Als Lastesel der Lüfte findet die Drohne eine neue Rolle. Aber ein Ex-Kämpfer warnt die Nato deutlich vor der Waffe: „Ich hätte lieber einen Mörser.“
Kiew – „Wenn Sie eine seltsame Spendenaktion für ein E-Bike oder ein Einrad sehen, wundern Sie sich nicht. Vielleicht rettet es ein Leben“, sagt Mykola Hrytsenko. Der Kommandierende der 4. Brigade „Rubizh“ der ukrainischen Nationalgarde erläutert in einem Youtube-Video, auf welch innovative Art und Weise Wladimir Putins Invasionsarmee ein ukrainisches Soldatenleben entrissen wird: Mittels einer Drohne will die Brigade einem im Ukraine-Krieg eingekesselten ukrainischen Soldaten ein E-Bike eingeflogen haben, um ihm die Flucht zu den eigenen Stellungen zu ermöglichen. Ein spektakulärer Coup mit spektakulären Militärfahrzeugen.
Der Business Insider (BI) berichtet davon, dass üblicherweise als Bomber eingesetzte Drohnen jetzt offenbar auch logistische Aufgaben übernähmen – das Magazin stellt aber klar, dass sie sowohl die Angaben als auch die Aufnahmen aus dem Clip ungeprüft übernimmt.. Die Verlastung des als 40 Kilogramm schwer deklarierten Fahrrades sei eine Premiere gewesen, so der BI. Ob das Beispiel Schule mache, zieht das Magazin allerdings in Zweifel: „Da die Größe der Nutzlast die Drohne möglicherweise leichter erkennbar macht, ihre Reichweite aber einschränkt, ist unklar, ob sich diese Taktik in Zukunft durchsetzen wird“, schreibt BI-Autor Matthew Loh.
Ukraine-Krieg: Die Nutzung von fliegenden Drohnen zum Transport von Gütern ist neu
Die Nutzung von fliegenden Drohnen zum Transport von Gütern ist neu; Bodendrohnen in den Nachschub einzubinden, dagegen schon geübte Praxis. „Wir brauchen mehr Wasser an der Front. Menschen können nicht so viel tragen wie eine Bodendrohne“, erklärt ein anonymer Soldat mit dem Rufnamen „Dream“ gegenüber Radio Free Liberty/Radio Free Europe. Auch Bodendrohnen werden zum Teil mittels Glasfaser gesteuert. Wie Serhiy Horbatenko für Radio Free Liberty berichtet, bezeichne „Dream“ die Roboter-Bodenfahrzeuge als „die letzte Hoffnung, den Kriegsverlauf auf Seiten der Ukraine zu ändern“.
„Luftdrohnen sind nur ein Teil des wachsenden unbemannten Arsenals der Ukraine. Das ukrainische Militär nutzt Bodendrohnen, um feindliche Schützengräben zu stürmen, Nachschub an die Front zu liefern und verwundete Soldaten aus Krisenherden zu evakuieren.“
Seine letzte Hoffnung sei die Drohne offenbar auch für den geretteten Soldaten gewesen. „Tankist“, so der vermutliche Rufname des Soldaten, sei an seinem Frontabschnitt der letzte Überlebende seiner Gruppe von insgesamt vier Kameraden gewesen, seine Position eine sehr schwer zu erreichende bei Siwersk im Verwaltungsbezirk Donezk zwischen Kramatorsk und Sjewjerodonezk. „Tankist“ sei erschöpft gewesen und seine Stellung nahezu umzingelt, wie der BI aufgrund der Schilderungen von Mykola Hrytsenko berichtet. Den Leutnant zitiert Matthew Loh damit, dass dessen Stab einen Evakuierungsplan ausgearbeitet habe: Schwere Lastdrohnen wie die Baba Jaga oder Heavy Shot sollten ein Fahrrad mit Elektromotor zur Position des erschöpften Soldaten transportieren.
Beide Drohnen sind die Lastesel der Lüfte für die Ukraine: Mit einer Nutzlast von bis zu 15 Kilogramm könne sie verschiedene Munitionsarten transportieren, darunter Splittergranaten, Hohlladungen und sogar Panzerabwehrminen, schreibt Army Recognition über den mit 16 Roteren bestückten „Bomber“ Baba Jaga. Die Heavy Shot Drohne soll ungefähr 25 Kilogramm tragen können und letztendlich die verwendete Drohne gewesen – sowohl E-Bikes als auch Pedelecs wiegen zwischen 20 und 25 Kilogramm, insofern scheint der Transport möglich. Erstaunlich ist, dass der BI das Gewicht des Fahrrades mit 40 Kilogramm angibt, dann wäre der Lufttransport illusorisch gewesen. Allerdings habe die Ukraine auch drei Versuche benötigt; die ersten beiden Drohnen seien abgeschossen worden, so Mykola.
USA: Suche nach einer autonomen Drohne mit der doppelten Tragkraft eines Schwerlasthubschraubers
Der Leutnant kritisierte, dass eine Drohne an ihrem Nutzlast-Limit auch deutlich langsamer werde und in ihrer Reichweite deutlich limitiert. Mykola spricht von zwei Kilometern Reichweite. „Luftdrohnen sind nur ein Teil des wachsenden unbemannten Arsenals der Ukraine. Das ukrainische Militär nutzt Bodendrohnen, um feindliche Schützengräben zu stürmen, Nachschub an die Front zu liefern und verwundete Soldaten aus Krisenherden zu evakuieren“, schreibt Mark Boris Andrijanič. Laut dem Analysten des US-Thinktanks Atlantic Council könnte eine vom Westen finanzierte Drohnenoffensive Russlands „Spezialoperation“ zeitnah den Stecker ziehen.
Transportdrohnen zu Lande oder in der Luft allerdings fristen noch ein Schattendasein – wobei die Idee deutlich älter ist. Vor mehr als zehn Jahren soll die DARPA (Defense Advanced Research Projects Agency; zu Deutsch: Behörde für Forschungsprojekte der Verteidigung) an einer Transportdrohne für das US-Militär herumgeknobelt haben, wie das Magazin Golem 2014 berichtet hatte. Jetzt geht die Idee offenbar in eine neue Runde – die Forschungs- und Entwicklungsagentur suche nach einer autonomen Drohne mit der doppelten Tragkraft eines Schwerlasthubschraubers CH-53K King Stallion, wie Army Recognition Ende 2024 berichtet hat.
Dem Magazin zufolge habe die Agentur zu der Zeit eine Informationsanfrage an die Industrie veröffentlicht gehabt – gefragt seien „innovative Vorschläge für unbemannte Schwerlastsysteme mit einer Nutzlast von circa 35 Tonnen“. Laut der Anfrage soll die Drohne zwar „bestehende Motor- und Getriebetechnologien nutzen“, aber anders unterwegs sein als herkömmliche Hubschrauber. Vorgesehen sei die Drohne für eine Reichweite von rund 40 Kilometern und einer Flughöhe von maximal 200 Metern. Die Forschungsagentur plant damit, beispielsweise Schiffe unter Gefechtsbedingungen an Stränden entladen zu lassen.
China: Reich der Mitte auf dem Weg zur Herrschaft der Low Altitude Economy
So wie das Militär, tut sich auch die zivile Wirtschaft schwer mit den automatisierten Lieferdiensten – jedenfalls im Westen, wie die Deutsche Presseagentur (dpa) Ende 2024 berichtet hat: Demnach fördere China „die sogenannte Low Altitude Economy, also die Wirtschaft im Luftraum bis zu 1000 Metern, massiv. Drohnen zählen zu den ,neuen qualitativen Produktivkräften‘, mit denen die kommunistische Partei sich in Zukunft Fortschritt und Wachstum sichern will“, so die Ergänzung des Branchendienstes Logistik heute. In Italien werden aktuell auch schon Drohnen zur Belieferung eingesetzt, wie Reuters im Dezember 2024 berichtet hat.
„Am 4. Dezember 2024 flogen Amazon-Lieferdrohnen zum ersten Mal über den italienischen Himmel. Der Testflug wurde mit der neuen Drohne MK-30 durchgeführt, dem hochautomatisierten Drohnensystem, das das branchenführende Computer-Vision-Programm von Amazon nutzt“, publizierte die Nachrichtenagentur die Erklärung des Online-Händlers Amazon. Auch in Großbritannien hatte der E-Commerce-Riesen grünes Licht für Testflüge gegeben. Der Weg zum Paketboten mittels Rotoren ist weit, vielleicht führt er auch in eine Sackgasse.
Auch in der Ukraine mache eine Schwalbe noch lange keine Sommer, behauptet Jakob Jajcay in einem aktuellen Bericht für das Magazin War on the Rocks. Er habe in der Ukraine gekämpft und sage, „warum FPV-Drohnen irgendwie Mist sind“, wie sich der ehemalige slowakische Armeeoffizier parallel in einem Artikel für den US-Thinktank Center for European Policy Analysis (CEPA) äußert. Er habe in der Ukraine in einer Drohnen-Einheit als Legionär gedient und bezeichnet die Erfolge des ukrainischen Drohnenkrieges als geschönt.
Auch Mykola Hrytsenko empfindet den Preis für den geretteten Soldaten als hoch. Zwei Drohnen und zwei E-Bikes verloren; „Tankist“ soll auf seiner Flucht auch noch auf eine Landmine gefahren, aber unverletzt geblieben sein, berichtet der Business Insider. Jakob Jajcay weist darauf hin, dass der individuelle Erfolg gar nicht hoch genug eingeschätzt werden könne. Dennoch stellt er klar, dass Drohnen immer noch eine Notlösung darstellten – und an massives Artilleriefeuer nie und nimmer heranreichten: Ein Geschütz könne weiter und zuverlässiger schießen, in dem Punkt sei die Rüstung auch im Ukraine-Krieg keinen Schritt voran geschritten.
Wenn ihn ein Nato-Soldat „hypothetisch fragen würde“, ob Nato-Länder Drohnen mit First-Person-View-Funktion anschaffen sollten, tendiere er aufgrund seiner sechsmonatigen Erfahrung im Ukraine-Krieg wahrscheinlich zu einem Nein, wie er in seinem Artikel in War on the Rocks schreibt – funkgesteuert oder glasfaserbasiert mache da keinen Unterschied für ihn. Und seinen Bericht für das CEPA überschreibt er bewusst provokativ: „Ich hätte lieber einen Mörser als eine Drohne.“