Die Historikerin Dr. Anne Sudrow deckt Verbindungen zwischen der SS und Weleda auf. Ihre Studie zeigt, wie eng die Netzwerke waren. Die Enthüllungen sorgen für Aufsehen.
Das KZ Dachau ist als Ort des Schreckens weltweit bekannt. Weniger bekannt beziehungsweise historisch aufgearbeitet war dagegen, was direkt angrenzend an das Lagergelände geschah. Dort mussten KZ-Häftlinge eine gut 150 Hektar große landwirtschaftliche Fläche bewirtschaften, die SS nannte sie euphemistisch „Kräutergarten“, die Häftlinge „Plantage“. Im bürokratischen Nazi-Sprech wurde die Anlage als „Deutsche Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung“ (DVA) betitelt.
In dieser Versuchsanstalt wollten die Nazis Heilkräuter, Medikamente und Nahrungsmittel entwickeln. Der Fokus lag auf einer biologisch-dynamischen Anbauweise, ohne industrielle Fertigung, ohne künstliche Düngemittel. Die Häftlinge mussten bei Wind und Wetter schuften, angetrieben von SS-Wärtern, ohne warme Kleidung, ausreichend Essen oder landwirtschaftlichen Geräten. An einer kleinen Verkaufsstelle konnten die Dachauer die Produkte des „Kräutergartens“, vor allem Obst und Gemüse, günstig kaufen.
Weleda und die SS: Eine unerwartete Verbindung
In der Nachkriegszeit übernahm die Stadt das Areal, wusste damit aber nicht wirklich etwas anzufangen. Nun, da nach jahrelangen Verhandlungen klar ist, dass die KZ-Gedenkstätte für viel Geld saniert und neu gestaltet wird, soll auch das ehemalige DVA-Gelände Teil der Dachauer Erinnerungsarbeit werden. Voraussetzung dafür aber ist, so Gedenkstätten-Leiterin Dr. Gabriele Hammermann, dass die Geschichte der DVA „bestmöglich erforscht“ wird.
Und diese „bestmögliche Forschung“ liegt nun vor. Im Auftrag der KZ-Gedenkstätte Dachau erforschte die Historikerin Dr. Anne Sudrow die Geschichte der ehemaligen SS-Versuchsgüter. Ihre Arbeit umfasst 820 Seiten, aufgeteilt in zwei Bände: „Heil Kräuter Kulturen“ und „Saat der Gewalt“. Am Dienstag, 30. September, um 19 Uhr stellt Sudrow ihre Erkenntnisse im Besucherzentrum der Gedenkstätte offiziell vor. Der Eintritt dazu ist frei, um eine Anmeldung unter www.kz-gedenkstaette-dachau.de wird gebeten.
KZ Dachau: Verdrängung und Verstrickung enthüllt
Die wichtigsten Erkenntnisse der Studie aber wurden bereits Anfang der Woche bekannt und sorgten national wie international für Beachtung. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hatte als erstes Medium darüber berichtet und vor allem die Verstrickungen der prominenten Naturkosmetikfirma Weleda – das laut seiner Firmen-Internetseite „für Toleranz und Menschlichkeit“ steht – bekannt gemacht.
Schmutzige Geschäfte mit der SS
Wie Sudrow herausfand, hatte es während der NS-Zeit Verbindungen zwischen der SS und einem Teil der Naturheilkundeszene gegeben. Weleda etwa soll von der DVA Dachau nicht nur Kräuter bezogen, sondern der SS auch eine Frostschutzcreme geliefert haben, die vermutlich für medizinische Versuche eingesetzt wurde. Darüber hinaus arbeiteten im KZ für die SS zwei ehemalige Mitarbeiter der Firma Weleda, die landwirtschaftliche Experimente organisierten.
Dachauer „Kräutergarten“ – ein dunkles Kapitel
Gedenkstätten-Leiterin Hammermann gibt zu, dass diese Ergebnisse auch für sie überraschend waren: „Neu war für uns, wie eng das Netzwerk anthroposophischer Experten war, über Verbotsgrenzen hinweg.“ Zumal die Verbindung ja 1945 nicht endete: „In den 1950er- und 1960er-Jahren wurde die frühere ,Deutsche Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung‘ in Dachau von ehemaligen Vertretern der nationalsozialistischen Ernährungspolitik, Ernährungswissenschaft und Lebensreformbewegung fortgeführt.“
Warum es so lange dauerte, bis das Thema endlich gründlich aufgearbeitet wurde, glaubt Hammermann im zweiten Band von Sudrows Studie zu finden: Dieser schildere „für die Nachkriegszeit verschiedene Formen der Verdrängung“.
Dachauer Bevölkerung bekommt einige harte Wahrheiten präsentiert
Denn gerade die Dachauer Bevölkerung bekommt einige harte Wahrheiten präsentiert. Laut Hammermann „beschreibt die Studie eindrucksvoll, mit welcher Teilnahmslosigkeit die Zivilarbeiter die Grausamkeiten der SS gegenüber den Häftlingen beobachteten“. Selbst Mordaktionen hätten laut Sudrow „durchaus mit Wissen, ja sogar mit Zustimmung eines Teils der DVA-Zivilangestellten stattgefunden“. Widerstand gegen das NS-System sei, anders als in Dachau in der Nachkriegszeit gern erzählt, alles andere als „ein Massenphänomen“ gewesen. Nach Recherchen der Historikerin hätte es, wenn überhaupt, Hilfsaktionen für die Häftlinge nur in der kleinen Verkaufsstation des „Kräutergartens“ gegeben.
Besonders bitter: Als ehemalige Häftlinge in der unmittelbaren Nachkriegszeit den Antrag stellten, das DVA-Gelände zu bewirtschaften, reagierte die Dachauer Öffentlichkeit ablehnend. Sudrow: „Es wurden Stimmen laut, die davor warnten, dass, falls ‚die Juden und KZler die Anlage bekämen‘, diese ‚in einigen Monaten heruntergewirtschaftet‘ sei.“
Die Ergebnisse der Studie werden sich in jedem Fall in den Ausstellungsprojekten der KZ-Gedenkstätte niederschlagen.