Der Ziegenhoden-Doktor: Er operierte angetrunken, doch Patienten liebten ihn

Sein Anfang war nicht leicht gewesen. Früh zum Waisen geworden und in Armut aufgewachsen hatte der junge John R. Brinkley, das Ziel, Arzt zu werden. Doch da dem 1885 Geborenen das Geld für ein seriöses Medizinstudium fehlte, studierte er zunächst an einer zweifelhaften „eklektischen“ Schule.

Er kaufte sich schließlich 1915, im Alter von 30 Jahren, einen Arzttitel bei einer „Titel-Mühle“.  In den meisten Staaten der USA wurde dieser „Abschluss“ offiziell nicht anerkannt. In seiner Heimat Kansas aber durfte er eingeschränkt praktizieren.

Die Sensation schien perfekt

1917, als Brinkley als Landarzt in Milford (Kansas) arbeitete, hatte er eine Idee, die sein Leben verändern sollte. Eines Tages kam ein Bauer in seine Praxis und beklagte seine nachlassende Zeugungskraft. 

Aus Spaß schlug Brinkley dem Mann vor, ihm Testikel von Ziegenhoden zu implantieren, denn die Ziege war für ihn das potenteste Tier überhaupt. Als sein Patient diesen als Witz gemeinten Vorschlag ernst nahm und forderte, dass der Arzt die Operation vornehme, führte Brinkley sie tatsächlich durch. Schließlich bekam er eine schöne Stange Geld dafür. 

Als die Frau des bisher potenzschwachen Patienten ein Jahr später ein Kind gebar, schien die Sensation perfekt. Die Nachricht verbreitete sich in Amerika wie ein Lauffeuer. Brinkley, der bald 750 Dollar (heute über 10.000 Dollar) pro Eingriff verlangte, wurde schnell reich.

Brinkley publizierte sein Wissen 1922 in einem Buch

Sein Verfahren war nicht gänzlich aus der Luft gegriffen: Die Idee der Xenotransplantation, also die Übertragung tierischen Gewebes, wurde damals auch von etablierten Forschern wie dem Franzosen Serge Woronoff, der Menschen Affenhoden implantierte, verfolgt. 

Brinkley publizierte sein Wissen 1922 in einem Buch und behauptete zudem, eine Methode zur Verjüngung gefunden zu haben. Ob es sich bei den berichteten Erfolgen um Placeboeffekte oder tatsächliche hormonelle Wirkungen handelte, wurde nie wissenschaftlich untersucht.

Immer mehr Patienten wollte sich von ihm behandeln lassen. Als er 1923 in Los Angeles zu Besuch war, kam ihm die Idee, zur Propagierung seiner neuen Methode einen eigenen Radiosender zu gründen. Da er in Kalifornien nicht praktizieren durfte, ging er zurück in seine Heimat Kansas. Dort entpuppte er sich als wahres Kommunikationsgenie.

Brinkley beantwortete intimste Gesundheitsfragen

Sein Radiosender KFKB, der mit einer Mischung aus Country-Musik, Comedy und seiner „Medical Question Box“ schnell zum populärsten Sender der USA avancierte, war nicht mehr als ein getarnter Verkaufs- und Werbekanal. 

In seiner Sendung beantwortete er intimste Gesundheitsfragen und zugleich warb er geschickt für seine Klinik. Über ein Apothekernetz vertrieb er zudem patentierte Medikamente, die er per Ferndiagnose verschrieb. Die Apotheken machte gerne mit, weil auch sie davon profitierten. 

Er berichtete stundenlang zwischen den Musiksendungen über seine Behandlungsmethode. Inzwischen behauptete er, sie helfe nicht nur bei Potenzproblemen, sondern gegen eine Vielzahl von Leiden – Grippe, Krebs, Schlaflosigkeit, Schizophrenie. Seine Methode sei „made in Germany“, behauptete er – das schien bei den Amerikanern besonders werbekräftig zu sein. 

Später erweiterte er seine Behauptung dahingehend, dass auch erkrankte Frauen gesund würden, wenn er ihnen Eierstöcke von Ziegen auf die eigenen Eierstöcke implantierte. So konnte er den Kreis seiner Patienten nochmals erweitern.

Brinkley wurde ein sehr reicher Mann

Brinkley konnte sich vor Anfragen nicht mehr retten und die Menschen waren bereit, große Summen für die Behandlung zu bezahlen. Er wurde ein sehr reicher Mann, sein Vermögen wurde nach heutigen Maßstäben auf knapp 200 Millionen Dollar geschätzt. Er kaufte sich eine Villa, in deren Garage zwölf Cadillacs standen.

Sein Ruhm zog allerdings auch Kritiker und Gegner an. Morris Fishbein, der mächtige Herausgeber des „Journal of the American Medical Association“, führte einen regelrechten Kreuzzug gegen Brinckly, den er als Quacksalber und als „Scharlatan übelster Sorte“ bezeichnete. 

Und bekannt wurde auch, dass immer mehr Menschen an den Folgen seiner eigentlichen unkomplizierten Operationen verstarben. In mindestens 42 Fällen unterschrieb er selbst die Sterbeurkunden, aber die Zahl der durch ihn verursachten Todesopfer wird deutlich höher eingeschätzt. Zwei Gründe für die Todesfälle waren, dass Brinkly häufig in angetrunkenem Zustand operierte und Hygienevorschriften außer Acht ließ.

Brinkley zog an die mexikanische Grenze

Die alarmierte Ärztekammer von Kansas entzog Brinkley schließlich die Lizenz, auch sein Radiosender wurde von der Regierung geschlossen. Doch der öffentliche Prozess, den er erfolglos anstrengte, machte ihn zum Märtyrer in den Augen seiner Anhänger. 

Er zog an die mexikanische Grenze und eröffnete in Mexiko mit Genehmigung der dortigen Regierung einen neuen Radiosender, der zum Sender mit der größten Reichweite weltweit wurde und an guten Tagen noch in Kanada gehört werden konnte. Hier warb er weiterhin für seine Methode. Er bot jetzt zusätzlich Prostata-Operationen an und verkaufte teure, wirkungslose Injektionen aus gefärbtem Wasser.

Obwohl die Zahl seiner Kritiker, vor allem unter den Experten und richtigen Mediziner, stetig wuchs, hatte er bei den einfachen Leuten nach wie vor sehr viele Anhänger. Diese Welle der Sympathie nutzte Brinkley für eine politische Karriere. 1930 kandidierte er als Unabhängiger für das Amt des Gouverneurs von Kansas. 

Sein Programm – kostenlose Medizin für Arme, Renten, Verbot von Kinderarbeit – antizipierte viele Punkte des New Deal-Programms des späteren Präsidenten Franklin D. Roosevelt. Es war aber finanziell nicht umsetzbar.

Der gewinnbringendste Chirurg der Welt 

Die Behörden fürchteten einen Wahlsieg und nutzten einen Trick, um ihn zu verhindern. Brinkley verlor schließlich knapp, wobei allerdings bis zu 50.000 Stimmen für ungültig erklärt wurden, weil sein Name nicht exakt geschrieben war. Sein siegreicher Kontrahent gestand später, dass er ohne diese Regelung die Wahl gegen Brinkley verloren hätte. Eine weitere Kandidatur 1934 war ebenfalls erfolglos.

Da sein Gegner Fishbein nicht locker ließ, verklagte Brinkley ihn schließlich 1939 wegen Verleumdung. Damit läutete er allerdings selbst seinen eigenen Absturz ein. Im Gerichtssaal musste er nämlich eingestehen, dass seine Verjüngungsversprechen falsch gewesen seien. 

Fishbeins Anwalt meinte, Brinkley sei der gewinnbringendste Chirurg der Welt, weil er klug genug war, die Schwächen der menschlichen Natur zu kennen, und dreist genug, damit jährlich eine Million Dollar zu verdienen. Das sah das Gericht genauso.

Brinkley wurde als Scharlatan gebrandmarkt

Brinkley wurde rechtlich als Scharlatan gebrandmarkt und anschließend von einer Flut von Schadensersatzklagen überzogen. Auf Druck der US-Regierung schloss Mexiko seinen Sender und Brinkley ging bankrott. 1942 starb er völlig verarmt, während ein Verfahren wegen Steuerbetrugs gegen ihn lief. 

Für seine medizinischen Verbrechen allerdings wurde er niemals juristisch belangt. Heute erscheint sein Wirken kurios, doch zu seiner Zeit glaubten viele Menschen an ihn und bezahlten viel Geld dafür. Und einige bezahlten ihren Glauben auch mit dem Leben.