Den Beamten in der Reichskanzlei, die für den Eingang der Post zuständig waren, müssen manchmal die Augen übergegangen sein, wenn sie Briefe an ihren obersten Chef Adolf Hitler lasen.
Denn ein Teil der umfangreichen Post, die täglich eintraf, geöffnet und nach Relevanz sortiert wurde, hatte einen speziellen Inhalt – es waren Liebesbriefe deutscher Volksgenossinnen an Hitler.
Die Inhalte drückten bestenfalls Sehnsucht und Weltfremdheit aus, im schlechteren Fall Irrationalität und sexuelle Wahnvorstellungen. Aber alle hatten sie eines gemeinsam: Sie waren Belege der großen Liebe der Briefschreiberinnen zu ihrem unerreichbaren Führer. Nur dass viele nicht verstanden, dass Hitler für sie nicht erreichbar war.
Tatsächliche Zahl der Briefe nicht mehr zu klären
Zehntausende solcher Briefe wurden vermutlich zwischen 1933 und 1945 an ihn geschrieben. Die tatsächliche Zahl ist heute nicht mehr zu klären, weil die meisten dieser Briefe im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs, als die Reichskanzlei in Berlin zerstört wurde und mit ihr viele Dokumente vernichtet wurden, verloren gingen. Doch ein kleiner Teil blieb durch einen glücklichen Zufall erhalten.
Dafür verantwortlich war William C. Emker, ein Offizier des Office of Military Government for Germany (OMGUS), also der amerikanischen Militärregierung im besetzten Deutschland. Er besichtigte 1946 erstmals die zerstörte Reichskanzlei im Berliner Zentrum.
Zu dieser Zeit hatten Sicherungstrupps der Besatzungsmächte die Trümmer bereits nach wichtigen Unterlagen zur NS-Herrschaft in Deutschland, zum von ihm angezettelten Weltkrieg und zur millionenfachen Judenvernichtung durchsucht und alles mitgenommen, was irgendwie wichtig erschien und noch leserlich war.
Am Ende hatte er 8000 Briefe gesammelt
Alles das, was ihnen unwichtig erschien, blieb einfach liegen und wurde der Verrottung preisgeben. Als Emker durch die Ruine der Reichskanzlei schlenderte, fielen ihm Papiere auf, die verstreut auf dem Boden lagen.
Als er eines davon aufhob und las, erkannte er, dass es sich um einen Liebesbrief an Adolf Hitler handelte. Er sammelte ein paar Blätter ein und kam in den folgenden Tagen mehrmals zurück, um weitere zu holen.
Am Ende hatte er 8000 Briefe gesammelt. Er nahm sie mit in die USA und ließ sie jahrzehntelang herumliegen. Erst Jahrzehnte später wurden sie von einem deutschen Historiker ausgewertet.
Diese Briefe haben es in sich. Historiker gehen anhand von Analysen des verwendeten Papiers ebenso wie des Schreibstils davon aus, dass die Verfasserinnen aus allen Schichten des Volkes stammten. Der Inhalt war stets eindeutig, aber der Stil durchaus unterschiedlich.
Eine Frau schrieb: „Lieber Dolfi! Du niedlicher Führer!“
Manche Briefe waren ganz sachlich gehaltene Aufforderungen zum Geschlechtsverkehr. So hieß es beispielsweise: „Lieber Führer Adolf Hitler! Eine Frau aus dem Sachsenland wünscht sich ein Kind von Ihnen …!“ Diese Hoffnung, vom „Führer“ höchstpersönlich geschwängert zu werden, war weitverbreitet unter den Frauen, die zum Füllfederhalter griffen.
Andere waren deutlich emotionaler. Eine Frau aus Gelsenkirchen schrieb: „Lieber Dolfi! Du niedlicher Führer! Komm doch zu mir, ich gebe dir mit heißem Herzen alles, was Du Dir von einer Frau wünschst …!“ Wieder eine andere textete: „Ich grüße Dich von ganzem Herzen und küsse Dich vielmals, mein geliebter Romeo.“
Hitler als „Romeo“? Diesen Namen hätte ihm vielleicht auch eine andere liebestolle Briefeschreiberin verpasst: „Du süßestes herzensbestes Lieb, mein Einziges, mein Allerbester, mein trautest und heißest Geliebtes. Weißt Du, heute könnte ich Dir gar nicht genug Namen geben, heute möchte ich Dich vor lauter Lieb‘ auffressen. Was würden aber da die anderen sagen?“
In einem andere Fall hieß es: „Süßes Adilie! Gleich will ich dir wieder herzliche Grüße an die Ostfront schicken. Wirst du lange dort bleiben? Innige Grüße, Dein Ritschlilie.“
Andere erklärten Hitler, wo er sie treffen kann
Eine Verfasserin wurde, was ihre sexuellen Avancen und möglicherweise auch ihre Vorlieben betraf, deutlicher: „Ich küsse dich auf deine 4 Buchstaben und tue Front frei, damit du dich fühlst, wie lieb ich dich hab.“ In einem anderen Brief hieß es: „Du suchst eine Frau, ich suche einen Mann. Es liegt alles nur an dir, ich bin zu allem bereit. Bestelle mich und ich komme.“
Andere erklärten Hitler genau, wo er sie treffen oder besuchen könne. So hieß es zum Beispiel: „Mein Lieb, nun hör mal zu: „Ich lass‘ für Dich einen Haustürschlüssel anfertigen.“
Das solle der Führer aber unbedingt geheim halten, so die besorgte Briefeschreiberin, denn: „England hat ja überall seine Spione und scheut vor keinem Mord zurück.“ Eine andere Frau, die in einer Bank arbeitete, schlug vor, er solle sie dort tagsüber durch einen Hintereingang besuchen.
Viele liebestolle Volksgenossinnen erwarteten ernsthaft, von Hitler persönlich eine Antwort zu erhalten und waren bitter enttäuscht, wenn diese ausblieb. Nur in seltenen Fällen verschickten die Mitarbeiter der Reichskanzlei eine kurze unpersönliche Antwort. In vielen Fällen wollten sich die liebestollen Frauen damit nicht zufrieden und schrieben bald erneut. In einem Fall sind 28 Liebesbriefe von nur einer Verfasserin erhalten.
Manche wandten sich mit wahnhaften Vorstellungen an Hitler
Solche Briefe trafen selbst im Angesicht des Unterganges des Dritten Reiches noch ein. So sandte im August 1944 eine Frau einen Brief an Hitler, in dem es hieß: „Am liebsten möchte ich Ihnen einen Kuss geben, weil Sie so ein herzensguter Mensch sind.“ Und auf einer Postkarte aus dieser Zeit stand zu lesen: „Lebe wohl mein Schatz und Gute Nacht, Du mein herziges Kind“.
Manche Frauen wandten sich dermaßen häufig und mit wahnhaften Vorstellungen an den „Führer“, dass es dessen Mitarbeiten ganz mulmig wurde. In einer unbekannten Zahl von Fällen setzten sie den Sicherheitsdienst auf sie an. Anderen erging es noch extremer.
So schrieb beispielsweise eine Gerda Z. immer und immer liebestrunkene Briefe. In einem Brief aus dem Jahr 1943 hieß es: „Wenn ich nicht beim Führer sein kann, bin ich nur ein lebender Leichnam.“ Dieser Brief ist sogar in einen Schreibmaschinenabschrift erhalten. Sie wurde an das Reichsinnenministerium geschickt, die zitierte Stelle ist rot markiert.
Ein Diktator als Schwarm
Der Reichsinnenminister ließ am 5. November 1943 mitteilen, dass Gerda Z. in eine „Irrenanstalt“ eingewiesen worden sei. Eine gefährliche Lage für die Frau, denn aufgrund der nationalsozialistische Ideologie vom „krankem Erbgut“, konnte eine solche Einweisung einem Todesurteil gleichkommen – viele der Insassen solcher Anstalten wurden nämlich umgebracht.
Dass Frauen emotional Hitler verfielen, der für sie unerreichbar war, ist gar nicht so ungewöhnlich und ist auch aus anderen Systemen mit einem starken Diktator an der Spitze bekannt. Er strahlte nach außen Stärke und sexuelle Potenz aus und schien Deutschland und damit auch die jeweilige Briefeschreiberin persönlich zu beschützen, vor wem auch immer.
Zudem wurde im Dritten Reich Liebe nicht im privaten Bereich propagiert, sondern als Liebe zum Vaterland und zum Führer. So konnten Frauen guten Gewissens in einer Ehe leben und mehrere Kinder gebären und dennoch ihre Liebe auf Hitler fokussieren.
Hitlers Verhältnis zu Frauen ist ungeklärt
Und Hitler? Dass er sich für die Liebesbekundungen seiner weiblichen Fans interessierte, ist sehr unwahrscheinlich – einmal abgesehen davon, dass er sie nie zu Gesicht bekam. Hitlers Verhältnis zu Frauen ist ohnedies ungeklärt. Für ihn waren sie Gebärmaschinen, die für möglichst viel Nachwuchs sorgen sollten.
Manche Historiker stellen andererseits in Frage, dass er selbst jemals sexuellen Verkehr mit einer Frau hatte, zumal kürzlich aufgrund einer DNA-Analyse bekannt wurde, dass er während der Pubertät an einer Krankheit litt, die seine sexuelle Entwicklung gestört haben könnte.
Hitler selbst stilisierte sich als ein „Führer“, der nur für Deutschland lebe. „Meine Braut heißt Deutschland“ verkündete er – und hielt wohlweislich seine langjährige Lebenspartnerin Eva Braun vor der Öffentlichkeit geheim. Er heiratete sie erst wenige Stunden vor seinem und ihrem Selbstmord im Bunker unter der Berliner Reichskanzlei am 30. April 1945. Denn das Wissen um ihre Existenz hätte möglicherweise den Liebeseifer seiner weiblichen Anhänger erkalten lassen.
Hitlers wahre Meinung über Frauen
Hitlers Meinung über Frauen war ohnedies klar. Man brauche sie zwar, um die Männer zu überzeugen, sagte er einmal. Aber seinem Lieblingsarchitekten Albert Speer gegenüber äußerte er seine wahre Meinung: „Sehr intelligente Menschen sollen sich eine primitive und dumme Frau nehmen. Sehen Sie, wenn ich nun noch eine Frau hätte, die mir in meine Arbeit reinredet! In meiner Freizeit will ich meine Ruhe haben.“ Seine Geliebte Eva Braun, so Speer in seinen Erinnerungen, habe stumm daneben gestanden.
Doch wahrscheinlich hätte es die meisten der liebestrunkenen Briefschreiberinnen nicht abgehalten, wenn sie seine Meinung über Frauen gekannt hätten. Ihre „Liebe“ war in vielen Fällen mindestens an der Grenze zum Wahn angesiedelt.