Tierwohl und Tradition – das beißt sich nicht: Wie Thomas Irl seinen Hof in die Zukunft führt

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Beeindruckende Anlage: Der Stall der Familie Irl in Oberbierbach bietet den knapp 180 Kühen Platz zur Bewegung. © Johannes Dziemballa

„Es war eine langwierige und schwierige Entscheidung, diesen neuen und modernen Stall zu bauen. Aber unser alter Stall war einfach nicht mehr zeitgemäß, arbeitswirtschaftlich nicht mehr rentabel und entsprach auch keinesfalls heutigen Vorstellungen von hohem Tierwohl.“ So erklärt Landwirtschaftsmeister Thomas Irl (30) seine Entscheidung zum Bau eines modernen Stalls in der Nähe des ursprünglichen Felber-Hofs in Oberbierbach. Kraft gibt ihm in seiner Entscheidung der familiäre Zusammenhalt in Person der Eltern Johann (59) und Brigitte (56) sowie seiner Partnerin Franziska Ludwig (30), die ebenfalls mit anpackt.

Oberbierbach – Wenn das junge Paar auf der Bank vor seiner kürzlich eröffneten Milchtankstelle sitzt, an der es neben eigens erzeugter Milch aus einem Automaten rund um die Uhr auch Eier aus Notzing, Honig aus Langengeisling, Kartoffeln aus Kirchheim und Eis aus Hörlkofen zu kaufen gibt, blicken sie auf das gegenüber liegende große Gebäude: den neuen Stall mit modernster Technik. Er ist unübersehbar mit seinen 68 Metern Länge, 41 Metern Breite und zehn Metern Höhe, und doch fügt er sich gut in die leichte Hügellandschaft hier ein.

Stammbaum geht bis aufs Jahr 1704 zurück

„Im September 2022 haben wir mit dem Bau begonnen, ein Jahr später war er fertig“, erinnert sich Irl. Nach drei Jahren Landwirtschaftsschule in München, einem Praxisjahr auf dem Hof der Eltern sowie einigen Semestern Winterschule in Erding hatte er nicht nur den Meistertitel in der Tasche, sondern auch den Entschluss gefasst, daheim umzubauen und zu modernisieren. „Der Stammbaum unseres Hofs geht bis ins Jahr 1704 zurück, aber aus der Erinnerung der Eltern gab‘s hier im Jahr 1950 acht Kühe, vier Einspannpferde, eine Zuchtstute und einen Zuchtbullen. 1988 baute mein Vater erstmals etwas um, wir hatten damals schon einen Laufstall für unsere Tiere, betrieben ausschließlich Viehzucht samt Milchbetrieb, kümmerten uns um unseren Wald.“

Dusche und Bodenheizung

Weil Thomas Irl seinen Beruf liebt, ihn wirklich als Berufung sehe, dachte er lange über die weitere Zukunft des Betriebs nach. Und so kam er, zusammen mit seinen Eltern, zu dem Entschluss, ganz neu zu bauen, einen Stall nach modernen Gesichtspunkten, sowohl auf bestmögliches Tierwohl, als auch auf maximale Wirtschaftlichkeit hin ausgerichtet. In dieser großen und hellen Halle leben nun 177 Kühe, dazu besitzt der Hof rund 100 Aufzucht-Tiere, teilweise ausgelagert.

Vor der neuen Milchtankstelle: Thomas Irl und seine Lebensgefährtin Franziska Ludwig machen es sich fürs Foto auf einer Bank gemütlich.
Vor der neuen Milchtankstelle: Thomas Irl und seine Lebensgefährtin Franziska Ludwig machen es sich fürs Foto auf einer Bank gemütlich. Links steht eine Kartoffel-Kiste zur Selbstabholung. © Dziemballa

Den Kühen geht’s offensichtlich gut: Kein Tier ist angebunden, sie können sich frei bewegen, ein paar haben sich hingelegt, andere fressen. Wieder andere lassen sich den Rücken von einer Bürste massieren, die zum Wohlsein rotiert, bald wird hier auch eine Kuh-Dusche installiert sein. Ihre Hinterlassenschaften werden per Schieber, die über den Stallboden fahren, regelmäßig abgeräumt, und wenn eine Kuh ins Freie möchte, kann sie sich auf weiteren knapp 600 Quadratmetern Fläche samt einer Bodenheizung dort bewegen. „Speziell bei Regen gehen sie gerne nach draußen“, berichtet Irl. Er kennt tatsächlich alle seine Tiere beim Namen, schaut regelmäßig, ob sie sich auch wohlfühlen.

Das scheint der Fall zu sein, denn auch das Melken entscheiden die Tiere selbst. Wann immer es sie zu einem der drei automatischen Melk-Roboter zieht, angelockt von einem speziellen „Leckerli“ aus geschrotetem Getreide und Körnermais, werden dort erst einmal ihre Zitzen gereinigt. Erst dann saugt die Maschine behutsam ihre Milch ab, registriert automatisch die geförderte Menge und leitet sie dann in den Milchtank weiter, wo sie, gut gekühlt, jeden zweiten Tag vom Tankwagen der Molkerei abgeholt und dann weiterverarbeitet wird.

Gesundheitskontrolle übers Smartphone

Auch um das Raumklima hat sich Thomas Irl Gedanken gemacht. So laufen ständig große Ventilatoren und sorgen für Durchlüftung, mit Jalousien an den Seitenwänden lässt sich das Licht von draußen dosieren. „Wir haben hier eine automatische Lichtsteuerung, die immer 200 Lux an Lichtstärke liefert, 16 Stunden lang gleichbleibend. Kühe gewöhnen sich nicht so leicht an Lichtwechsel wie Menschen.“ Außerdem setzt der junge Landwirt an manchen seiner Tiere eine blaue Ohrmarke ein, mittels derer er über sein Smartphone sofort erkennen kann, ob es einer Kuh nicht gut geht. „Wir haben, bis wir alle diese Ideen zusammengetragen hatten, zuvor zehn andere Betriebe besichtigt und dann zusammen mit einem Planungsbüro alles zu Papier gebracht. Erst dann folgte der Gang zur Bank, um dort unser neues Geschäftsmodell zu präsentieren.“

Ein bisserl Wellness darf‘s auch für die Kuh sein: Behandlung mit der Massage-Bürste.
Ein bisserl Wellness darf‘s auch für die Kuh sein: Behandlung mit der Massage-Bürste auf dem Felber-Hof. © Dziemballa

Über die Kosten des neuen Stalls möchte Irl nicht sprechen, er sieht diese Investition aber als sinnvoll an für die Zukunft seiner Familie, die von vier Mini-Jobbern sowie seinen beiden Schwestern Unterstützung erhält. „Es macht für mich Sinn, eine Kreislauf-Wirtschaft am Leben zu erhalten, nach modernsten Methoden zu arbeiten und dabei trotzdem Familien-Tradition als Landwirte zu pflegen“, beschreibt er die Philosophie seines Handelns.

Klare Worte an Politik und Verbraucher

Dabei sieht er zwar, dass sein Beruf kaum Zeit für Urlaub lässt und in der Erntezeit bis zu 90 Stunden Wochenarbeit fordert. „Andererseits habe ich einen kurzen Weg zur Arbeit, Familie und Beruf finden an einem Ort statt.“

Was er sich wünscht? „Von der Politik erhoffe ich mir deutlich mehr Verlässlichkeit in deren Entscheidungen, sie sollte Landwirtschaft nicht nur in schwierigen Zeiten als verbrauchsrelevant ansehen. Was die Endverbraucher angeht, vermisse ich manchmal deren Einsicht für gute Lebensmittel, wir können und wollen nicht immer nur billig produzieren. Der Einsatz für mehr Tierwohl kostet auch etwas mehr. Schließlich sollten auch unsere Nachtfahrten zur Erntezeit mehr respektiert werden: Wir wollen niemanden ärgern, sondern gute Produkte erzeugen, dafür sind manchmal Überstunden notwendig.

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