Protest der Anwohner: Neue Einbahnstraße in Kochel sorgt für Zündstoff

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Protest vor dem Kochler Rathaus: Anwohner des Bergfeldwegs übergeben 130 Unterschriften gegen die neue Einbahnstraßenregelung, darunter auch die Gemeinderätin Rosi Marksteiner (vorne 4.v.li.). © PRIVAT

Der Bergfeldweg in Kochel gilt als neuralgischer Punkt: Besonders der Bring- und Holverkehr vor der Grundschule führt dort regelmäßig zu brenzligen Situationen. Eine neu eingeführte Einbahnstraßenregelung soll nun für Entlastung sorgen – stößt bei den Anwohnern allerdings auf heftigen Widerstand.

Kochel am See – Es gibt Termine, die zählen sicherlich nicht zu den Lieblingsaufgaben eines Bürgermeisters. Zum Beispiel die Übergabe eines Protestschreibens. Genau ein solches erhielt kürzlich der Kochler Rathauschef Jens Müller (UWK) überreicht – mit 130 Unterschriften von aufgebrachten Bürgern, die mit der vor gut einer Woche eingeführten Einbahnstraßenregelung am Bergfeldweg nicht einverstanden sind.

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Dicke Luft im Sitzungssaal

Die Stimmung im Sitzungssaal der Verwaltung muss, wie berichtet wird, ziemlich angespannt gewesen sein. Viele Kritiker machten ihrem Ärger Luft – auch, weil sie eine Bürgerbeteiligung vermissten. „Wir wurden über die Planungen weder informiert noch gefragt“, war dem Vernehmen nach mehrfach aus dem Publikum zu hören.

Der Bergfeldweg ist seit Jahren ein verkehrspolitisches Sorgenkind. Gerade die Schulwegsicherheit lässt dort zu wünschen übrig – weil es keinen Gehweg gibt und der Begegnungsverkehr auf der engen Straße sehr hoch ist. Vor allem zu den Stoßzeiten, wenn Eltern ihre Kinder zur Grundschule bringen beziehungsweise wieder abholen, herrscht in dem Ortsteil mitunter Chaos. Hinzu kommt: In einigen Jahren dürfte sich die Situation verschärfen, weil neben der Bildungsstätte ein Kindergarten entstehen soll. Das heißt: noch mehr Eltern und Autos.

Der Gemeinde gehe es darum, erklärt Bürgermeister Müller auf Nachfrage, dem entgegenzuwirken und den Gefahrenschwerpunkt zu entschärfen. Im Zuge einer verkehrsrechtlichen Anordnung wurden daher die Einbahnstraßenschilder aufgestellt. Seitdem darf man nur noch von Süden kommend Richtung Ortsmitte fahren. Ausnahmen bestehen für Radlfahrer und den Schulbus. Und direkt vor der Grundschule befindet sich jetzt eine verkehrsberuhigte Zone, auf der Schrittgeschwindigkeit gilt.

Müller ist nach mehreren Inspektionen vor Ort mit dem Ergebnis zufrieden: „Das Problem ist gelöst“, bilanziert er. Das Verkehrsaufkommen ist seiner Einschätzung nach spürbar weniger geworden. „Es herrscht Ruhe vor der Schule – das ist ein Traum.“ Viele Mütter und Väter ließen jetzt ihren Nachwuchs im Umfeld aussteigen.

Die Kochler, die die Protestaktion ins Leben gerufen haben – viele von ihnen wohnen selbst in dem betroffenen Viertel – teilen die Euphorie des Gemeindechefs keineswegs. Im Gegenteil: Sie fordern ein Ende des Projekts Einbahnstraße – und fahren schwere Geschütze auf. Man plane, so heißt es, Einspruch zu erheben und rechtliche Schritte zu prüfen.

Stein des Anstoßes: Der Bergfeldweg ist Richtung Süden nur noch für Radlfahrer und den Schulbus frei.
Stein des Anstoßes: Der Bergfeldweg ist Richtung Süden nur noch für Radlfahrer und den Schulbus frei. © Arndt Pröhl

Die strittige Verkehrsregelung sei „unverhältnismäßig“, kritisiert Sprecherin und Gemeinderätin Rosi Marksteiner (Mitte). Die Schwierigkeiten träten lediglich an rund 190 Schultagen und nur während kurzer Zeitfenster auf. Dafür werde die Verkehrsbelastung nun auf die umliegenden Straßen verlagert – und die Anwohner müssten dauerhaft längere Umwege in Kauf nehmen. Marksteiner befürchtet zudem, dass das Durcheinander vor der Schule am Ende sogar noch größer wird. Ihr schweben behutsamere Maßnahmen vor – etwa ein Schutzstreifen, den die Mädchen und Buben auf dem Weg zur Schule nutzen können, oder der Versuch, die Eltern stärker für ein umsichtiges Fahr- und Parkverhalten zu sensibilisieren.

Auch Rudi Herden hat den Eindruck, dass das Verkehrsgewirr eher noch zugenommen hat. Der ehemalige CSU-Gemeinderat wandte sich in der Sache mit einem Schreiben an die Heimatzeitung. Sein Urteil über die neue Einbahnstraße fällt unmissverständlich aus: „Ich sehe keinen Sinn darin.“

Abgeschwächte Variante im Gespräch

Der heftige Gegenwind blieb im Rathaus offenbar nicht ohne Wirkung. Bürgermeister Müller denkt bereits laut über eine sogenannte „halbe Einbahnstraße“ als mögliche Alternative nach – eine abgeschwächte Variante, bei der Anlieger weiterhin in beide Richtungen fahren dürfen. „Ich überlege, ob das denselben Effekt bringt“, sagt er.

Indessen bahnt sich schon der nächste Konflikt an: Der auf rund 6,9 Millionen Euro veranschlagte Kindergarten-Neubau am Bergfeldweg – die Vorplanungen laufen derzeit – sorgt ebenfalls für Kritik. Der Standort sei „völlig ungeeignet“, moniert Marksteiner, unter anderem, weil er im Schatten liege. Sie favorisiert stattdessen den Kurpark. In die Debatte scheint Bewegung zu kommen: Müller bringt eine weitere Variante ins Spiel. Möglicherweise, so lässt das Gemeindeoberhaupt durchblicken, könnte sich auf dem Areal des Dominikus-Ringeisen-Werks eine neue Option auftun.