Die Wiesen neben der B 2 bei Wielenbach bergen historische Schätze, die kürzlich durch Straßenbauarbeiten ans Licht kamen.
Wielenbach – Uralte Gräber, bronzene Schwerter, römische Straßen: Die Wiesen neben der B 2 bei Wielenbach bergen Schätze von außerordentlichem historischen Wert. Ein Straßenneubau erforderte nun ihre Untersuchung. Was die Archäologen fanden, ist sensationell.
Diesen Tag im April 2024 wird Lutz Kunstmann nicht so schnell vergessen. Der Archäologe ist ein Profi mit viel Erfahrung, hat schon viel gesehen. Was der Bagger da an diesem Montag Ende April auf dem Grabungsgelände bei Wilzhofen ans Tageslicht befördert, ist trotzdem etwas Besonderes: ein komplett erhaltenes Schwert aus der späten Bronzezeit, ordentlich drapiert in einem Grab. Es schimmert leuchtend grün, ist über 2000 Jahre alt und lag all die Zeit verborgen in der Erde.
Seit einem Jahr wird entlang der Bundesstraße gebaggert
„Das war schon aufregend“, sagt der 57-Jährige Monate später über den sensationellen Fund bei einer Begehung der archäologischen Grabungen. Im Moment liegt etwas Schnee auf dem Gelände, der Boden ist teils angefroren, teils matschig. Der Winterwind pfeift scharf hier heroben, direkt neben der Bundesstraße 2 in Richtung München, zwischen den Dörfern Wielenbach und Wilzhofen. Seit einem Jahr wird entlang der Bundesstraße gebaggert, vermessen, werden Daten erhoben, Untersuchungen gemacht. Den meisten, die öfter auf der wichtigen Verkehrsader zwischen Garmisch-Partenkirchen und München unterwegs sind, sind die Arbeiten rechts und links der Straße längst aufgefallen. Berichten durfte die Heimatzeitung über Monate nicht – zu groß war die Gefahr, dass sich Laien auf die Suche nach Schätzen machen.
Die Arbeiten dienen dem geplanten Ausbau der B 2 an dieser Stelle (siehe Kasten), sind aber keine Straßenbaumaßnahmen. Seit Monaten untersuchen Archäologen der Firma Archbau GmbH aus Augsburg das Gelände aufs Genaueste, die Arbeiten sind fast abgeschlossen. Von früheren Grabungen an der Stelle ist bekannt, dass es sich hier nicht nur um irgendein Ackerland handelt.
Eine der größten Grabflächen im Land
Wegen der historischen Bedeutung des Gebiets hat sich das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege bei Bekanntwerden der Straßenpläne auch zu Wort gemeldet und archäologische Voruntersuchungen angeordnet. Und im Zweifel könnte die Behörde als Trägerin öffentlicher Belange sogar den Straßenverlauf beeinflussen. Im Fall der B 2 ist das Verfahren nicht nur eine Formsache: „Es ist ein außerordentlich wichtiges Areal“, sagt Stefanie Berg, Abteilungsleiterin in der Bodendenkmalpflege. „Wir haben hier neben vielen Siedlungen eine der größten Grabflächen Deutschlands.“ Und die gelte es zu erhalten.
Alexandra Völter (51) nickt. Die Archäologin leitet die Grabungen gemeinsam mit Lutz Kunstmann für die Firma Archbau und ist immer noch begeistert über die Vielfalt der Epochen, aus denen die Funde stammen. Sie überlagern sich regelrecht auf den neun untersuchten Teilflächen, die sich gut drei Kilometer entlang der B 2 erstrecken.
„Über mehrere Jahrhunderte hinweg haben die Menschen hier ihre Toten bestattet, angefangen in der späten Bronzezeit (1300 bis 800 vor Christus) über die Hallstattzeit etwa 600 vor Christus und die römische Zeit (ab etwa 15 v. Chr.) bis ins frühe Mittelalter ab dem 6. Jahrhundert nach Christus.“ Denkmalschützerin Berg zeigt in Richtung Süden, wo in der Ferne die Alpenkette imposant dasteht, wie eine Mauer aus Gestein, auf die man von hier heroben blickt. Der Ort habe die Menschen schon immer fasziniert. „Man schaut hier in die Alpen. Und, auch wichtig, das Grabfeld liegt an einem ganz alten Verkehrsweg.“
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Schuhnägel am Wegesrand
Auch das zeigt sich bei den Grabungen immer wieder. An diesem windigen Wintertag stehen das Archäologenteam und die Mitarbeiter vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege direkt neben einer Römerstraße. Oder einem Römerweg. „Man darf sich hier keine breiten, gepflasterten Straßen vorstellen“, sagt Lutz Kunstmann. Die Verkehrswege aus römischer Zeit, die man hier findet, seien höchstens mit etwas Kies befestigte Wege gewesen, links und rechts mit Gräben versehen, damit das Regenwasser abläuft. Erkennbar sei die historische Straße an der dunkleren Erde, die die Archäologen gerade mit einem Rechen und viel behutsamer Handarbeit freilegen.
Die Gräben sind die reinsten Fundgruben, erklärt Kunstmann. Es sind Alltagsgegenstände, die die Wissenschaftler dort finden: Schuhnägel – die Sohlen römischer Sandalen waren genagelt –, Dolche oder auch ein bronzener Adler, der wohl als Aufsatz an einem Wagen gedient hat. „Was man halt an Straßen so verliert. Heute ist es Müll, Schuhe, Flaschen“, sagt Kunstmann. Gezielt abgelegt sind hingegen die Dinge, die die Archäologen in den Gräbern finden. Und davon gibt es unzählige. Berg zeigt auf die Wiese direkt gegenüber, auf der anderen Seite der Bundesstraße. „Sehen Sie die kleinen Hügel? Das sind alles Grabhügel.“ Tatsächlich reiht sich auf dem Feld Hügelchen an Hügelchen. Und in allen sind Tote bestattet. Ein Friedhof direkt neben der Straße, von den Vorbeifahrenden unbemerkt, viele Jahrhunderte alt.
In einem dieser Gräber, weiter Richtung Süden nahe Wilzhofen, liegt der Unbekannte, dem einmal das grün schimmernde Schwert gehörte. Kunstmann stoppt an dem Tag im April sofort den Baggerfahrer, als er die uralte Waffe entdeckt. Lagenweise hat die Baggerschaufel zuvor die Erdschichten abgetragen, immer unter Kunstmanns wachsamen Augen. „Das Erdmaterial war unterschiedlich, ich habe schon vermutet, dass wir hier etwas finden. Eine solche Grabbeigabe ist aber relativ selten.“
Nur dem erfahrenen Auge Kunstmanns ist es zu verdanken, dass die Schaufel das Schwert nicht zerbröselt hat. Kunstmann kennzeichnet den Fund sofort mit einem grünen Schildchen, dann beginnen die archäologischen Feinarbeiten von Hand. Etwas später ist das Schwert aus Bronze, das wegen chemischer Prozesse über die Zeit grün geworden ist, geborgen. „Es lag relativ tief in der Erde, daher ist es gut erhalten.“ Eine Sensation.
Keine einfache bäuerliche Bestattung
Und wer war der Wilzhofener, der in dem Grab vor all den Jahrhunderten bestattet wurde? „Wir sind noch in der Auswertungsphase“, sagt Alexandra Völter. „Wir können aber sagen: Eine einfache bäuerliche Bestattung war das nicht.“ Klar ist auch: Es handelt sich um ein Brandgrab aus der späten Bronzezeit. „Damals veränderte sich südlich der Alpen die Jenseitsvorstellung. Um den Start ins Jenseits zu ermöglichen, wurde das Verbrennen des Verstorbenen relevant“, erklärt Stefanie Berg. Diese Idee schwappte über den nahen Alpenkamm auch ins Oberland hinein – und vermischte sich mit der alten Tradition, den Körper in der Erde zu bestatten.
Die Angehörigen des Wilzhofener Schwertträgers verbrannten seinen Leichnam, füllten Asche und Knochen in eine Urne und setzten sie wie bei einer Körperbestattung in einem Erdgrab bei. Völter: „Die Urne wurde dort hingesetzt, wo der Kopf wäre, die Grabbeigaben wie Gefäße oder eine Fibel, dort, wo sie am Körper wären. Und das Schwert an die Stelle, wo die Hand des Toten wäre.“ Alle Funde, auch das Schwert, werden gerade restauriert.
Und dann, wenn alles ausgewertet, gesichtet, katalogisiert und restauriert wurde? Das ein oder andere Fundstück wird wohl in Museen landen. Der Ausbau der Bundesstraße 2 wird sich an den Vorgaben der Archäologen orientieren. Außerdem soll eine Infotafel in Zukunft auf die außerordentliche historische Bedeutung der Äcker und Wiesen rechts und links der B 2 hinweisen. Und natürlich finden die Erkenntnisse, die Stefanie Berg, Alexandra Völter, Lutz Kunstmann und ihr Team aus Archäologen gesammelt haben, Einzug in den wissenschaftlichen Diskurs. Die Gräber und die dort Bestatteten aber, die römischen Straßen, all die Tonscherben, Grabbeigaben, die Häuser und Alltagsgegenstände der früheren Siedler, die wieder mit Erde bedeckt oder noch nicht entdeckt wurden, werden weiter im Boden schlummern – bis zum nächsten Straßenbauprojekt.
B 2-Ausbau bei Wielenbach – die Fakten
Wenn die archäologischen Arbeiten entlang der B 2 bei Wielenbach abgeschlossen sind, beginnt das eigentliche Vorhaben an der Stelle: die Ertüchtigung und der Ausbau der Bundesstraße. Dazu wird laut Staatlichem Bauamt Weilheim, das das Ganze im Auftrag des Bundes organisiert, der komplette Bereich von der Anschlussstelle der Staatsstraße bei Wielenbach bis zur Tankstelle am Hirschberg erneuert. Außerdem werde die Kreuzung mit der Staatsstraße Richtung Tutzing mit einer Brückenkonstruktion höhenfrei ausgebaut. Zwischen den beiden Staatsstraßen bekomme die B 2 einen zusätzlichen Überholstreifen in Richtung München.
Nötig sei die Maßnahme laut Abteilungsleiter Andreas Lenker, um die Verkehrssicherheit zu erhöhen. „Die gesamte Strecke ist seit Jahrzehnten Unfallhäufungsstelle.“ Bauwerke seien teilweise noch aus dem Jahr 1919. Unstrittig ist das Bauvorhaben nicht. Seit Jahren wehren sich die Gemeinde Wielenbach und eine Bürgerinitiative – ohne Erfolg: 2023 entschied das Verwaltungsgericht für die Baumaßnahme, die endgültige Baugenehmigung liegt nun seit Anfang 2024 vor.
Seit Februar 2024 wurden erste vorbereitende Arbeiten wie Leitungsverlegungen, Rodungen und eben die archäologischen Untersuchungen durchgeführt. Im Frühjahr 2025 sollen nun die eigentlichen Maßnahmen ausgeschrieben werden. Baubeginn sei dann vermutlich im Sommer 2025, so Lenker. Die geschätzten Kosten für das Gesamtvorhaben: 23 Millionen Euro.