DSV-Alpinchef Wolfgang Maier macht auch die nationalen Verbände verantwortlich dafür, wen sie auf die Abfahrten schicken. Die Athleten klagen übers Material.
Garmisch-Partenkirchen – Es klingt auf den ersten Blick absurd: Das lokale Organisationskomitee in Garmisch-Partenkirchen wird von den Verantwortlichen der beteiligten Nationen über den grünen Klee gelobt für eine Rennstrecke, auf der es an den Tagen zuvor zahlreiche heftige Stürze gegeben hat – mit teilweise schweren Verletzungen als Folge. Doch genau darin spiegelt sich die Crux im alpinen Ski-Rennsport wider: Absolute Sicherheit gibt es nicht, und es sind sehr viele Puzzleteile, die das Gesamtbild ergeben.
Das zeigt sich an den Reaktionen zur Sicherheitsdebatte, die so alt ist wie der alpine Rennsport an sich. „Keiner will nachgeben, keiner zieht zurück“, sagt etwa Wolfgang Maier, der Alpinsportdirektor im Deutschen Skiverband. Auf der anderen Seite spricht Top-Abfahrerin Sofia Goggia von „Waffen“ an ihren Füßen, sieht kaum einen Ausweg aus der Sicherheitsdebatte, weil die Skifirmen nicht aufhören werden, immer weiter an noch schnellerem, extremerem Material zu arbeiten. Dazwischen stehen die Ausrichter. „Wir wünschen uns verletzungsfreie Rennen“, sagt OK-Chefin Martina Betz. „Aber auf die sportlichen Entscheidungen haben wir keinen Einfluss.“ Übereinstimmend kam von allen Weltcup-Beteiligten nach zwei Renntagen als Tenor: An der Strecke und deren Präparierung lag es nicht. „Die Piste war top, richtig gute Bedingungen, griffig zu fahren“, urteilte Kira Weidle-Winkelmann.
Maier: Die Kandahar ist auch für die Frauen nicht an der Grenze oder drüber!
Und doch drängt sich durch alle Argumente hindurch eine zentrale Frage auf: Ist die Kandahar am Limit für den Frauen-Rennsport – oder vielleicht drüber? Von Maier kommt dazu ein klares Nein. „Die Kandahar ist mit Sicherheit nicht an der Grenze. Auch für die Frauen nicht“, urteilt der Funktionär, der Jahrzehnte im Geschäft ist. Diese Rückmeldung erhält der nationale Verband auch vom Weltverband FIS. Denn der DSV wäre glücklich, mal einen Weltcup in den technischen Disziplinen auszurichten. „Da sagt die FIS aber klar ,Nein‘, wir wollen die Abfahrt in Garmisch, weil sie für die Frauen eine attraktive Strecke ist.“
Maier sieht ein Problem, das Stürze begünstigt, in der Arbeit der nationalen Ski-Verbände. „Sie schicken Läuferinnen, die einfach nicht die Ausbildung haben, im Weltcup zu fahren, die den Anforderungen nicht gerecht werden. Das ist ein großes Manko.“ Die eigene Organisation nimmt er nicht aus. „Diese Fehler haben wir auch schon gemacht, wir brauchen uns nicht wegzuducken.“ Der DSV habe aber daraus gelernt. „Das ist der Grund, warum wir nicht auffüllen mit jungen Leuten, weil wir sehen, dass es überhaupt keinen Sinn hat.“ Denn verletzt sich eine junge Sportlerin, „heißt es, wie unverantwortlich geht ein Verband mit seinen Athleten um.“ Daher das kleine Starterfeld beim Heimweltcup. „Wir hätten mehr Plätze, aber die bringen uns nichts, weil wir die Fahrerinnen nicht haben.“
Verbände verhalten sich manchmal nicht verantwortungsvoll gegenüber den Rennläufern
Sehen bei weitem nicht alle Verbände so. Das moniert Maier offen. Spricht er dann mit Vertretern, hört er immer dieselben Rechtfertigungen. „Da geht es dann immer darum, im Weltcup Präsenz zu zeigen.“ In der Realität wird das mögliche Teilnehmerfeld für eine Abfahrt auf der Kandahar eben immer kleiner. „Vielleicht sind es nur 40 oder gar nur 35“, sagt der Alpinchef. „Das wäre eigentlich die Verantwortung, die wir Verbände gegenüber unseren Aktiven haben. Und die wird halt oft missachtet. So erhöht sich das Risiko im Gesamten.“
Eine Sichtweise, der die heimische OK-Präsidentin nur beipflichten kann. „Natürlich ist die Kandahar anspruchsvoll“, sagt Betz. „Doch wenn man da oben am Start steht, muss man sich im Klaren sein, auf was man sich einlässt.“ Mit Blick auf die zahlreichen Stürze sagt sie deutlich: „Wir haben uns nichts vorzuwerfen, die Strecke ist gelobt worden, es waren alle Sicherheitsvorkehrungen vorhanden.“ Im Gegenteil. Speziell für den Umgang mit den Notfällen erhielt das OK mitsamt der Bergwacht und allen Ärzten ein außergewöhnliches Feedback.
US-Amerikanerin Breezy Johnson sieht keine Chance, die Stürze auf null zu reduzieren
Dass das Risiko den Sportlerinnen bewusst ist, versichert Breezy Johnson, am Samstag Vierte auf der Kandahar. „Die Abfahrt ist gefährlich. Bis jetzt hatten wir eher eine sehr sichere Saison“, betont die US-Amerikanerin, die selbst schon einige schlimme Stürze hinter sich hat. „Es wird schwierig, die Unfälle auf null zu reduzieren.“ Denn Zurückstecken kennen die Rennläuferinnen nicht. „Jede gibt immer 100 Prozent gibt bei 120 km/h, Schlägen und eisiger Piste. Am Ende geht es halt auch genau darum.“ Auch das klingt absurd, ist aber sehr ehrlich.