Von Ferienmüdigkeit keine Spur: Der letzte Poetry-Slam des Kreisjugendrings Landsberg vor der Sommerpause bietet energische Dichtkunst und sanfte Lyrik vom Feinsten.
Landsberg – Mit Worten kann man weit reisen. Und harmlose Ausgangssituationen poetisch eskalieren lassen. Beispielsweise einen Witz über zu Boden gefallene Dinge, von dessen platter Pointe der liegengebliebenen Oma aus sich Slammer Jonas Neuhäußer von der Altersarmut bis hin zur Bekämpfung des Pflegenotstands und Ross Antony fabuliert. Der Heidelberger Wortakrobat ist einer der beiden Gewinner, die sich beim letzten Dichterwettstreit des Kreisjugendrings Landsbergs vor der Sommerpause Gummibärchen und Buch-Preis teilen dürfen.
Alles für die Poesie: Slammerin reist extra von Bergamo nach Landsberg
Es ist heiß und außerdem sind Ferien – weshalb die Sitzreihen im Landsberger Stadttheater nicht ganz so voll sind, wie das bei manch anderem Poetry-Slam wohl schon war. Und auch auf der Bühne ist es nicht überfüllt: Sieben Poetry-Slammer und -Slammerinnen wechseln sich am Mikro ab – aus dem nahen Waal oder auch aus dem fernen Italien.
Zehn Stunden hat die Fahrt aus Bergamo nach Landsberg gedauert, erzählt Dichterstreiterin Anna Lisa Azur, samt Blitzer und fehlender Vignette. Dennoch, extra für den Landsberger Poetry Slam hat sie ihren Urlaub unterbrochen. Der Grund dafür? Moderator und Slam-Master Ko Bylansky, den die Bonnerin am Ende des Abends – und zwar vollkommen zurecht – über den grünen Klee loben wird. Weil Bylansky auch an diesem Abend das Publikum aus der hitzebedingt leicht dösigen Laune in Stimmung bringen kann, um jedem und jeder der Slammer und Slammerinnen den gebührenden Respekt mittels Applaus zu vermitteln.
So bekommt Leander Ackermann aus Waal, noch ein Newcomer unter den Slammern, begeisterten Applaus für seinen Text „Happyland“ über Rassismus – und zwar den versteckten, den man als privilegierter Weißer selbst gerne übersieht. „Freude schöner Götterfunken, selbst die Enten sind ertrunken“, flachst Kim Catrin aus Essen in ihrer dennoch bedrückenden Vision einer durch den Klimawandel nahezu apokalyptischen Welt – in der sie, trotz hoffnungsloser Weltlage, zum Heldentum jedes Einzelnen aufruft. Und auch Welf, vor zehn Jahren das letzte Mal auf einer Slam-Bühne, wird für seinen Text über die Freundin, die vom Pech verfolgt wird, mit Applaus belohnt.
Das Wortgefecht der ersten Runde gewinnt aber Italienurlauberin Anna Lisa Azur mit ihrem herausragenden Text „Ein Plädoyer“: eine Eloge über den weiblichen Orgasmus, den kleinen Tod, der nicht nur angst zu Brei zerstampft und die Seele fliegen lässt, sondern auch Krampfadern entzerrt und Bluthochdruck mildert. Ein Text, den Bylansky und das Publikum mit den griffigen drei Begriffen „Orgasmus, Hauptsache ihr tut es, 40 Minuten“ zusammenfassen.
Poetry Slam mit Wort und Klang: Singen erlaubt
Die zweite Runde eröffnet Janina Weiß aus Krumbach mit „Zu fett für Germanys next Topmodel“ über Selbstzweifel und fadenscheinige Komplimente – samt Gesang, der, laut Bylansky, im strengen Regelwerk des Poetry Slams nur verboten ist, „wenn man es richtig gut kann“. Sina Bahr punktet mit einem Text über Musik – als Deckmantel für die Stille in sich, die mancher nicht ertragen kann. Gegen Jonas Neuhäußers Eskalationswitz im Staccatotempo, der das Publikum zum Dauerlachen treibt und es mittels wohl gesetzter Pointe in Ernst und Emotion wandelt.
Beide Finalisten haben schon in den Vorrunden nicht nur durch ihre Texte, sondern ihre Vortragskunst überzeugt: Jonas, der im Staccato-Tempo 15-Minuten-Texte auf fünf komprimiert – und trotzdem perfekt verständlich ist, auch wenn das Zuhörer-Hirn ab und zu hinterherhinkt. Und Anna Lisa, ohne Textvorlage und mit ungewöhnlicher Rhythmik, die ihren Texten neue Kanten gibt. Sie stellt im Finale ihr „erstes und einziges Liebesgedicht“ vor: „Apfelkompott“, für ihren Großvater, dessen Welt in seiner Demenz verschwunden ist. Jonas setzt sich an die Aldi-Kasse, um die Folgen des Preisdumpings für die dort Arbeitenden anzukreiden: ein wunderbar zynisches Pamphlet für Wertschätzung.
Sich zu entscheiden, fällt dem Publikum schwer: Das Applaus-Barometer schlägt bei beiden Finalisten hoch. Weshalb wieder zwei Wortkünstler zu Gewinnern gekürt werden – was sich in Landsberg inzwischen fast zu einer Tradition mausert. Vielleicht ja auch beim nächsten Poetry Slam: nach den Sommerferien im September, wie immer im Stadttheater Landsberg.
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