1724 Menschen im Landkreis haben im vergangenen Jahr den beiden großen christlichen Kirchen den Rücken gekehrt. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl zwar geringer, aber immer noch höher als im Jahr 2021.
Landkreis – „Pass auf, die Kirche ist eine faule Kiste“, sagte einst die Oma von Johannes Habdank. Ein Satz, den der evangelische Pfarrer von Berg mittlerweile versteht. Dass die beiden christlichen Kirchen ein Problem haben, ist auch anderen Pfarrern im Landkreis bewusst. Der Starnberger Merkur hat die aktuellen Zahlen bei den Standesämtern der 14 Kommunen abgefragt. Demnach sind 1724 katholische und evangelische Christen im vergangenen Jahr aus der Kirche ausgetreten. Dazu rechnen die evangelischen Pfarrer mit weiteren Austritten – als Reaktion auf die Studie der aktuellen evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Sie beleuchtet den sexuellen Missbrauch und geht von geschätzten 9355 Fällen in Kirche und Diakonie aus.
In der Kreisstadt Starnberg kehrten 2023 insgesamt 313 Menschen den Kirchen den Rücken, das sind zwar 17,4 Prozent weniger als im Vorjahr, aber immer noch elf Prozent mehr als 2021. Für Starnbergs evangelischen Pfarrer Simon Döbrich ist es ein „runder Blumenstrauß von Austrittsgründen“, den er aufdröselt. Der erste Grund sei die Kirchensteuer. Der Pfarrer, der sieben Jahre lang die deutschsprachige evangelische Gemeinde in Madrid leitete, zieht einen Vergleich zu Spanien. Dort gibt es die Mandatssteuer, bei der die Steuerpflichtigen selbst wählen können, welcher Institution – Kirche, Staat oder einer gemeinnützigen Vereinigung – ihre Abgabe zugutekommen soll. Spanier können sich der Kirchensteuer nicht durch den Austritt entziehen.
Wenn Sie als Pfarrer ihre 10, 15 Austritte im Monat auf dem Tisch liegen haben, ist das frustrierend.
Döbrich spricht außerdem vom „Return of Invest“ und erklärt: „Die Menschen wollen für das Geld, was sie abgeben, auch was dafür bekommen“. Etwas, was die Kirche in materieller Form nicht direkt bieten kann. Dazu komme noch die „Glaubenskrise“. Immer weniger Menschen wollten sich mit dem Glauben und der Glaubensfrage beschäftigen und gingen andere Wege. Döbrichs nächster Punkt – die „Entkirchlichung“, also der Ärger über die Kirche. „Wenn Sie als Pfarrer ihre 10, 15 Austritte im Monat auf dem Tisch liegen haben, ist das frustrierend“, sagt der 46-Jährige. Er kritisiert die Studie der EKD in der Hinsicht, dass diese keinen differenzierten Blick auf die jeweiligen Landeskirchen werfe. Er selbst habe das Thema Missbrauch nie als rein katholisches Phänomen gesehen. „Die Kirche ist eine Gemeinschaft, die einen Veränderungswillen braucht“, sagt Döbrich und appelliert: „Ich bitte die Leute, dass sie diesen schweren Weg mit uns gemeinsam kritisch und konstruktiv gehen. Nur so kann die Kirche zu einem Schutzraum werden.“ Aktuell befinde sich die evangelische Gemeinde in Starnberg in der „zweiten großen Sparrunde“. 30 000 Euro wurden in den Jahren 2022 und 2023 eingespart. Döbrich: „Wir kriegen es noch hin, ohne es die Gläubigen spüren zu lassen.“
Austritte sorgen auch für finanzielle Schwierigkeiten
„Es liegt nicht am Pfarrer oder der Gemeinde,“ sagt der evangelische Berger Pfarrer, Johannes Habdank, über die Austritte. Jeder der 33 im vergangenen Jahr Ausgetretenen in Berg bekommt einen Brief, der nach den Gründen fragt. Habdank bekomme zwar nur um die zehn bis 15 Prozent zurück. Doch er stellt fest, dass die meisten Leute die Kirchensteuer sparen wollen oder sich vom Glauben entfernen. „Ekelhaft und schädigend“ sind die zwei Wörter, die er zur aktuellen Situation findet. „Wir brauchen uns überhaupt nicht mehr über die katholischen Kirche heben“, sagt Habdank. Die vielen Missbrauchsfälle bei den Protestanten zeigen ihm: „Der Zölibat ist nicht das Thema.“ Der Berger Pfarrer und Diplomvolkswirt ist „stinksauer“: „Es macht die Menschlichkeit im Umgang mit Kindern kaputt.“ Ein Kind auf der Konfirmandenfreizeit in den Arm nehmen, weil es Heimweh hat, stelle Habdank sich künftig schwierig vor.
Die Austrittszahlen spiegeln sich in den finanziellen Mitteln der Kirche wieder. Bis Mitte des Jahres soll es laut Habdank am Starnberger See nur noch sechs evangelischen Pfarrstellen statt bisher neun geben. Wegen des neuen Stellenschlüssels muss sich beispielsweise Johannes de Fallois im Juni aus Starnberg verabschieden. Die Stelle von Diakon Ralf Tikwe in der Kirchengemeinde Feldafing-Pöcking wurde ebenfalls gestrichen. Auch mit dem Nachwuchs werde es angesichts sinkender Theologie-Studentenzahlen künftig Probleme geben. Habdank will Berg als „kulturoffene und sozial engagierte Gemeinde“ erhalten. Eine Hochzeit, Taufe, Konformation oder Beerdigung – ohne Kirchenmitgliedschaft – möchte er immer ermöglichen. Im Mai 2023 reiste er für eine Trauung sogar nach Sardinien. „Wenn die Leute nicht zu uns kommen, müssen wir zu ihnen kommen. Wir wollen uns öffnen, nicht abschotten“, betont er.
„Die Kirche ist nicht mehr die Volkskirche“
Der katholische Dekan Simon Rapp betreut als Pfarrer das ganze Ammersee-Ostufer. „Die Kirche ist nicht mehr die Volkskirche, wenn sie es überhaupt mal war“, spricht er die heute fehlende Bindung der Gesellschaft zur Kirche an. Seit Dezember 2023 erlaubt der Vatikan die Segnung homosexueller Paare. Ein Fortschritt, der gegen die traditionelle Lehre spricht und laut Rapp deshalb Kirchenaustritte nach sich zieht. „Veränderungen führen immer zu Beifall und Widerstand gleichzeitig.“ Entgegen anderer Behauptungen, betont Rapp, die Kirche leiste Aufklärungsarbeit durch die Veröffentlichung von Missbrauchszahlen. „Die Vergangenheit ist schmerzhaft, aber sie liegt auf dem Tisch.“ Auch die katholische Kirche am Ammersee müsse sparen – vor allem im Bereich der Immobilien und Baumaßnahmen sei das Bistum Augsburg restriktiver geworden, so Rapp.
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Die Kirche hat ein Problem – und zwar ein Handfestes.
Für Starnbergs katholischen Stadtpfarrer Dr. Andreas Jall steht fest: „Die Kirche hat ein Problem – und zwar ein Handfestes.“ Für die hohen Austrittszahlen macht er vor allem die zahlreichen Missbrauchsfälle verantwortlich. Für Jall verlief die Aufarbeitung zu zögerlich. Jedes Jahr kamen neue Berichte, seiner Meinung nach hätte man „einmal deutlich durchgreifen müssen“. Da jeder Bischof aber selbstständig sei, falle die Aufarbeitung unterschiedlich aus. Zum Schutz vor sexualisierter Gewalt muss jede Pfarrei in Deutschland ein eigenes Schutzkonzept entwickeln. Wer in der katholischen Kirche tätig werden möchte, muss sein Führungszeugnis vorlegen. „Wir zeigen auch nicht, was wir alles tun, das tut mir leid“, bedauert Jall.
Das Zölibat und die Pandemie seien ebenso Aspekte
Zum Zölibat sagt der Stadtpfarrer zunächst: „Die Lebensform, die wir pflegen, bietet unglaubliche Möglichkeiten. So kann ein Pfarrer sein ganzes Herz der Kirche schenken.“ Die Versuchungen seien aber mit der Zeit größer geworden, weshalb die Realität eine andere sei. Jall verweist auf Aussagen von Psychologen, die bei den Straftaten eine „verkümmerte Sexualität“ feststellten. Menschen mit etwa einer krankhaften pädophilen Neigung suchten sich ein Feld, auf dem sie diese ausleben können. Somit würden die Täter von der katholischen Kirche gewissermaßen angezogen, erklärt Jall und ergänzt: „Wir müssen über diese Lebensform nachdenken.“
Auch die Pandemie ist für Jall ein Aspekt: Die Menschen hätten erkannt, dass große Feste wie Weihnachten auch ohne Kirche stattfinden. Nur kann die Kirche nicht ohne Menschen stattfinden. „Jede Pfarrei in Starnberg wird spüren, dass die sinkenden Kirchensteuereinnahmen Konsequenzen haben werden“, betont der Stadtpfarrer. Zum Beispiel im Seniorentreff der Caritas-Stiftung könne die Kirche nicht mehr finanziell aushelfen. „Früher konnten wir Defizite mit der Kirchensteuer ausgleichen.“
„Ich liebe meine Kirche“, sagt Jall. „Es war ein Prozess zu erkennen, dass meine Kirche ein Problem hat.“ Seine Prognose für die Zukunft: „Eine kleinere, aber hoffentlich glaubwürdigere Kirche – das wird unser Weg sein.“
VON PIA MAURER
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