Display am Arm und Antennen am Helm – Putin schickt jetzt Drohnenstör-Krieger an die Front. Ob das der Durchbruch ist oder Propaganda, bleibt offen.
Moskau – Es scheint, „dass zahlreiche Streitkräfte bis heute die Bedrohung durch FPV-Drohnen (First-Person-View) auf der untersten taktischen Ebene ignorieren – und das auf eigenes Risiko“, schreiben Kristóf Nagy und Thomas Lauge Nielsen; mit „unterster taktischer Ebene“ meinen die beiden Autoren des deutschen Militärblogs hartpunkt den einzelnen Soldaten. Und entgegen seiner bisherigen menschenverachtenden Fleischwolf-Taktik im Ukraine-Krieg scheint gerade Wladimir Putin radikal umzuschwenken. Zwei Antennen am Helm, die entfernt an die Fühler eines Insekts erinnern, identifizieren künftig russische Kräfte, die einen Drohnen-Störsender tragen.
Auf der Social-Media-Plattform reddit veröffentlicht die Community „DroneCombat“ ein Video, in dem ein Soldat die russische Erfindung präsentiert – „DroneCombat“ ist ein vermutlich ukrainischer Nachrichtenkanal, der über den Ukraine-Krieg informiert und beispielsweise das ukrainische Medienunternehmen United24 als Unterstützer aufführt. Das Video zeigt einen Soldaten mit russischen Hoheitsabzeichen, der neben dem Helm mit den beiden Antennen unter einer Schulterklappe vermutlich eine Art Signalverstärker eingeklemmt sowie einen ungefähr DIN-A5 großen Bildschirm an den Arm geschnallt hat; ähnlich dem wie Jogger ihr Handy an den Arm klemmen.
Drohnenabwehr im Ukraine-Krieg: Schutz für den einzelnen Soldaten in Putins Armee
Dazu trägt der Soldat eine Batterie in der Tasche. Als der Soldat die Batterie an seine Ausrüstung anschließt, reagiert das Display am Arm auf Signale einer Drohne, die vor ihm auf dem Boden liegt. Die vorgestellten Informationen entziehen sich weiterer Nachprüfung; die Funktion der neuen Technik kann genauso bahnbrechend sein wie allein zu Propagandazwecken veröffentlicht. Forbes veröffentlicht die Nachricht als wahr: „Das System erkennt die Drohne anhand ihrer Funksignatur und fängt dann scheinbar deren Videoübertragung ab, die auf dem am Arm montierten Bildschirm angezeigt wird. Der Soldat kann dann die Übertragung stören, was er in der Demonstration auch tut“, so das Magazin.
„So wie die Infanterie selbst nicht allein auf dem Gefechtsfeld agiert, so werden auch die Drohnenabwehr der Infanterie im Kontext der Maßnahmen auf Zug-, Kompanie-, Bataillons- und Regimentsebene agieren.“
Letztendlich bedeutet diese Technik, dass die Drohne geblendet und ihr dadurch die Wirkung genommen wird. Forbes-Autor Vikram Mittal hält dieses Design für „einzigartig“, wie er schreibt. Ihm zufolge sei der Ansatz neu. Bisher seien Drohnen durch Unterbrechen der Steuerungs- und Navigationsverbindungen außer Gefecht gesetzt worden. Mit Zunahme der Entfernung zwischen Absender beziehungsweise Bediener und Adressat, also der Drohne, würden Funksignale schwächer; so dass auf Empfängerseite nur stärkere Signale ausgesandt werden müssten, um das Ursprungssignal zu überlagern.
„Im Gegensatz dazu wird der Video-Feed von der Drohne mit hoher Leistung übertragen, um sicherzustellen, dass das Signal stark genug ist, um den Bediener zu erreichen. Dadurch ist es mit herkömmlichen Störtechniken weitaus schwieriger, ihn zu übertönen“, schreibt Mittal. Sollte dieses System funktionieren, hätte Russland die nächste Runde in der Nachrüstung der Drohnenwaffe für sich entschieden, und die Ukraine wäre ihrerseits wieder gefordert. Der einzelne Soldat könnte möglicherweise durch die neue Technik ein Stück „Lebensversicherung“ gewonnen haben. Der Ukraine-Krieg würde seit langem schon „von Baumgrenze zu Baumgrenze geführt, und die Truppen nutzen die Baumkronen, um sich vor den über ihnen kreisenden Drohnen zu verstecken“, wie das Wall Street Journal geschrieben hat. Damit würde jetzt endgültig Schluss sein.
Auch das deutsche Militärblog hartpunkt hatte Ende 2024 darüber berichtet, dass in verschiedenen Streitkräften mit unterschiedlichem Tempo daran gearbeitet würde, jeden einzelnen Kämpfenden gegen Drohnen resistenter zu machen beziehungsweise die individuelle Kampfkraft gegen Drohnen zu stärken. Allen voran die U.S. Marines: Eine am 15. Juli 2024 gestartete Informationsanfrage an die Industrie „bezieht sich auf die Technologie abgesessener Systeme zur Abwehr unbemannter Luftfahrzeuge (C-UAS, Counter-Unmanned Aircraft Systems, also: Systeme zur Abwehr von unbemannten Luftfahrzeugen), „um die Fähigkeit ‚jeder‘ Marineinfanterie zur Selbstverteidigung gegen kleine UAS (sUAS, Small Unmanned Aerial Systems ) der Bedrohungsgruppen 1 und 2 zu unterstützen“, schrieb bereits im Juli 2024 Unmanned Airspace. Laut dem Magazin hätte das US-Verteidigungsministerium die Gefahr durch Drohnen für einzelne Kräfte als Handlungsanweisung verstanden. Die Informationen aus dem Ukraine-Krieg scheinen durchgeschlagen zu haben
Drohnenabwehr im Ukraine-Krieg: Putins Armee kämpft mit neuer Taktik gegen Ukraine-Drohnen
Wie hartpunkt erläutert, seien Drohnen der Klasse 1 sind für die unterste taktische Ebene gedacht, wiegen insgesamt weniger als 150 Kilogramm und haben einen Nutzungsreichweite (Telemetriereichweite) von weniger als 50 Kilometern. Drohnen der Gruppe 2 seien größere taktische Drohnen mit einem Gewicht bis zu 600 Kilogramm und einer maximalen Entfernung zwischen Sender und Empfänger von bis zu 200 Kilometern. Wie Kristóf Nagy und Thomas Lauge Nielsen darstellen, sollten die Systeme „benutzerfreundlich, leicht erlernbar, gewichtsarm“ sein – wahrscheinlich sind „am Mann“ tragbare Ziele das letztendliche Ziel der Entwicklung.
Die beiden hartpunkt-Autoren merken an, dass alle bisher verfügbaren Methoden auf denselben Prinzipien beruhten und eine gemeinsame Schwachstelle hätten: „Das Problem bei diesen Systemen ist jedoch, dass sie sehr groß und sehr teuer sind und oft für andere Aufgaben als die Drohnenabwehr benötigt werden“, so Nagy und Lauge Nielsen. Allerdings vermuten die beiden aufgrund der Anforderungen der US-Marineinfanterie-Führung, dass die Störung und Neutralisierung von Drohnen mit der Optimierung bereits genutzter Ausrüstung einhergehe. Ihnen zufolge sei aktuell kaum davon auszugehen, dass die US-Marineinfanterie künftig mit antennenbestückten Helmen ins Gefecht ziehe.
Auch die überwiegend hämischen Beiträge der „DroneCombat“-Community bezweifeln stark den Sinn beziehungsweise Nutzen dieser Art von Ausrüstung: Der Leser „volljüdisch“ beispielsweise kommentiert: „Selbst wenn das funktioniert, wird sich Russland auf keinen Fall die Mühe machen, in all diese Ausrüstung zu investieren, um seine Fleischtrupps zu schützen.“, Andere, gemäßigtere Meinungen vermuten, dass die Drohnen-Entwicklung den „Tarnanzug“ längst überholt hätte, indem beispielsweise Glasfaserdrohnen die Kommunikation in einem gekapselten Umfeld, also der Glasfaser, nutzten.
Tarnen und Täuschen seien wieder zu den Generaltugenden einer modernen Armee zu zählen, erklärte beispielsweise Oberstleutnant Martin Winkler, Leiter des Sachgebietes „Auswertung“ im Kommando Heer, im Bundeswehr-Podcast Nachgefragt. Bei den Einsätzen in Afghanistan oder Mali waren Armeen im Gegenteil darum bemüht, wie Winkler sagte, „offen Präsenz zu zeigen und zu stabilisieren“. Das könnte in kommenden militärischen Konflikten überholt sein, das Gefechtsfeld wird gläsern werden und falsche Spuren um so wichtiger. In der Konfrontation mit Drohnen würden infanteristische Kräfte aktuell also immer noch ihre Schwierigkeiten haben.
Möglicherweise ist die Ukraine aber plötzlich doch zu Tempo in Kreativität verdammt – so sieht das offenbar der Kleinwaffenspezialist, Autor und Chefredakteur des britischen Online-Magazins The Armourer’s Bench, wie ihn das Wall Street Journal zitiert: „Ein guter Gradmesser für die Wirksamkeit ist, ob die Russen versuchen, es zu kopieren.“ Ungeachtet dessen geben die hartpunkt-Autoren Nagy und Lauge Nielsen wenig auf die Effizienz dieses singulären Störungsmoduls oder getunter Infanteriewaffen zur Drohnenabwehr: Die Drohne würde wahrscheinlich bis auf Weiteres jeder einzelnen Waffe überlegen sein. Die Effizienz der Abwehr mit jedem neu hinzukommenden Waffensystem bilde sich „aus der Situation, dem Ausbildungsstand der Soldaten und der bereits verfügbaren Ausrüstung ab“, schreiben die beiden Autoren für hartpunkt.
„So wie die Infanterie selbst nicht allein auf dem Gefechtsfeld agiert, so werden auch die Drohnenabwehr der Infanterie im Kontext der Maßnahmen auf Zug-, Kompanie-, Bataillons- und Regimentsebene agieren.“