Fast jeder Dorfener kennt sie: Die Birgitt von der Soafa

  1. Startseite
  2. Lokales
  3. Erding
  4. Dorfen

Kommentare

Mit 24 Jahren wird Birgitt Binder Wirtin von der Soafa in Dorfen. Die vielen Gäste aus der Kleinkunstszene kündigte sie immer selbst an. © privat

Birgitt Binder, Kultur-Managerin im Jakobmayer in Dorfen über ihre Zeit als Wirtin, prominente Freunde und ihr Schicksal.

Sie ist eine Marke: Birgitt Binder, die Kultur-Managerin im Jakobmayer, fällt auf. Farbenfrohe Kleidung, knallrote Lippen und große Ohrringe sind ihre Erkennungszeichen. Seit mehr als 40 Jahren lebt und arbeitet Binder schon in Dorfen. Als junge Frau übernahm sie das Wirtshaus Soafa und etablierte eine Kleinkunstszene in der Isenstadt. Sie ist eine Macherin – dieses Gen wurde ihr in die Wiege gelegt.

An einem eiskalten Januar-Tag mit viel Schnee erblickt die kleine Birgitt in Bad Reichenhall das Licht der Welt. Die Eltern führen ein Hotel mit 70 Betten, der Vater arbeitet zudem als Heilpraktiker. Das Mädchen genießt eine „herrliche Kindheit“, die von „einer großen Freiheit“, aber auch von Pflichten und Arbeit geprägt ist.

Zehnjährige kocht für ganze Familie

Mit den Eltern in Bad Reichenhall: Die kleine Birgitt ist auf dem Arm ihres Papas. Die Eltern führen ein Hotel mit 70 Betten, der Vater arbeitet zudem als Heilpraktiker.
Eltern: Birgitt auf Papas Arm, in der Mitte die Mama. © privat

1963 zieht die Familie nach München. Die Mutter übernimmt in Giesing einen Lebensmittelladen, in der auch die Praxis des Vaters untergebracht ist. „Nach vorne habe ich die Wurstsemmeln verkauft, hinten habe ich die Urinproben der Patienten angenommen“, erinnert sie sich und grinst. Ihr Vater habe sie oft zu Hausbesuchen mitgenommen, die Krankheitsgeschichten hätten sie schon damals fasziniert.

Gleichzeitig ist die Grundschülerin das Kindermädchen für ihren kleinen Bruder: „Ich hab ihn versorgt, gewickelt und in der Küche die Windeln ausgewaschen.“ Wenn die Mutter im Laden eingespannt ist, kocht die Zehnjährige für die ganze Familie. Das Geschäft der Eltern liegt an der Säbener Straße, sodass auch viele Bayern-Spieler bei ihnen einkaufen. „Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Sepp Maier, die 60ziger-Spieler, alle waren sie da. “ Wenn ein Tor fällt, wackeln die Fenster der Binder-Wohnung.

Erster Schultag: Fein zurechtgemacht startet die  Birgitt Binder ihre Schullaufbahn in München-Giesing.
Erster Schultag in München-Giesing. © privat

Lange Managerin von Hans Söllner

In den Ferien ist sie immer bei der Oma in Niederding auf dem Bauernhof und hilft bei der Kartoffelernte, beim Heu einbringen im Erdinger Moos, beim Unkraut hacken und im Stall. „Wir waren frei und selbstständig unterwegs“, denkt die Dorfenerin zurück.

Jeden Sonntag geht die Familie in die Kirche. Der Kontakt zur Pfarrei ist eng. So kommt es, dass Birgitt als Jugendliche zusammen mit einer befreundeten Organistin einen Jugendchor gründet. „Ich hatte immer schon den Drang, etwas mit Musik zu machen. Humor und Musik gehören zu unserer Familie.“

Nach dem Abschluss der Mittleren Reife startet sie eine Ausbildung zur Biolaborantin. „Ich hatte so eine naive Vorstellung davon, was man als Biolaborantin macht. Ich dachte, ich habe was mit Verhaltensforschung zu tun. Stattdessen musste ich manchmal für Versuche Tiere töten.“ Nach dem Abschluss arbeitet sie drei Jahre in dem Beruf. „Meine Eltern wollten, dass ich eine Lehre mache. Ich wäre gerne weiter auf die Schule gegangen.“ Die Erfahrungen in der Praxis ihres Vaters haben sie geprägt. „Medizin hätte mir gefallen.“

Kontakt zum Gründer des Tollwood

Glückliche Familie: Birgitt Binder und ihr Mann Klaus Ühlein sind stolz auf die beiden Töchter. Lilli 2.v.l.) hat gerade das Hebammen-Examen in der Tasche, Loni (r.) arbeitet als Gymnasiallehrerin.
Glückliche Familie: Birgitt Binder und Klaus Ühlein sind stolz auf die Töchter Lilli (2.v.l.) und Loni (r.). © privat

Mit 21 Jahren zieht sie in eine Wohngemeinschaft. Beruflich ist sie auf der Suche. Sie arbeitet in einem Auktionshaus in der Maximilianstraße und verkauft Glitzer-Ohrclips auf Flohmärkten. Als die Mutter schwer krank wird, springt sie im Geschäft der Eltern ein.

Schließlich landet sie in der legendären Kneipe MUH – ein Glücksfall – in der Hackenstraße, die drei Buchstaben stehen für „Musikalisches Unterholz“. Jeden Abend treten dort Künstler auf, darunter Fredl Fesl, Sigi Zimmerschied, Konstantin Wecker, Georg Ringsgwandl, die Well-Brüder und Gerhard Polt. „Kannst du kochen?“, habe sie Wirt Uwe Kleinschmidt, der auch Gründer des Tollwood ist, gefragt. „Ich bin einfach ins kalte Wasser gesprungen“, sagt Birgitt Binder.

Mit ihrem damaligen Lebensgefährten und dem MUH-Wirt macht sie 1983 einen Ausflug. „Du, Birgitt, wir müssen mal aufs Land rausfahren. Ich kenne da einen, der braut Bio-Bier und Braunbier. Das könntest du doch vertreiben“, habe Kleinschmidt zu ihr gesagt.

Ein MUH auf dem Land

Doch es kommt ein bisschen anders. Als sie durch Dorfen spaziert, fällt ihr das leere Wirtshaus an der Isen auf. Das wäre doch ein MUH auf dem Land, denkt sie sich. Dass das Ganze aber so ausgeht, dass sie dort ein paar Monate später selbst die Wirtin ist, damit habe sie nicht gerechnet.

Sie und ihr Freund haben 2000 Mark Startkapital, die Einrichtung für das Lokal und ihre Wohnung darüber holt sie vom Sperrmüll. „Meine Mama hat mir ein paar alte Töpfe geschenkt, und dann haben wir am 13. Februar 1984 mit zwei Flaschen Sekt losgelegt“, weiß sie noch genau.

Die neue Wirtin ist damals 24 Jahre alt. Schon die Eröffnung ist ein großer Erfolg. Bei der ersten Kleinkunstveranstaltung spielt Guglhupfa, später kommen Sigi Zimmerschied, Hans Söllner, Georg Ringsgwandl, Günter Grünwald, Andreas Giebel oder die Biermösl Blosn. Die Wellküren spielen überhaupt zum ersten Mal in der Soafa. Michael Mittermeier startet dort seine Karriere. Die Leute kommen aus dem ganzen Landkreis, teilweise drängen sich 180 Menschen in das kleine Lokal, in dem die Wirtin, schon damals überzeugte Vegetarierin, Gemüse-Curry serviert.

Ringsgwandl widmet ihr ein Lied

Hat ihr ein Lied gewidmet: Georg Ringsgwandl mit der Kulturmanagerin.
Hat ihr ein Lied gewidmet: Georg Ringsgwandl. © privat

Fünfeinhalb Jahre geht das so. Eine Zeit, die große Spuren hinterlässt, bis heute gilt die Soafa als Kult-Kneipe Dorfens.

Ihre Beziehung geht in die Brüche. Und das Wirtshaus braucht dringend eine Renovierung. „Ich habe damals schon mit dem Jakobmayer geliebäugelt, weil die Soafa zu klein wurde.“ Auf der Suche nach einer Wohnung wendet sie sich an die Gemeinde. Die bietet ihr das alte Schulhaus in Eibach an, damals in einem miserablen Zustand. Sie zieht trotzdem ein, denn sie ist ja eh kaum zuhause. Zuerst nutzt sie ihre freie Zeit, um die Welt zu erkunden – sie reist alleine nach Nepal, Indien, Uganda und Kenia.

Wieder zuhause jobbt sie beim Tierarzt, auf Tollwood oder im Rockhaus in Schwindkirchen. Da kommt es gelegen, dass Ringsgwandl, der ihr übrigens das Lied „Die Birgitt von der Soafa“ gewidmet hat, sie an Hans Söllner als Managerin vermittelt. Neun Jahre ist sie mit dem Liedermacher im deutschsprachigen Raum unterwegs. In dieser Zeit erweitert sie ihr Netzwerk und wächst schnell ins Kulturmanagement rein. „Ich kenne alle Bühnen in Deutschland, Österreich und Südtirol. Es war eine tolle Zeit.“

Im Urlaub in Costa Rica lernt sie 1993 den späteren Vater ihrer heute 30-jährigen Tochter Apollonia, genannt Loni, kennen. Drei Jahre sind sie ein Paar, dann verlässt der Österreicher die kleine Familie und Binder bleibt alleinerziehend zurück. Sie nimmt die Kleine überall mit hin. „Mit 17 Tagen war Loni schon in der Muffathalle.“ Die Oma, Freundinnen und ein Kindermädchen unterstützen die junge Mutter.

Gebäude von 1882 renoviert

Die Zusammenarbeit mit Söllner geht auseinander. Von 1999 bis 2000 arbeitet sie für Sternschnuppe. Dann kommt ihre zweite Tochter Lillian auf die Welt. Deren Vater Klaus Ühlein hat Binder 1996 in Thailand kennengelernt. Er stammt aus einem großen Sägewerkbetrieb aus Buchen im Odenwald, wo er damals auch mitarbeitet.

Für mich war in dieser Zeit wichtig, dass ich der Chef bleibe.

„Klaus stand eines Tages mit seinem Motorrad vor meiner Haustür in Eibach. Ich hatte das Haus gerade gekauft und war mitten im Umbau.“ Es dauert nicht lange und der heute 67-Jährige zieht bei ihr ein. Gemeinsam renovieren sie das Gebäude von 1882, gründen eine Familie und heiraten 2003.

Binder bekommt viele Management-Anfragen, sagt aber alles ab, um sich um die Kinder kümmern zu können. Sie bedient jedes Jahr auf dem Oktoberfest, insgesamt zwölf Mal.  Loni ist heute Gymnasiallehrerin für Spanisch und Französisch. Lilli hat kürzlich ihr Hebammen-Examen absolviert.

Sanierung des Jakobmayer

Binders Mutter ist nach dem Tod des Vaters, den die Dorfenerin während seiner schweren Erkrankung ebenfalls betreute, auf Hilfe angewiesen. Birgitt Binder holt sie für die letzten vier Jahre nach Dorfen und kümmert sich um die pflegebedürftige Seniorin.

2002 kauft die Stadt den Jakobmayer und saniert das Jugendstil-Bauwerk, was die Zweifach-Mama mit großem Interesse verfolgt. 2008 wird sie mit ins Boot geholt. „Ich kannte erfahrene Bühnentechniker. So habe ich dafür gesorgt, dass wir professionelle Technik im Haus installiert bekamen. Mir war es auch wichtig, dass der Charme und die Aura des historischen Hauses so gut wie möglich erhalten bleiben.“

Am 11.11.2011 ist Eröffnung – mit einem Paukenschlag: Es spielen die Biermösl Blosn, Hans Söllner und Alfred Mittermeier an einem Abend. Seitdem geben sich Größen der Musik- und Kabarettszene die Klinke in die Hand und Dorfen wird als „Kulturhauptstadt des Landkreises“, so Bürgermeister Heinz Grundner, betitelt. Auch die Jakobmayer-Chefin steht selbst als Sängerin der Frauenband Isarschixn zwölf Jahre lang auf vielen Bühnen – ein Highlight: der Innenhof der Münchner Residenz.

Die Diagnose trifft sie bis ins Mark

Mitten in der Chemotherapie: Birgitt Binder verliert ihr Markenzeichen –die langen blonden haare. Doch sie nimmt erfolgreich den Kampf gegen die Krankheit auf.
Chemo: Birgitt Binder verliert ihr Markenzeichen: die langen blonden Haare. © privat

Die 65-Jährige könnte glücklich auf ihr Lebenswerk zurückblicken, wenn es da 2021 nicht dieses Ereignis gegeben hätte, das sie bis ins Mark trifft.

Mitten in der Pandemie bekommt die damals 60-Jährige die Einladung zur Krebsvorsorge. Wegen Corona und der damit verbundenen Umstände hat sie bereits eine Untersuchung ausgelassen. Ihre ältere Tochter ermutigt sie, zur Mammografie zu gehen. „Das war mein Glück“, sagt sie heute. Denn der Befund lautet: Brustkrebs. „Das war heftig.“ Nach dem großen Entsetzen kommt eine „unglaubliche Traurigkeit mit viel Weinen“. Und sie gibt zu: „Ich habe mir schon gedacht, warum gerade ich? Ich bin seit über 40 Jahren Vegetarierin, rauche nicht, trinke nichts.“

16 Chemos, 16 Bestrahlungen

Dann kommt sie in den Behandlungsmodus, sie ist mit Arztterminen beschäftigt. Ringsgwandl, selbst Mediziner, bietet seine Hilfe an, Michi Well bläst mit der Tuba ins Handy, sie erfährt große Unterstützung von ihrer Familie und ihren Freunden. „Unglaublich wichtig war in dieser Zeit die Arbeit im Jakobmayer und Astrid (Mitarbeiterin im Jakobmayer, Anmerkg. der Red.), sie hat mir das Gefühl gegeben, ich werde gebraucht. Das hat mir Kraft gegeben.“

In einer Operation wird der bösartige Tumor entfernt. Doch eine Chemotherapie ist unausweichlich. Ihr ist klar: „Ich verliere meine langen Haare.“ Ihr Markenzeichen. „Es war furchtbar, als ich plötzlich ganze Büschl in der Hand hielt. Als mir mein Mann dann eine Glatze rasierte, war ich ganz überrascht, was da für ein schöner Kopf rauskommt“, erzählt sie lachend. Sie muss 16 Chemos und 16 Bestrahlungen über sich ergehen lassen – verbunden mit großer Müdigkeit, Übelkeit und Schlaflosigkeit.

„Ein kranker Vogel singt nicht“

Ihr Reich: Im Jakobmayer kann sich Birgitt Binder verwirklichen. Mit ihren vielen Kontakten in die Kulturszene bringt sie namhafte Künstler nach Dorfen
Ihr Reich: Im Jakobmayer kann sich Birgitt Binder verwirklichen. Mit ihren vielen Kontakten in die Kulturszene bringt sie namhafte Künstler nach Dorfen. © Hermann Weingartner

„Ich bin generell eine Kämpfernatur, für mich war in dieser Zeit wichtig, dass ich der Chef bleibe“, blickt sie zurück. Sie geht viel raus in die Natur, besinnt sich aufs Wesentliche. Nur Singen kann sie in dieser Zeit nicht. „Fredl Fesl hat mal gesagt – ein kranker Vogel singt nicht‘“, erklärt sie.

Langsam kommt wieder die Fröhlichkeit zurück. Die Krankheit hat etwas mit ihr gemacht. „Ich habe ein ganz intensives Gefühl für schöne Dinge entwickelt. Beispielsweise ist mir gutes Essen noch wichtiger als früher.“ Unterkriegen lassen, das ist für die Macherin keine Option, sie sagt: „Rückschläge spornen mich an, dann will ich‘s erst recht wissen.“

Ans Aufhören denkt die 65-Jährige nicht. „Ich brenne für die Kultur und bin ihr lebenslang mit Leib und Seele verbunden, solange es geht. Mir glangt, dass i woas, dass i kantat, wenn i woin dad.“

Auch interessant

Kommentare

Информация на этой странице взята из источника: https://www.merkur.de/lokales/erding/dorfen-ort28598/fast-jeder-dorfener-kennt-sie-die-birgitt-von-der-soafa-93773797.html