Der Tegernsee gilt als Alpenidyll und Domizil der Reichsten der Republik. Doch vor gut 100 Jahren sorgte ein Ölrausch dafür, dass es hier völlig unromantisch zuging.
Bad Wiessee – Ein mächtiges Hämmern schallt aus Holztürmen über die Wiesen, Schwefelgeruch wabert über dem Tal, es sieht aus wie in Texas. Ende des 19. Jahrhunderts brach am Tegernsee ein Ölrausch aus, der die Gegend verändern sollte. Doch die Geschichte begann schon fast 500 Jahre vorher.
„Anfang des 15. Jahrhunderts hatte ein Pater des Klosters Tegernsee in der St.-Quirin-Kapelle am Ostufer eine Messe gelesen“, berichtet Heimatführerin Elisabeth Schönleben. „Als der Pater die Kapelle verließ, sah er einen glitzernden Streifen auf dem See. Er ruderte mit dem Mesner die Spur entlang.“ Am anderen Ufer entdeckten sie ein Bächlein, das aus einer Quelle am Hang entsprang. Der Abt Kaspar Ayndorffer (1426–1461) erkannte den Wert der ölhaltigen Quelle und ließ dort eine Brunnenkapelle errichten – am heutigen Golfplatz von Bad Wiessee.
Schon die mittelalterlichen Mönche verkauften das Öl vom Tegernsee
„Die Mönche füllten das „Oleum Sancti Quirini“ ab und verkauften es“, berichtet Schönleben. Sie zeigt die Kopie eines „Quirinus-Zettels“, der den Fläschchen beigefügt wurde, der zwei Gebete enthielt und die Wirkung beschrieb, etwa die „Heilung bei Lahmen und Gichtbrüchigen“. Schönleben: „Das Öl wurde auch als Wagenschmiere benutzt.“
Der Brauch endete 1803 mit der Auflösung von Kloster Tegernsee. Geschäftsleute versuchten dann, das Öl zu fördern. Schönleben: „Es wurden sogar mit Spaten Löcher gegraben.“ 1905 stieß der niederländische Bergingenieur Adrian Stoop in 500 Meter Tiefe auf Rohöl. Bald standen zwölf Bohrtürme am Ufer, es wurde eine Pipeline zum Bahnhof in Gmund verlegt. „Dem Einheimischen war das nicht geheuer, der Schwefelgeruch und die Fördertürme waren dem gerade aufkommenden Tourismus nicht förderlich“, so Schönleben. 1927 versiegten die letzten Ölquellen. „Gott sei Dank, sonst hätten wir heute eine Ölraffinerie am Tegernsee.“
Anfang des 20. Jahrhunderts sprossen am Ufer die Bohrtürme wie die Schwammerl aus dem Boden
Bei einer seiner Bohrungen stieß Stoop 1909 in fast 700 Meter Tiefe auf eine übel riechende Wasserquelle. Der Wiesseer Arzt Dr. Erwin von Dessauer erkannte deren Heilkraft, es war die stärkste Jod-Schwefel-Quelle Deutschlands. „Da waren die richtigen Leute zur richtigen Zeit am gleichen Ort“, so Schönleben. 1914 wurde die „Jod-Schwefelbad Wiessee GmbH“ gegründet, 1919 das Heilbad eröffnet, später die Wandelhalle, Anwendungsräume und ein Park. 1922 erhielt Wiessee das Recht, sich „Bad“ zu nennen.
Es begann ein wahrer Boom. Im Jahr 1973 zählte Bad Wiessee über eine Million Übernachtungen. „Bis die Gesundheitsreform ab 2000 das Kurwesen fast zum Erliegen brachte“, berichtet Elisabeth Schönleben. Kuren wurden kaum noch bezahlt, für Wellness war das alte Kurbad aber zu veraltet und wurde 2018 bis auf die denkmalgeschützte Wandelhalle abgerissen. Daneben wurde 2020 das neue Jodschwefelbad eröffnet, wo man in diskreten Kabinen wohl㈠tuende Wannenbäder nehmen kann – auf eigene Kosten oder als ambulante Kur.
Die Führungen von Elisabeth Schönleben kann man unter gaestefuehrung-schoenleben@gmx.de buchen. Auch im Mangfalltal gibt es in einem geheimnisovllen Tunnelsystem aus dem Mittelalter Spannendes zu entdecken. Das gilt auch für die größte Höhlenburg Deutschlands in Stein an der Traun am Chiemsee oder auf Burg Grünwald bei München mit ihrer reichlich kuriosen Geschichte.
Der Rundweg zu den ehemaligen Bad Wiesseer Ölquellen
Anreise: Mit der BRB bis Gmund, ab da mit dem Bus 357 oder 359 nach Bad Wiessee/Jodbad. Hier auch kostenpflichtiger Parkplatz. Die Wilhelminastraße zur Seepromenade (1), dieser nach links folgen (am Strandbad). Dem Ufer (2) folgen, bis bergauf die Hauptstraße überquert wird. Dort den Rohrbognerweg immer geradeaus, nach dem Golfgebäude links bis zur Quirinkapelle (3). Von da weiter am Waldrand Richtung Bad Wiessee (Seepromenade). In der Schlucht am Bach scharf links abbiegen, dem Bach talwärts folgen, bis rechts die Abbiegung „Höhenweg Bad Wiessee“ kommt. Dem Toni-Kinshofer-Weg folgen. Am Waldrand Aussichtspunkt Prinzenruh (4, Foto). Ab da Richtung Bad Wiessee (Ortsmitte). An der Seeuferpromenade (5) zurück zum Start.
Tourdaten: 8,3 km, 160 Höhenmeter, ca. 2,5 h, Straßen, Fahr- und Wanderwege.
Einkehr: Gasthof Königslinde, Lindenplatz 3, Bad Wiessee. Tgl. außer Mi. & Do. 11-21 Uhr.