Teils schwere Stürze bei den Frauen befeuern die Sicherheitsdebatte im Skisport erneut. Selbst Superstar Lindsey Vonn nimmt Tempo heraus.
Es schien so, als hätte Ariane Rädler ihren schweren Sturz nach dem Seilbahnsprung schon überstanden. Wie zwei ihrer österreichischen Teamkolleginnen zuvor hatte sie dort die Kontrolle verloren, krachte heftig auf die Strecke, überschlug sich gar. Frustriert donnerte die Vorarlbergerin mit der Faust in den Schnee, dann rappelte sie sich auf und fuhr unter großem Applaus ins Ziel. Äußerlich schien die Skifahrerin mit dem Schrecken davon gekommen zu sein. Doch der Schein trog. Rädler ging die kleine Anhöhe Richtung des österreichischen Mannschaftsbusses hinter den Bahngleisen hoch, da passiert es. Wie aus dem Nichts muss sie sich übergeben. Mit der Hilfe einer Betreuerin schaffen sie es ins Medienzentrum, das nur ein paar Meter entfernt liegt. Rädler muss sich übergeben, bricht zusammen. Schnell eilt die Bergwacht mit ersten Ärzten herbei. Schließlich wird sie mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen. Vielleicht der späte Tiefpunkt eines unfallreichen Rennwochenendes.
Bereits im Training war die Tschechin Tereza Nova gestürzt und wurde mit einer schweren Kopfverletzung in die Murnauer Klinik gebracht. Dort wurde sie operiert, um eine Schwellung des Gehirns zu reduzieren, wurde sie ins Koma gelegt, teilte der tschechische Skiverband mit. Tags darauf erwischte es Nina Ortlieb. Die Hoffnungsträgerin des ÖSV stürzte in der Abfahrt. Dabei verdrehte sie sich das rechte Bein und blieb schreiend vor Schmerzen in der FIS-Schneise im Schnee liegen. Das Rennen musste lange unterbrochen werden. Ihre Teamkollegin Stephanie Venier nahm dieser Sturz sichtbar mit. „Ich hatte sofort Gänsehaut. Nina ist so ein herzlicher Mensch, sie tut keiner Fliege etwas zu leide und dann erwischt es ausgerechnet wieder sie.“ Auch Ortlieb musste mit dem Helikopter abtransportiert werden. Verdacht auf Unterschenkelbruch – so lautete die erste Vermutung im Klinikum Garmisch-Partenkirchen. Unglaublich: Ihr steht bereits die 23. Operation ihrer Karriere bevor. „Es schaut im Fernsehen immer einfacher aus, als es ist“, sagt Venier. „Es ist ein Risikosport, das wissen wir auch. Ich sage immer, Skifahren ist alles, aber alles ist nicht Skifahren.“
Lindsey Vonn: „Ich muss nicht alles riskieren“
Alleine in der Abfahrt und im Super-G sahen 17 Athletinnen nicht die Ziellinie. Selbst Lindsey Vonn ging bei diesen Bedingungen nicht aufs Ganze. Die Amerikanerin erwischte am Samstag bei der Einfahrt zur Hölle eine Welle und verpasste dadurch ein Tor. „Ein Schlag im falschen Moment, so ist das. Ich hatte kurz noch die Chance wieder in die Spur zu kommen, aber das war mir zu viel Risiko.“ Die Rekordsiegerin von Garmisch-Partenkirchen war am Ende froh, eine unfallfreie Fahrt hingelegt zu haben. „Genau in diesem Teil gab es viele schwere Stürze. Ich muss nicht alles riskieren. Für mich geht es darum, Spaß zu haben.“ Allen Athletinnen ist bewusst, dass es jeden treffen könnte. Stürze gehören zum Skisport. Monatelang bereiten sie sich auf diesen Moment vor. Venier betont: „Wir trainieren viel im Sommer, um den Kräften entgegenzuwirken. Aber in der Hand hast du es einfach nie.“
Die Pistenbedingungen macht keine der Athletinnen als Ursache für die Verletzungen aus. Der Blick der Skifahrerinnen geht vor allem in Richtung Material. Einführungen wie die Airbags seien ein Schritt in die richtige Richtung, schwere Verletzungen könnten dadurch aber nur zum Teil verhindert werden. Sofia Goggia glaubt sogar, dass wirkliche Veränderungen nicht erwünscht sind. „Jede Fabrik versucht, einen Ski herzustellen, der noch härter und schneller zu fahren ist. Wir haben keine Skier, wir haben Waffen.“ Doch höher, schneller, weiter – das funktioniert auf Dauer nicht. Denn auf den zwei Brettern stehen am Ende immer noch Menschen, die mit den Geschwindigkeiten von bis zu 125 Kilometern pro Stunde erstmal umgehen müssen. Hinzu kommen immer größere Belastungen durch den vollen Weltcup-Kalender.
Kira Weidle-Winkelmann: „Wir befinden uns am Limit“
Auch Kira Weidle-Winkelmann moniert, dass die Bedingungen immer extremer werden. „Wir befinden uns einfach am Limit“, sagt die deutsche Top-Fahrerin. Doch sie sagt, dass es die einzelnen Läuferinnen immer noch selbst in der Hand haben. „Wie viel Risiko geht man ein und wie viel traut man sich selbst zu?“ Zwar sieht sie den Sport mit Innovationen wie schnittfester Unterwäsche definitiv auf dem richtigen Weg, die Hauptverantwortung sieht sie jedoch weiterhin bei den Fahrerinnen. „Uns zwingt ja niemand aus dem Starthaus heraus.“