"Faust", "Romeo und Julia" und "Wilhelm Tell": Manch einer wird sich noch an die mitunter sperrige Sprache der großen Literaturklassiker erinnern, die früher im Deutschunterricht gelesen wurden. Unzumutbar, finden offenbar immer mehr Lehrer.
Um Haupt-, Real- und Gesamtschülern den Lesespaß – und das Verständnis – zu ermöglichen, gibt der Cornelsen-Verlag seit 2003 viele Klassiker in "vereinfachter Sprache" heraus. "Einfach klassisch" nennt sich die Reihe – und sie findet in immer mehr Lehrpläne auch an Berliner Gymnasien Einzug.
Lehrer entscheiden sich "vor allem aus Zeitgründen" für die einfachen Versionen
Gegenüber dem "Tagesspiegel" bestätigt eine Deutschlehrerin eines Berliner Gymnasiums: "Wir haben aus der Reihe 'Einfach klassisch' die Ausgaben von 'Nathan der Weise', 'Faust I', 'Frühlings Erwachen', 'Jugend ohne Gott', 'Kabale und Liebe' und 'Romeo und Julia' im Deutscharchiv jeweils als Klassensatz vorrätig."
Sie habe zwar keinen Überblick, wie oft ihre Kolleginnen und Kollegen auf diese Werke zurückgreifen würden. Sie selbst habe allerdings "vor allem aus Zeitgründen" bereits die vereinfachte Version von "Nathan der Weise" lesen lassen. Dabei sei es ihr ohnehin vorrangig um die Handlung gegangen und nicht so sehr um die Sprache – bei einer Redeanalyse hätte sie "unbedingt" den Originaltext verwendet.
Manche Lehrer sehen es weniger pragmatisch
Nicht alle Pädagogen sehen es so gelassen. Die ehemalige Referatsleiterin in der Bildungsverwaltung, Christiane Sauerbaum-Thieme, sagt gegenüber dem "Tagesspiegel": "Traut man unseren Schülern nicht mehr zu, sich mit der Schönheit der Sprache der Klassiker auseinanderzusetzen?"
Ähnlich sieht das auch der Lehrer und Referendarausbilder Robert Radecke-Rauh, der mahnt: "In der Musik kommt doch auch niemand auf die Idee, Mozarts Opern in simple Klänge zu verwandeln oder einfach Noten herauszustreichen."
Wie die Texte sich unterscheiden
"Mit behutsamen Kürzungen und sprachlichen Vereinfachungen" soll die "Einfach klassisch"-Reihe frustrierten Schülern das Verständnis von klassischer Literatur erleichtern. So schreibt es der Cornelsen-Verlag auf seiner Seite. Das würde "nachhaltig die Lesemotivation" steigern.
Im Vergleich zwischen der vereinfachten und der Originalversion eines Absatzes aus Lessings "Nathan der Weise" werden die Unterschiede deutlich:
- Originalversion: Vor grauen Jahren lebt’ ein Mann in Osten, der einen Ring von unschätzbarem Wert aus lieber Hand besaß. ... Er ließ den Ring von seinen Söhnen dem geliebtesten; und setzte fest, daß dieser wiederum den Ring von seinen Söhnen dem vermache, der ihm der liebste sei; und stets der liebste, ohn’ Ansehn der Geburt, in Kraft allein des Rings, das Haupt, der Fürst des Hauses werde. – Versteh mich, Sultan.
- Vereinfachte Version: Vor grauen Jahren lebt’ ein Mann im Osten, der einen Ring von unschätzbarem Wert aus lieber Hand besaß. ... Er gab den Ring seinem liebsten Sohn und legte in seinem Testament fest, dass dieser ebenso den Ring seinem liebsten Sohn vererben sollte, und immer weiter so, ob Erstgeborener oder nicht. Durch die Kraft des Ringes sollte dieser das Familienoberhaupt sein. – Du verstehst mich, Sultan?