger einen Touristenrückgang in Tirol nicht bestätigen. "Nee, wirklich nicht. Die Einzigen, die hier wegbleiben, sind Russen, seit Trump ihnen ihre amerikanischen Kreditkarten weggenommen hat. Die werden jetzt ersetzt durch Holländer und Amerikaner."
Und die Deutschen?
"Die kommen unvermindert und sind hier nach wie vor das wichtigste Publikum", sagt Teger. "Ich würde sogar jetzt schon zu Beginn der Wintersaison behaupten: Es läuft besser als je zuvor. Die Leute, die hierherkommen, wollen alles hinter sich lassen, einfach abschalten, alle Krisen vergessen. Und feiern bis zum Umfallen. Das ist wirklich eine ganz andere Welt hier."
"Die Leute bei uns zahlen fünf-, sechsmal so viel wie auf Malle"
Auch ganz anders als Mallorca, wo ebenfalls viel Musik gehört und Alkohol geschluckt wird, meint der "Kuhstall"-Chef. "Das Einzige, was uns mit Malle verbindet, sind Musik und Alk. Der Rest hat nichts miteinander zu tun."
Hier gebe es keinen Ärger, berichtet Teger. Er selbst beschäftige trotz Unmengen an Gästen, die gern und viel trinken, "nur drei Türsteher". Trotzdem bleibe alles friedlich. "Und klar, die Gesellschaftsschicht ist hier auch anders. Die Leute, die nach Ischgl kommen, zahlen Tausende von Euro für einen Urlaub, sicher fünf-, sechsmal so viel wie auf Malle."
Cider-Produzent aus Odenwald: "Wenn nötig, sparen die Leute für einen Skiurlaub"
Zu den treuen "Kuhstall"-Kunden und Ischgl-Aficionados zählen Karsten Schwinn und seine Frau Lisa, die seit Jahren ins Paznauntal kommen.
Mittlerweile hat der 46-Jährige sogar das Angenehme mit dem Geschäftlichen verbinden können – und liefert an den "Kuhstall" als erster und größter deutscher Apfelwein-Produzent aus dem Odenwald immer häufiger den spritzigen Cider "Bembel with care".
"Was wir an Ischgl als Skiurlauber besonders schätzen, sind die hohe Qualität der Angebote und der Spaß, den man hier haben kann. Das ist wirklich einzigartig", schwärmt Schwinn. "Die Leute wollen den Alltag vergessen und lassen sich das auch was kosten. Das Geld sitzt locker hier."
Und falls dies bedeute, dass das Geld mal knapp wird, gebe es auch dafür eine Lösung: "Leute, die Skifahren wollen, werden immer versuchen, das umzusetzen und sparen, wenn es nötig sein sollte, für diesen Urlaub, der nicht billig ist, indem sie andere Sachen dann einfach zurückdrehen."
Vier Männer im Schnee: "Aber sag das bloß nicht meiner Frau, was ich hier ausgebe"
Während die Stimmung auf der Tanzfläche im "Kuhstall" immer ausgelassener und lauter wird, machen sich auf der Terrasse an einem Stehtisch Mick, Moritz, Sven und Yann aus München gerade über eine neue Runde Bier und Willi her. Die Preise im "Kuhstall" sind noch relativ moderat, 0,4 Liter Bier kosten 7 Euro hier. Doch in klassischen Restaurants ist das eine andere Sache.
Alle vier Männer sind liiert, alle vier sind ohne Frauen ins Paznauntal gekommen: vier Männer im Schnee und Après-Ski-Trubel für vier Tage. Sie kennen das Skigebiet und den Après-Ski-Zirkus seit Jahren, und sie lieben beides: "Vier Tage Ischgl kosten mich 2000 Euro", sagt Sven und kippt seinen Willi runter. "Aber sag das bloß nicht meiner Frau, was ich hier ausgebe", ergänzt er und trinkt gleich einen Schluck Bier hinterher. Die drei anderen grinsen.
Doch das soll nicht heißen, dass er anstandslos alles zahle, ganz gleich, was es kostet, fährt Sven fort. "Als ich gesehen habe, dass ich hier beim Burger King 6,80 Euro für einen Cheeseburger zahlen muss, habe ich gesagt: Nein, jetzt ist Schluss, da mache ich nicht mit." In Deutschland kostet er mehr als zwei Euro weniger. Seine Freunde grinsen erneut und verdrehen die Augen, Mick zieht sich die Mütze übers Gesicht.
"Wir sind alle junge Akademiker, wir verdienen gut"
Trotz allem, besinnt sich Yann, sei ihnen durchaus bewusst, dass das, was sie hier erleben, sich nicht jeder leisten kann. "Wir sind alle junge Akademiker, wir verdienen gut, nur einer hat sich gerade ein Haus gekauft und muss deswegen etwas vorsichtig sein." Klar ärgern sie sich über "sinnlos teure Sachen", vor allem, wenn sie nicht mal gut seien, wie etwa ein Espresso aus einem Billigautomaten, für den sie hier schon mal fünf Euro gezahlt haben. "Aber dafür ist es in Ischgl einfach schön."
Moritz sieht das nicht anders. Er hat gerade eine neue Bier-Willi-Runde für alle geholt, zieht einen Sticker aus der Tasche, klebt ihn auf die Außenseite des Notizbuchs des Reporters und sagt: "Das ist unser Motto. Nimm es mit und vergiss es nicht."
Auf dem Sticker steht: "Bleib authentisch." Und Sven kommentiert kichernd hinterher: "Unser nächstes Motto wird heißen: Bleib solvent".