Die russische Flugabwehr soll im Ukraine-Krieg schwer angeschlagen sein. Eine ukrainische Drohne wird deshalb zum Riesen-Problem für Wladimir Putin.
Moskau – Die Verhandlungen über eine Waffenruhe im Ukraine-Krieg ruhen weitgehend, während die Verluste für Kreml-Autokrat Wladimir Putin und für Russland in dem Blutvergießen weiter steigen.
Verluste für Wladimir Putin: Ukrainer greifen mit Langstreckendrohne Ljutyj an
Das gilt auch für kriegswichtige Industrieanlagen und Öl-Raffinerien des Moskau-Regimes, und zwar zwischen dem Schwarzen Meer sowie dem Kaukasus. Grund dafür ist nicht zuletzt eine große Kamikaze-Drohne namens „Ljutyj“, zu Deutsch „wütend“.
Weil die russische Luftabwehr nach bald dreieinhalb Jahren stark dezimiert ist, bekommt diese die Langstrecken-Drohne offenbar kaum noch verteidigt. Insofern dies zwischenzeitlich überhaupt mal der Fall war. Davon berichtet jetzt die Bild und verweist auf neuerliche Luftangriffe der Ukraine auf die russische Infrastruktur.
Russland im Ukraine-Krieg: Putins Militäreinrichtungen sind im Visier der Ljutyj-Drohne
Dem Bericht zufolge sollen die Ukrainer Anfang Juni mit den vier Meter langen Kamikaze-Drohnen mehrere militärisch bedeutsame Ziele in den russischen Städten Saratow, Nischni Nowgorod, Kasan und Tscherboksary getroffen haben. Zur Einordnung: Nimmt man den seit Monaten eingefrorenen Frontabschnitt bei Kupjansk im äußersten Nordosten der Ukraine als Maßstab, liegt Kasan von dort aus gemessen mehr als 1000 Kilometer Luftlinie entfernt. Nach Nischni Nowgorod sind es etwa von der ukrainischen Großstadt Charkiw (rund 1,5 Millionen Einwohner) aus rund 830 Kilometer Entfernung.
Verschiedenen ukrainischen Militärbloggern zufolge, die dem Generalstab in Kiew nahestehen, soll die „wütende“ Kamikaze-Drohne nach mehreren Modifizierungen mittlerweile eine Reichweite von bis zu 2000 Kilometern haben. Damit käme sie zum Beispiel von Kramatorsk aus, wo das ukrainische Hauptquartier für die östliche Front liegt, bis weit nach Jekaterinburg ins Uralgebirge hinein. Rjasan, Salawat, Saratow, Tuapse, Wolgograd, Krasnodar, Jaroslawl – die Liste der russischen Städte, in denen Öl-Raffinerien oder Treibstofflager durch ukrainische Drohnen getroffen wurden, ist lang und bitter für Putin. Da die teure Flugabwehr offensichtlich nicht mehr für die gesamte Russische Föderation ausreicht, um die vergleichsweise günstigen Drohnen abzuschießen und damit aufzuhalten.
Flugabwehr in Russland: Haben Putins Soldaten zu wenige Störsender gegen Drohnen?
Während zum Beispiel der Chef des deutschen Geheimdienstes BND, Bruno Kahl, vor einem möglichen russischen Angriff auf die Verteidigungsallianz Nato warnt, wird in der Ukraine und im Westen kritisch beäugt, wie schlagkräftig die aktuellen militärischen Kapazitäten Putins für eine solche weitere völkerrechtswidrige Attacke in Europa tatsächlich wären. Oder wie sehr dezimiert. Bei Putins Bomber-Fiasko in Russland hatte die Luftverteidigung des Kreml Anfang Juni komplett versagt, weil die kleinen und vor Ort gestarteten Kamikaze-Drohnen nicht aufgehalten werden konnten.
Militär-Experten wie Gustav Gressel vom European Council on Foreign Relations analysierten, dass die Russen offenbar nicht über genügend elektronische Störsender verfügen, um den Zielanflug der Drohnen auf deren letzten Metern zu unterbinden. Die Ljutyj wird offenbar mittels einer Kamera von Drohnen-Piloten gesteuert, während andere Kamikaze-Drohnen der Ukrainer mittlerweile KI-betrieben sein sollen. Was sich nicht unabhängig verifizieren lässt. Videos zeigen: Die Drohne hat ein langes Heckleitwerk sowie zwei lange und schmale Tragflächen. Angetrieben wird sie am Heck von einem einfachen Propeller mit Benzinmotor.
Verluste für Russland: Viele Flugabwehrsysteme Wladimir Putins sollen darunter sein
In sozialen Netzwerken geteilte Videos zeigen auch: Die Liutyi kann über Raffinerien punktgenau in eine sogenannte Kolonne zur Rohöldestillation gesteuert wird. Zur Erklärung: Verbunden mit dem Ofen der Raffinerie, der das Rohöl auf bis zu 390 Grad Celsius erhitzt, soll die Kolonne in Form eines hohen Stahlturms das entstandene Dampf-Flüssigkeits-Gemisch destillieren und als abgekühlte flüssige Bestandteile aufsammeln. Also schließlich die Endprodukte Diesel oder Benzin. Werden die Raffinerien hier getroffen und in Brand gesetzt, geht mit der Treibstoffproduktion für Putins Invasionstruppen erstmal nichts mehr voran.
Wie die offenbar gut vernetzten Blogger des Online-Portals Militarnyi schreiben, soll die Langstrecken-Kamikaze-Drohne bereits im Sommer 2024 in Serienproduktion gegangen sein. Wie viele Drohnen letztlich jährlich produziert werden können, ist offiziell nicht bekannt. Es soll Bloggern zufolge angeblich eine niedrige vierstellige Zahl sein. Putins Verluste sind indes auch unter den Luftverteidigungssystemen hoch. So sollen die russischen Streitkräfte laut einer Auflistung der Open-Source-Intelligence-Website Oryx (Stand: 11. Juni) seit Februar 2022 schon 333 Raketen-Luftabwehrsysteme und 27 Flugabwehrkanonenpanzer verloren haben. (pm)