Der Biathlet aus Bad Tölz erlebt ein emotionales Wochenende. Nach dem Staffelsieg folgte die bittere Disqualifikation wegen eines Regelfehlers.
Bad Tölz – Turbulente Zeiten für Leo Pfund vom Skiclub Bad Tölz: Vor zwei Wochen kannten den 22-Jährigen nur Biathlon-Insider, seit dem vergangenen Wochenende spricht halb Deutschland über ihn. Am Samstag hatte er vermeintlich für eine Riesen-Überraschung gesorgt und gemeinsam mit Marlene Fischer (22) im tschechischen Nove Mesto die Single-Mixed-Staffel gewonnen. Die Freude hielt nur 15 Minuten an – dann wurde das deutsche Duo disqualifiziert. Der Grund: Fichtner hatte nach ihrem letzten Liegendschießen das Gewehr nicht ordnungsgemäß geschultert. Tags zuvor hatte der Tölzer bei seinem Weltcup-Debüt überraschend Platz 13 belegt, und am Sonntag ließ er einen nicht minder starken Rang 15 im Massenstart folgen. Während er am Flughafen in Oslo (Norwegen) auf sein Gepäck wartete, fand Pfund ein paar Minuten Zeit für ein Interview mit dem Tölzer Kurier.
Herr Pfund, die vergangenen Stunden dürften für Sie sehr turbulent gewesen sein?
Ja, ich habe viele Nachrichten gekriegt, das Handy ist nicht mehr stillgestanden. Ich hab gar nicht alles beantworten können.
Das ganze Wochenende ging es für Sie steil auf- und abwärts. Wie ist jetzt Ihre Stimmungslage?
Das vergangene Wochenende war einfach nur positiv, ein richtig schönes Erlebnis. Unsere Erlebnisse mit der Single-Mixed-Staffel sind eine tolle Geschichte. Die Marlene hat zu mir gesagt: „Das werden wir noch unseren Enkeln erzählen können.“ Ich sehe es so: Lieber eine Viertelstunde lang Weltcupsieger sein als Zweiter werden. Die Emotionen waren es wert.
Als die Disqualifikation bekanntgegeben wurde, sind bei Marlene Fischer die Tränen geflossen. Bei Ihnen auch?
Ich hab die Tränen verdrücken können. Aber erst mal war ich schon ein bisschen am Boden. Ich musste mich eine Viertelstunde in die Kabine setzen und mit mir klarkommen. Das Ganze war genauso emotional wie der Sieg. Aber wir hatten das schnell verkraftet. Ganz viele Leute haben uns zu diesem tollen Rennen gratuliert und sich mit uns gefreut. Als wir zusammengesessen sind und ein Bier getrunken haben, war wieder alles okay.
Wie haben Sie erfahren, dass es mit dem Sieg nicht geklappt hat?
Wir haben erst ganz viele Interviews geführt mit Reportern aus allen möglichen Ländern. Wir haben uns richtig gefreut. Als wir auf der Euphoriewelle ganz oben waren, ist der Sportdirektor gekommen und hat gesagt: Ihr seid übrigens disqualifiziert.
Und Sie haben sich vermutlich gedacht: „Mich trifft der Schlag?“
Ja, es war surreal, wie in einem schlechten Film, ein schlechter Scherz. Aber trotzdem war es ein schöner Tag, der Höhepunkt meiner Karriere bis jetzt.
Vor zwei Wochen sind Sie beim IBU-Cup am Arber 69. im Zehn-Kilometer-Sprint geworden, also quasi in der zweiten Liga des Biathlon. Zwei Wochen später sind Sie der Beste in der ersten Liga. Wie passt das zusammen?
Der Sprint am Arber war katastrophal. Das schlechteste Rennen von mir überhaupt. Ich war richtig am Boden zerstört, ich war noch nie so drauf nach einem Rennen. Ich bin heimgefahren, und am nächsten Tag hat mich Nick Kellerer (Trainer beim Deutschen Skiverband, d. Red.) angerufen und hat gesagt, dass ich zum Weltcup nach Nove Mesto fahren darf. Das war geil. Ich hatte eine richtig geile Trainingswoche in Ruhpolding – perfekte Loipe, perfekte Bedingungen. Dann bin ich weiter nach Hochfilzen gefahren und hab‘ mir Selbstvertrauen am Schießstand geholt. Ich hatte eine gute Zeit, hab‘ locker gelebt, war nicht so verbissen. So hatte ich die nötige Frische in Nove Mesto. Plötzlich hatte ich eine gute Form im Schießen, ich war richtig happy, das Laufen hat gepasst, der Kopf war auch frisch. Und so ist das rausgekommen, was rausgekommen ist. Dass es so gut läuft, hätte ich auch nicht erwartet.
Dass ausgerechnet nach solch einem Tiefschlag die erste Nominierung für den Weltcup kommt, wirkt für Außenstehende erstaunlich.
Dieses Auf und Ab ist wirklich unfassbar, aber auch wieder eine schöne Geschichte eigentlich.
Wie blicken Sie auf die beiden Einzelrennen am Wochenende zurück?
Sehr positiv. Ich habe es geschafft, dass ich in beiden Rennen bei mir bleibe, ich war sehr fokussiert. Dabei war ich sehr aufgeregt. Wir hatten viel Trubel, und ich hab‘ ganz viele neue Sachen erlebt.
Was hat Sie besonders beeindruckt?
Allein schon, wenn man in dieses Stadion reingeht: Da fühlt man sich wie ein Gladiator. Ich habe das alles einfach positiv mitgenommen. Ich habe es geschafft, Spaß am Rennen zu haben. Beim letzten Schießen hatte ich jeweils zwei Fehler. Aber das war okay. Vielleicht habe ich bei anderen Schüssen auch ein paar Mal Glück gehabt.
Können Sie die Stimmung beschreiben, wenn 20 000 Zuschauer im Stadion sind?
Die Fans waren brutal laut, ich hatte Gänsehaut.
Wie geht es bei Ihnen weiter?
Wir sind gerade auf dem Weg zur Europameisterschaft nach Sjusjoen in Norwegen.
Dürfen Sie wieder mal im Weltcup starten?
Da weiß ich jetzt noch nichts dazu.
Stimmt es, dass Sie bei Olympia nicht dabei sind?
Ja, ich hätte jetzt die Qualifikation geschafft, aber der Kader war ja schon fix. Stattdessen fährt Roman Rees mit, der die Qualifikation auch zweimal geschafft hat. Für mich ist das schon ein bisschen bitter. Aber mei, ich war halt zu spät dran. Ich hatte ein geiles Wochenende in Tschechien. Nur das zählt.