Sieben SPD-Mitglieder kommen am Nikolaustag gegen 7.45 Uhr früh am S-Bahnhof Charlottenburg zusammen. Es ist noch dunkel, der Regen platscht auf die Steinplatten des Vorplatzes.
„Ist ja ätzend“, sagt eine Genossin mit rotem Schal und Regenschirm. Die Laune will sie sich trotzdem nicht verderben lassen, mit einem Lächeln im Gesicht geht sie auf die Vorbeihuschenden zu, hält ihnen einen Flyer und eine Lebkuchenbrezel von Bahlsen hin. Wahlkampfauftakt der SPD Charlottenburg-Wilmersdorf.
„Lasst uns zusammenhalten!“ steht auf dem Flyer. Das kann man auch als Appell an die Genossinnen und Genossen selbst verstehen. Wochen des Hickhacks liegen hinter ihnen.
Nach dem Bruch der Ampel-Koalition fragten sich viele: Kann Olaf Scholz als Kanzler einer gescheiterten Regierung eine Wahl gewinnen?
Ja, meinte die SPD-Spitze. Nein, sagten viele an der Parteibasis, Verteidigungsminister Boris Pistorius wäre der bessere Kandidat. Der zog sich Ende November selbst aus dem Rennen, damit war der Weg für Scholz frei.
Doch nun ist der Kanzler auf die Unterstützung der Basis angewiesen. Wie gut ist sie zum Wahlkampfauftakt auf ihn zu sprechen? Hat sich die Stimmung gedreht?
Um kurz vor 8 Uhr stößt Michael Müller zur Runde am S-Bahnhof. Der ehemalige Regierende Bürgermeister Berlins kandidiert bei der Bundestagswahl für die SPD in Charlottenburg-Wilmersdorf. „Na, Gummistiefel dabei?“, begrüßt er seine Mitstreiter. Die Genossen lachen.
Müller stellt sich vor den Bahnhofseingang, seine Finger stecken in roten Handschuhen. Wer an ihm vorbeigeht, dem hält er einen Flyer hin, zusammen mit dem Lebkuchen, und sagt: „Ein kleiner Weihnachtsgruß.“
Beim Anblick der Süßigkeit greifen die meisten zu, wirklich stehen bleibt niemand. „Schönen Tag noch“, wünscht Müller den Vorbeiziehenden. Sie scheinen ihren Ex-Regierenden Bürgermeister nicht zu erkennen oder sich nicht sonderlich für ihn zu interessieren.
Wie steht Müller zu Scholz als SPD-Kanzlerkandidat? „Ich kann mit Scholz gut leben. Ich kenne ihn seit zwanzig Jahren. Der kann Wahlkampf und kommt jetzt erst auf Betriebstemperatur.“
Das sehen nicht alle im Ortsverein so, manch einer hätte Pistorius für den mitreißenderen Kandidaten gehalten. Aber Hauptsache, die K-Frage ist nun geklärt.
Geschlossene Genossen
Selbst in Hannover, wo Pistorius im Wahlkreis Hannover-Stadt II als Direktkandidat antritt, will niemand offen sagen, dass der Verteidigungsminister, der immerhin seit einem Jahr die Umfragen zu Deutschlands beliebtesten Politiker anführt, der bessere Kanzlerkandidat gewesen wäre. Die Genossinnen und Genossen zeigen sich geschlossen.
„Seit der Positionierung von Boris Pistorius, dass er als Kanzlerkandidat nicht zur Verfügung steht, ist die Frage für die hannoversche SPD durch“, sagt Hans-Jürgen Hoffmann, Vorsitzender des Ortsvereins Herrenhausen-Stöcken im Nordwesten Hannovers.
Zusammen mit neun weiteren Genossinnen und Genossen sitzt er an einem düsteren Dezemberabend im Vereinsbüro zusammen, um über den Wahlkampf zu beraten.
Wer von draußen durch die Scheibe blickt, könnte meinen, er beobachte eine Großfamilie am Küchentisch. Auf dem Tisch: Lebkuchen, Wasser und Cola. Unter dem Tisch: Fritz, ein Border-Collie-Mischling. Die Stimmung: harmonisch, optimistisch, entspannt.
Die Flyer, die sie in den kommenden Wochen verteilen wollen, sind schon gedruckt. Sie zeigen Pistorius, wie er dem Direktkandidaten für den Wahlkreis Hannover-Stadt I, Adis Ahmetović, die Hand gibt. „Unser Team Hannover“ prangt über ihren Köpfen.
„Unsere beiden Kandidaten sind aus meiner Sicht die Hauptsache, dass wir motiviert Wahlkampf machen“, sagt Hans-Jürgen Hoffmann. „Und der Kandidat der CDU, Herr Merz, gegen den Wahlkampf zu machen, das motiviert uns auch.“ Scholz erwähnt er nicht.
Dennoch zählen die Genossinnen und Genossen an diesem Abend Argumente auf, wieso die Entscheidung für ihn als Kanzlerkandidaten richtig war, etwa Schriftführer Frank Weissenborn: „Ich finde es okay, zu sagen: Scholz hat das Projekt Mitte-Links angefangen, und jetzt bringt er es zu Ende.“
„Welche Rolle können wir dann noch spielen?“
Dass die Ampel-Koalition gescheitert ist, finde er „sehr schade“. Denn: „Wer weiß, wie lange es dauern wird, bis wir wieder dort sind. Im Augenblick sieht es ja so aus, dass die Union bei der Bundestagswahl ein sehr gutes Ergebnis erzielen wird, und es geht um die Frage: Wie stark können wir werden? Welche Rolle können wir dann noch spielen?“
Hans-Jürgen Hoffmann brummt zustimmend und nimmt dann doch noch den Namen „Scholz“ in den Mund: „Die SPD steht für die Berücksichtigung der sozialen Frage“, sagt er und wirft die Stichworte Rente, Wohnungspolitik und Kinderbetreuung in den Raum, damit wolle man im Wahlkampf punkten. „Das ist die Position von Team Hannover und im Kern ja auch von Olaf Scholz.“
Ob es gelingt, die Menschen davon zu überzeugen, werden die kommenden Wochen zeigen. Plakate, Flyer und Geschenke haben die Genossinnen und Genossen bereits geordert: Warnwesten, Kulis, Einkaufswagenchips. „Und weil Hannover die Stadt von Bahlsen ist, viele Eimer Kekse.“
Von Nora Ederer
Das Original zu diesem Beitrag "So rauft sich die SPD-Basis für den Wahlkampf zusammen" stammt von Tagesspiegel.