Was geschieht im Krisenfall, wenn der Strom weg ist, es einen Unfall in einem Chemiewerk gab – oder wenn es doch zum Krieg kommt? Wie sind öffentliche Einrichtungen vorbereitet? Wir haben im Klinikum, im Landratsamt und bei den Stadtwerken nachgefragt.
Landkreis Landsberg – Im Klinikum Landsberg ist Dr. Simon Martin Heinz, Chefarzt der Orthopädie und Katastrophenschutzbeauftragter der Klinik, der richtige Ansprechpartner. Zu seinen Aufgaben gehört auch die Leitung der KAEP, der Krankenhausalarm- und Einsatzplanung. Das Thema Katastrophenschutz liege ihm am Herzen. Auch, weil das Landsberger Klinikum „sehr zentral liegt“: zwischen Augsburg, München und Weilheim/Murnau.
Krisenfall am Landsberger Klinikum: Der Massenanfall von Verletzten als Grundszenario
„Regelmäßige Übungen und Testläufe sind fester Bestandteil unseres Sicherheitskonzepts“, sagt Heinz. Zwar könne man sich nie hundertprozentig auf jede einzelne Krisensituation vorbereiten. „Aber unser Engagement dafür ist hundertprozentig.“ Geübt wird nach Möglichkeit zusammen mit allen Hilfsorganisationen und Behörden. So beispielsweise beim simulierten Zugunglück in St. Ottilien im Oktober 2024. Nach jeder Übung geben alle Beteiligten ein Feedback: Ärzte, Behörden, Verwaltung, Rettungsdienst-, Pflege- und Reinigungspersonal, um die Abläufe weiter zu verbessern.
Berücksichtigt werden unterschiedliche Szenarien: Vom Massenanfall von Verletzen (MANV), Pandemie, IT- oder Stromausfall bis zu Brand und Chemieunfällen. In letzter Zeit seien auch Szenarien mit CBRN-Komponente (chemisch, biologisch, radioaktiv) Thema, ebenso der Verteidigungsfall und die zivilmilitärische Zusammenarbeit, sagt Heinz. „Wichtig ist, die Bevölkerung über unsere Maßnahmen zu informieren und aufzuklären. Und das, ohne Angst zu schüren. Wir sind vorbereitet, wir können das.“
Handlungsfähig bleiben lautet die Devise im Krisenfall. Und das bedeutet an erster Stelle, dass Mitarbeitende und Patienten in Sicherheit und zu schützen sind. Dafür sind im Klinikum laut Heinz Wasser, Lebensmittel und auch Materialien „ausreichend vorhanden“. Systeme wurden redundant aufgebaut und abgesichert. Im Bereich IT habe man in den letzten Jahren immer wieder optimiert, an Stromausfall-Konzepten gebastelt, die Technik bei der Brandmeldeanlage und Notstromversorgung verstärkt. Alle Sicherheitsmaßnahmen mache man selbstverständlich nicht öffentlich, so Heinz.
Beim MANV, laut Heinz „das Grundszenario jeder Krise“, greift die KAEP. Für diese hat jede Abteilung einen Notfallplan – auch auf Papier ausgedruckt –, der jeder Position eindeutig definierte Aufgaben zuordnet, angeleitet vom Koordinierenden Team und dem Zentralen Operativen Notfall Koordinator (ZONK).
„30 Minuten Chaosphase“ - Krisenfall am Landsberger Klinikum
„Im Fall einer externen oder internen Gefahrenlage schalten wir innerhalb von 30 Minuten vom Normal- auf Notfallbetrieb um“, sagt Heinz. Die ersten 30 Minuten werden als Chaosphase bezeichnet, unter anderem auch durch Selbsteinweisungen von Patienten hervorgerufen, dies sei aber normal. „Diese Phase kann man nur meistern, wenn jeder den genauen Plan im Kopf hat. Klare Rollen und Strukturen, enge Abstimmung mit allen Beteiligten werden die Krise lösen“ – angefangen mit der Sichtung der Patienten (wer benötigt sofort eine Behandlung, wer kann warten) über die Notfallversorgung und operative Therapie, die intensivmedizinische Betreuung bis hin zur weiteren Pflege.
Krisensituationen durchzuexerzieren, kann belasten. Um eine mögliche Verunsicherung oder Ängste der Mitarbeitenden aufzufangen, gibt es im Klinikum ein psychosoziales Unterstützungsteam. „Wichtig ist, die Handlungen zu kommunizieren und regelmäßig zu üben, um Sicherheit zu schaffen“, ist Heinz überzeugt. „Darüber reden macht vielleicht erst einmal Angst. Aber Vorbereitung hilft, ordnet und verschafft die nötige Routine.“
Bunker gibt es kaum noch. Sollte der Kriegsfall eintreten, wird Bürgern empfohlen, Kellerräume aufzusuchen – und jetzt schon dafür mit dem Nachbarn zu reden, wenn man selbst keine hat. Ansonsten gilt die 2-Wand-Regel: Zwischen Außen und einem selbst sollen zum Schutz zwei Wände liegen – wodurch solch ein provisorischer Schutzraum auch keine Fenster hat.
Informationen für den Krisenfall
Die Checkliste der Bundesregierung gibt es online auf www.bbk.bund.de unter dem Punkt „Warnung und Vorsorge“. Dort gibt es Informationen über die Notfall-Informations- und Nachrichten-App des Bundes NINA, die man sich über den jeweiligen Play Store aufs Handy laden kann. Ebenso informiert die Webseite über das Warnsystem Cell Broadcast – das übrigens nicht im WLAN funktioniert.
Landratsamt Landsberg : Kommunikation und Stromversorgung gesichert
„Bis 2007 war die Tiefgarage des Landratsamts noch ein Schutzraum“, erzählt Landratsamtssprecher Wolfgang Müller. Dann aber wurde sie wie so viele andere ‚umgewidmet‘: Die Instandhaltung als Bunker – bauliche Prüfungen, Vorratshaltung – wurde aufgegeben. Der Bund arbeite in Bezug auf Schutzräume an einem neuen Konzept, informiert Müller. „Aber es gibt keine Liste über Schutzräume im Landkreis. Es gibt eben auch keine Schutzräume.“
Im Landratsamt Landsberg findet zweimal pro Jahr eine Blackout-Übung statt. Funktioniert das Notstromaggregat? Kann der Notbetrieb im Amt – insbesondere die Kommunikation – aufrechterhalten werden? Für das Aggregat gibt es laut Müller 20.000 Liter Diesel in einem Depot in der Nähe des Amtes. Da das Aggregat bei einer der letzten Übungen schon mal nicht funktionierte, gibt es die Idee zu einem mobilen Notstromaggregat, das durch die neue PV-Anlage auf dem Parkdeck gespeist werden kann, erzählt Müller.
Die Kommunikation ist abgesichert: Im Krisenfall kommt mindestens ein Mitarbeiter jedes Sachgebiets, auch von den Außenstellen, samt aufgeladenem Laptop in den Sitzungssaal des Hauptgebäudes. Von dort verteilen sich die Mitarbeiter auf die ihnen zuvor zugeteilten Räume im Haus. Zudem gibt es ein akkubetriebenes Satellitentelefon und ein Satellitenpendel vor dem Haus, mit dem man im Landratsamt ein „kleines eigenes Internet für ungefähr fünf Computer“ aufbauen könne, erklärt Müller. „Sozusagen ein Notinternet.“ Über dieses ‚Mini-Netz‘ könnten intern E-Mails verschickt werden. Kommunikation nach außen ist nicht möglich. Das laufe laut Müller über die öffentlich rechtlichen Sender – weshalb jeder zuhause ein batteriebetriebenes Radio haben sollte.
In einem Tresor liegt Bargeld, damit Bedürftige, wenn noch möglich, Nahrungsmittel kaufen können. Nahrung für die Bevölkerung ist im Landratsamt nicht gelagert, „wir selbst haben auch nur beschränkte Vorräte im Amt“, sagt Müller. „Es gibt für maximal 14 Tage Nahrung in Fertigpackungen und Wasser“, damit die Führungsgruppe Katastrophenschutz und eventuelle weitere Mitarbeitende im Haupthaus weiterhin arbeiten könnten.
Konkret für einen Blackout hat die Stadt Landsberg spezielle Anlaufstellen definiert. Bei längerem Stromausfall werden das Sportzentrum und die Feuerwehrhäuser in Landsberg und in den Ortsteilen besetzt und dienen als Anlaufstellen für die Bevölkerung, um Informationen weitergeben zu können. Dass sich Bürger dort längerfristig aufhalten oder gepflegt werden, ist nicht angedacht.
Was passiert bei den Stadtwerken Landsberg im Krisenfall? Versorgung mit Strom und Wasser
Krisensituationen werden auch bei den Stadtwerken Landsberg regelmäßig zur Übung simuliert, Krisen- und Notfallpläne aktualisiert. Bei einem Stromausfall könne die Trinkwasserversorgung mittels Notstromaggregaten für drei bis fünf Tage sicher gewährleistet werden, informiert die Pressesprecherin der Stadtwerke Kathrin Hoyer. „Theoretisch wäre sogar eine Aufrechterhaltung über mehrere Wochen möglich, da entsprechende Ressourcen wie Treibstoffreserven vorgehalten werden“, sagt Hoyer. Das Gleiche gelte für die Abwasserversorgung. Die Hochbehälter der Stadtwerke verfügten insgesamt über 8.500 m3. Damit sei die Versorgung der Haushalte sogar ohne Strom für rund zwölf Stunden machbar.
Die Mitarbeitenden blieben im Einsatz, „solange ihre eigene Sicherheit gewährleistet ist“, betont Hoyer. Bestimmte interne Notfallpläne könne man aus Sicherheitsgründen nicht offenlegen.
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