Viele interessierte Besucherinnen und Besucher machten beim Torfstechen mit.
Oberding – Etwa 500 Besucher haben sich am Wochenende im Oberdinger Moos versammelt, um bei einem historischen Torfstechen ein Stück Heimatgeschichte lebendig werden zu lassen. Die Veranstaltung fand im Rahmen der Feierlichkeiten zum 1275-jährigen Jubiläum der ersten urkundlichen Erwähnung von Deang (heute Oberding und Niederding) statt. Die Zuschauerinnen und Zuschauer konnten so hautnah erleben, wie im Erdinger Moos bis in die 1970er Jahre Torf gewonnen wurde.
Zur Vorführung stachen freiwillige Helfer mit einem Torfeisen quaderförmige Stücke aus dem Moorboden, transportierten diese mit Torfkarren ab und stapelten sie anschließend zum Trocknen auf. Währenddessen informierte Gemeinderatsmitglied Johannes Sandtner (CSU) die Besucher ausführlich über die Geschichte der Torfstecherei. „Der erste Torfstich erfolgte bereits 1789 auf Schwaiger Flur“, berichtete Sandtner. „Fast 200 Jahre lang war Torf für die Region ein lebenswichtiger Brennstoff.“
Gesellschaftlicher Aufschwung
Die Entdeckung größerer Schwarztorf-Vorkommen Ende des 18. Jahrhunderts und die systematische Erschließung unter Kurfürst Karl Theodor machten den Torf zu einem gefragten Heizmaterial, besonders in der waldarmen Region um Oberding. Damals wurden große Gebiete trockengelegt, um an den Torf zu gelangen. Die ausgestochenen Stücke wurden zunächst in sogenannten „Kastln“ aufgeschichtet und getrocknet. Die oberen, bereits trockenen Torfstücke wurden regelmäßig abgetragen und in luftdurchlässigen Torfhütten gelagert, bis sie im Herbst als Heizmaterial heimgebracht wurden.
Der Torfabbau wurde damals zu einer wichtigen Einnahmequelle. Vor allem Brauereien interessierten sich für das Lohnstechen, was viele Arbeiter ins Erdinger Moos zog. So entstanden ab dem 19. Jahrhundert ganze Torfsiedlungen wie Oberdingermoos, Notzingermoos, Schwaigermoos, Franzheim und Hallbergmoos. Diese Entwicklung sorgte gleichzeitig für einen gesellschaftlichen Aufschwung: Es entstanden Gaststätten, Vereine und neue soziale Treffpunkte.
Bei einigen kommen Erinnerungen hoch
Die Torfstech-Saison dauerte von April bis zum Beginn der Heuernte Anfang Juni. Der Materialaufwand war gering: Ein Torfeisen, Torfkarren und eine Torfhütte genügten. Dennoch war es harte körperliche Arbeit. Pro Tag wurden durchschnittlich 10 000 Stück gestochen, Spitzenwerte erreichten sogar 15 000 bis 17 000 Stück.
Viele Besucher nutzten am Wochenende die Gelegenheit, sich selbst im Torfstechen zu versuchen. Susanne Schmid aus Oberding zeigte sich beeindruckt: „Es war körperlich sehr anstrengend, aber ich finde es toll, ein Stück Heimatgeschichte live erlebt zu haben.“ Die 72-jährige Erni Sandtner erinnerte sich begeistert an ihre Jugendzeit: „Als Kinder mussten wir die Torfquader regelmäßig wenden, damit sie richtig trockneten. Heute kommen viele schöne Erinnerungen wieder hoch.“
Der Torf blieb in der Region ein wichtiges Heizmaterial, ehe Heizöl ihn Anfang der 1960er-Jahre verdrängte. Durch die später erfolgte großflächige Grundwasserabsenkung beim Bau des Münchner Flughafens wäre heute Torfstechen kaum mehr möglich.
Heute gilt das Verbrennen von Torf als ökologisch problematisch. Dennoch wurde eindrucksvoll gezeigt, wie wichtig und prägend die Tradition des Torfstechens für die Region einst war