Von Rudi Hochenauer
Die Diesellok aus Marienstein sollte Kohle transportieren. Doch der Motor streikte und ein teurer Streit entbrannte um die Reparaturkosten.
Das Mariensteiner Kalk- und Zementwerk wird den Älteren unter uns noch ein Begriff sein, denn geschlossen wurde es erst im Jahre 1998. Aus einem besonderen Gestein (Zementmergel) brannte man hier Zement und Kalk. Der Mariensteiner Portlandzement hatte eine fast bläuliche Farbe und war für seine ausgezeichnete Qualität bekannt. Eine kleine Diesellok spielte damals eine wichtige Rolle für die Mariensteiner, schließlich transportierte diese den Zement zum Bahnhof Schaftlach. Erst hier übernahm die Bundesbahn und verbrachte ihn nach München und weiter zu den jeweiligen Empfängern.
In Marienstein, diesem kleinen Ort südlich von Waakirchen, wurde übrigens auch lange Zeit Kohle abgebaut. Das doch recht kleine Bergwerk wurde 1951 von der Bayerischen Berg-, Hütten- und Salzwerke AG (BHS), zu der auch Peißenberg gehörte, übernommen und beschäftigte bis zu seiner Schließung am 31. März 1962 etwa 300 Bergleute. Auch die abgebaute Kohle transportierte die kleine Lok zum Bahnhof nach Schaftlach.
Kleine Lok wechselte ihren Besitzer
Schließlich kaufte das Bergwerk Peißenberg die Diesellokomotive dem Zementwerk Marienstein ab und nutzte sie für das Kraftwerk Hausham, das Peißenberg zum 1. Juni 1966 übernommen hatte. In den Kraftwerken Peißenberg und Hausham wurden gleichermaßen große Mengen an Kohle verheizt, beziehungsweise verstromt, da der Markt schon damals an einem Überangebot an Kohle litt.
Das Bergwerk in Hausham (dazu gehörte auch Penzberg) schloss man bereits zum 31. März 1966. Die Gruben hatten sich im Besitz der Oberbayerischen Aktiengesellschaft für Kohlenbergbau (Oberkohle AG) befunden und die Aktionäre hatten erkannt, dass zu jener Zeit mit Kohle kein Geld mehr zu verdienen war. Auch in diesen Kraftwerken hatte man Feinkohle verbrannt. Dieser Kohlenstaub wurde in den Brennraum eingeblasen und entzündet, wo er eine große Kesselanlage erhitzte. Die Wasserkessel erzeugten 140 Tonnen Dampf in der Stunde. Mit einem Betriebsdruck von 163 Atü wurde eine Dampfturbine angetrieben, die einen Generator zur Stromerzeugung in Gang setzte.
Für 1966 wird die Stromerzeugung in Hausham mit 506 467 Millionen Kilowattstunden angegeben. Eingespeist wurde der Strom ins 110-Kilovolt-Netz der Isar-Amperwerke. Aus den Unterlagen der BHS ist zu erfahren, dass damals in den Kraftwerken Peißenberg und Hausham 37 Prozent der Gesamtförderung verstromt wurden. Für 1967 wird die Gesamtfördermenge an Kohle in Peißenberg mit 735 000 Tonnen angegeben. Demnach wären zu dieser Zeit in Peißenberg und Hausham jährlich 270 000 Tonnen Kohle verbrannt, sprich verstromt worden.
Beim Abbau der Pechkohle entstand anders als bei der Steinkohle viel feine Kohle, welche schwerer zu vermarkten war und nur in eigens konstruierten Anlagen verheizt werden konnte. Alternativ konnte man sie zu Briketts pressen, was in Peißenberg zeitweise geschah. Trotzdem blieb immer noch Feinkohle übrig. Ein Großabnehmer dieser Feinkohle war die Papierfabrik in Schongau. Jede Woche fuhr ein Kohlenzug von Peißenberg nach Schongau. In Peißenberg lag viel Kohle auf Halde und die Verstromung im 42-Megawatt-Kraftwerk Hausham war zu jener Zeit noch lukrativ.
„Mit freundlichem Glückauf“
Dafür transportierte man die Kohle von Peißenberg über München zum Bahnhof Hausham. Ab hier zog die kleine Diesellok, von der bereits die Rede war, die Waggons bis zum Kraftwerk. Doch wurde man bei der Peißenberger BHS mit der Lokomotive nicht glücklich. Der Motor der Lok, die man im Dezember 1966 vom Kalk- und Zementwerk Marienstein für 20 000 DM erstanden hatte, bereitete bald schon Probleme. Diverse Reparaturversuche konnten einen Totalausfall im April 1967 nicht verhindern. Der Motor musste ausgetauscht werden – für stolze 41 000 DM.
Abfuhr aus Marienstein
Kosten, die die BHS versuchte, auf das Mariensteiner Kalk- und Zementwerk abzuwälzen, indem sie eine „Gutschrift“ verlangte. Die Mariensteiner jedoch antworteten am 20. Juni 1967 höflich, aber bestimmt: „Bei Übergabe an das Kraftwerk Hausham war die Lokomotive in einwandfreiem Zustand. Da es sich um eine gebrauchte Maschine handelt, sind naturgemäß auch größere Reparaturen nicht ausgeschlossen. Mit freundlichem Glückauf, Kalk- und Zementwerk Marienstein.“ Damit blieben die Peißenberger auf dem Schaden sitzen.
Das Kraftwerk in Hausham ist Geschichte: Nachdem Peißenberg die Grube am 31. März 1971 dichtgemacht hatte, gab es ja auch keine Kohle mehr zu verfeuern. Also wurde das Kraftwerk auf Schwerölfeuerung umgestellt. Diese Feurung lief bis 1982, als man vier neue Gasturbinen einbaute, jede mit einer Leistung von 25 Megawatt, betrieben mit leichtem Heizöl. Da es sich aber nur um ein Notfallkraftwerk handelte, wurde es nur selten hochgefahren, im Jahr oft für keine 100 Stunden. Vom Start bis zur Volllast dauerte es nur 6 bis 10 Minuten, dann waren die Generatoren am Netz und lieferten Strom.
Das endgültige Aus für das Kraftwerk Hausham kam 2024. 60 Jahre Haushamer Kraftwerksgeschichte hatten ein Ende gefunden. Ob es für die kleine Lokomotive aber ein gutes Ende gab und sie noch irgendwo existiert (oder ob sie ganz einfach verschrottet wurde), war nicht herauszufinden.