Eine Anwältin erzählt, was vor dem Familiengericht passiert

Man sagt nicht umsonst " Dress to impress". Auch vor dem Familiengericht meinen daher viele Betroffene, dass ihr Aussehen, ihre Kleidung eine erhebliche Relevanz haben und richtweisend sind für eine mögliche Entscheidung über den anhängigen Sorgerechtsstreit. So ist es aber nicht. 

Zwar sollten Betroffene sauber und gepflegt vor dem Familiengericht erscheinen, möglichst ohne Kopfbedeckung, Sonnenbrille und ohne Kaffeebecher in der Hand. Es muss sich aber Niemand vor dem Familiengericht verkleiden. Das wirkt unauthentisch, es setzt zuvor unnötig unter Druck und ist somit schlicht und ergreifend überflüssig. 

Sandra Günther, TV-Expertin, Co-Autorin und Podcasterin, spezialisiert sich als Rechtsanwältin auf Familien- und Strafrecht. Sie ist Teil unseres EXPERTS Circle. Die Inhalte stellen ihre persönliche Auffassung auf Basis ihrer individuellen Expertise dar.

Was geht nun – und was geht gar nicht?

Eine gute Wahl ist eine saubere, ordentliche Kleidung. Betroffene gehen auf keine Party, auf keine Hochzeit und nicht auf eine Trauerfeier. Auch eine zerrissene Jeans, eine Jogginghose, offene, kaputte Schlappen oder ein Glitzerkleid mit High Heels sind unangebracht. Authentisch bleiben ist das Motto. 

Vor dem Familienrichter muss man keinen anderen Mensch spielen, aber sei am besten die beste Version von Dir selbst. Was das Familiengericht wirklich interessiert ist, wie Betroffene mit ihrem Kind umgehen, welche familiären Probleme es gibt, welches Helfersystem installiert werden kann, und wie für Kind und Eltern die beste Lösung erzielt werden kann. 

Mit dem Wissen in eine familienrechtliche Verhandlung zu gehen sollte den Druck was die Kleidung anbelangt doch ein wenig abmildern, oder?

Wie verhält man sich vor dem Familienrichter?

Ein Familienrichter ist auch nur ein Mensch. Auch Familienrichter haben ihre Themen in ihrem eigenen Leben, sind teils bereits getrennt, haben Kinder, ein Haus und eine Ex, die ihnen das Leben schwer macht. Was ich damit sagen möchte ist: Keine falsche Scham! Wir sind alles nur Menschen, und jeder von uns lebt zum ersten Mal, wenn wir den Glaube an die Reinkarnation einmal ausblenden. 

Der Familienrichter ist nicht dazu da, um die Betroffenen zu bewerten. Dies dürfte er auch gar nicht. Er ist unter anderem dazu da, die rechtlichen Probleme einzuordnen, über Anträge zu entscheiden und das Kindeswohl sicherzustellen. Vor dem Familiengericht sollte man sich, obwohl ich dies vorausgeschickt habe, natürlich nicht benehmen, als würde man in der Kneipe um die Ecke mit einem "Trinkkumpel" sprechen. Die Form sollte gewahrt sein. 

Die Ansprache soll "Herr Vorsitzender" oder "Herr Richter" sein. Wichtig ist es auch, den Vorsitzenden aussprechen zu lassen und ihn nicht anzuschreien. Sitzen bleiben im Termin sollte auch eine Selbstverständlichkeit sein. Ungefragt aufzustehen auf den Richter zuzugehen und ihm eine Whats App zeigen ist auch der falsche Weg. Besser ist es, vorab zu fragen, ob man sein Beweismittel (wenn man es nicht zuvor über seinen Rechtsanwalt hat einreichen lassen) kurz zeigen darf. 

Ansonsten würde ich sagen: Gehen Sie positiv in die Verhandlung und bekommen Sie ein Gespür für den Familienrichter; jeder ist anders und das ist auch gut so. Die meisten Familienrichter, die ich erlebe, sind einfühlsam, verständnisvoll und engagiert. Das ist doch gut zu wissen, oder?

Was passiert, wenn der Streit vor dem Familiengericht eskaliert

Dass ein Streit vor dem Familienrichter eskaliert ist nicht die Regel, aber auch keine absolute Ausnahme. Es geht im Familienrecht um Menschen, um enttäuschte Emotionen, um den Verlust von Kindern, um viel Geld und vieles mehr. Da ist es doch völlig klar, dass Menschen aus der Haut fahren, wenn sie verzweifelt sind und das Gefühl haben, sie und ihre Sicht der Dinge würde nicht richtig wahrgenommen. 

Wenn die Gemüter hoch kochen ist es wichtig, dass die weiteren Anwesenden den Konflikt nicht noch verstärken. Deeskalation ist dann das Mittel der Wahl. Was die Familienrichter in Dortmund anbelangt so kann ich sagen, dass jeder Einzelne dort in der Lage ist, Eskalationen zu verhindern und wenn diese dann einmal entstehen, diese wieder aufzulösen. 

Viele Richter im Familiengericht sind ausgebildete Mediatoren und wissen daher, wie sie mit problematischen Situationen und verzweifelten Gefühlsausbrüchen umgehen können. Ich habe es schon oft erlebt, dass Menschen im Familiengericht ausrasten, schreien und sogar die Gegenseite beleidigen. Dies geht natürlich nicht, somit sind auch wir Rechtsanwälte gefragt, unsere Mandanten zu führen und sie emotional ein Stück weit aufzufangen. Dies ist nicht immer einfach. Ich persönlich sehe dies als eine Herausforderung, die ich gerne annehme.

Dürfen Kinder an der Verhandlung teilnehmen?

Kinder dürfen in familienrechtlichen Verhandlungen in aller Regel nicht teilnehmen. Sie werden in Kindschaftssachen vorab angehört. Und zwar einmal von dem bestellten Verfahrensbeistand, dem sogenannten Sprachrohr des Kindes, und von dem Familienrichter. Dies geschieht in Abwesenheit der Erwachsenen und findet in der Regel an einem anderen Tag statt. 

Einmal habe ich es erlebt, dass ein Kind unmittelbar vor der Verhandlung mit den Erwachsenen vom Familiengericht angehört wurde. Ein Unding wie ich finde denn. Es ging um die Frage, Umgang mit dem Vater, ja oder nein. Das Kind lehnte den Vater aus seinerzeit nachvollziehbaren Gründen ab. Es sah sich jedoch damit konfrontiert, dass der Vater, der ja zum nachfolgenden Termin geladen war, ebenfalls auf dem Flur gewartet hat. 

Das Kind hat damals sehr darunter gelitten und geweint. Das hätte das Familiengericht wirklich besser planen können. Da für Kinder familienrechtliche Verhandlung traumatisch sein können und dort über Dinge geredet wird, die Kinder nicht zwingend wissen müssen, ist es gut so, dass Kinder nicht mit anwesend sind.

Gibt es Familienrichter die berufsverbittert sind?

Ich kenne ja wirklich einige Familienrichter. Wenn ich von Kennen spreche meine ich damit nicht, dass wir zusammen auf dem Sofa einen Filmeabend machen, sondern dass man sich aus Verhandlungen kennt. Die meisten von ihnen sind lieb, empathisch, lässig und sprechen auch nicht von oben herab. Sie wirken auch nicht verbittert. 

Einen Familienrichter habe ich aber einmal erlebt, da konnte ich nicht selbst nicht glauben, was er zu Beginn der sorgerechtlichen Verhandlung sagte, nämlich: " Guten Tag, nur mal vorab, ich bin berufsverbittert, ich dulde keine Zwischenrufe und ich mache. hier im Zweifel auch kurzen Prozess." Das Jugendamt, meine Mandantin und ich schauten uns an und man konnte in den Gesichtern wechselseitig Fassungslosigkeit lesen. 

Im Verlauf der Verhandlung schrie der besagte Richter meine Mandantin so sehr an, dass ich mich einmischte und ihm zu verstehen gab, dass ich eine Befangenheitsantrag stellen werde, wenn er seinen Ton nicht sofort ändert. Der Richter zog seine Robe aus, warf sie hin, und lief aus dem Saal mit den Worten: "Das werden Sie sich aber nochmal überlegen bis ich wieder da bin!" Weg war er. Ich fand es in dem gesamten Kontext, der ja schwierig war, lustig dieses Schauspiel anzusehen. 

Das Jugendamt, die das betreffende Kind in Obhut genommen hatten, meine Mandantin, der Verfahrensbeistand und ich haben die Wartezeit genutzt, und uns auf dem Flur geeinigt. So musste der Richter, als er zurückkam, nur diktieren, wie wir uns geeinigt haben.

  • Sandra Günther

    Bildquelle: Sandra Günther

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