Apotheken-Legende aus Oberbayern schließt - und findet keinen Nachfolger

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Die Kur-Apotheke schließt nach 42 Jahren: Helmut Ratzeck geht in den Ruhestand – und findet keinen Nachfolger für das Traditionshaus in Lenggries.

Lenggries – Er war mit seiner Kur-Apotheke eine Institution in Lenggries. Zum Jahresende sperrt Helmut Ratzeck allerdings seine Türen in der Bahnhofstraße für immer zu. Der Apotheker und ehemalige Apotheken-Sprecher im Landkreis geht mit 78 Jahren in den Ruhestand. Das bedeutet auch das Aus für die Kur-Apotheke. Denn: Trotz jahrelanger Suche hat sich kein Nachfolger für die kleine ländliche Apotheke finden lassen. Für Ratzeck ein herber Schlag.

Helmut Ratzek gibt seine Apotheke in Lenggries auf (Foto: Arndt Pröhl)
Abschied nach 55 Jahren: Helmut Ratzek gibt Ende des Jahres seine Apotheke auf. © Arndt Pröhl

Ich sei der Richtige gewesen

Seit 42 Jahren führt Helmut Ratzeck die Kur-Apotheke in Lenggries. Das Interesse zu Naturwissenschaften und Pharmazie wurde ihm in die Wiege gelegt. Schon seine Mama arbeitete als Apothekerin in München. „Meine Mutter war in verschiedenen Apotheken angestellt, ich wollte aber irgendwann mein eigener Herr sein“, erklärt Ratzeck. Dann ergab sich eine gute Möglichkeit: „Meine Tante aus Bad Wiessee war mit den Vorbesitzern der Kur-Apotheke befreundet, und so kam der Kontakt zu Stande“, erinnert er sich. „Eigentlich hatte das Ehepaar schon einen Nachfolger gefunden, aber als ich mich vorgestellt habe, meinten sie, ich bin der Richtige.“

Viele Jahre bei der Bergwacht Lenggries aktiv

Und so war es auch. „Ich habe mich von der ersten Sekunde an wohl gefühlt“, sagt Ratzeck, sowohl in der Apotheke als auch im Isarwinkel. „Ich bin sehr gerne nach Lenggries gezogen. Hier konnte ich auch meinen Hobbys in den Bergen nachgehen.“ Der Apotheker war viele Jahre bei der Bergwacht Lenggries aktiv.

„Heute ist es nichts mehr wert“

Für insgesamt 250 000 Mark hat Ratzeck 1982 das Geschäft gekauft. „Und heute ist es nichts mehr wert“, sagt er und schüttelt desillusioniert den Kopf. „Vor über 15 Jahren habe ich damit begonnen, einen Nachfolger zu suchen.“ Damals noch in der Hoffnung die Apotheke verkaufen zu können. „In die letzte Anzeige, die ich inseriert habe, habe ich geschrieben: ,Wer die Berge und die Pharmazie liebt, dem schenke ich meine Apotheke.‘“ Sogar darauf kam keine Reaktion. „Für mich ist das schon schwer zu verkraften, dass das alles hier, in das ich so viele Jahre so viel investiert habe – etwa ein Kommissionier-Automat für damals 120 000 Mark – nichts mehr wert ist.“

Kleine Apotheken haben keine Chance

Einen Grund dafür sieht der Apotheker in der Politik. „Alles wird teurer, aber wir verdienen nicht mehr.“ Aktuell zahle er mit seiner Rente das Gehalt seiner Angestellten. „Fraglos kann man mit Apotheken etwas verdienen, das Problem sind kleine Apotheken. Unter zwei Millionen Euro Umsatz im Jahr ist das Ganze nicht mehr rentabel, und das bekommt man nur mit großen Apotheken hin“, so der Pharmazeut.

Für eine Insulinnadel, zwei Seiten Formular

Obendrein spiele die immer umfangreichere Bürokratie eine nicht unerhebliche Rolle, dass das Apotheker-Dasein für den Nachwuchs unattraktiv wird. „Ich sehe da leider keinerlei Unterstützung vom Gesundheitsministerium“, klagt der 78-Jährige. „Man muss sich das mal vorstellen: Um eine Insulinnadel an einen Diabetiker abzugeben, müssen wir zwei Seiten Formular ausfüllen. Der Aufwand hinter jedem Handgriff wird immer mehr.“

Tiefgreifende Folgen durch Online-Handel

Ein weiterer Grund für das Sterben der kleinen Apotheken in den ländlichen Regionen sei die Konkurrenz durch den Online-Handel. Extrem ärgerlich empfinde er es daher, dass Prominente, wie Günther Jauch dafür Werbung machen. „Das kann ich einfach nicht verstehen, wie man sowas unterstützen kann.“

Bedauerlich

Auch wenn Ratzeck jetzt seinen Ruhestand genießen kann, sieht er die Entwicklungen als sehr bedauerlich an. „Die Arbeit hat mir immer großen Spaß gemacht. Sowohl vom wissenschaftlichen Aspekt her als auch wegen des Kontakts zu den Patienten.“ Die Dankbarkeit und das Vertrauensverhältnis seien für ihn immer wieder ein Ansporn gewesen. „Und hier in Lenggries kennt man sich ja auch. Viele Patienten habe ich groß werden sehen. Und heute stehen sie mit ihren Kindern in der Apotheke.“

Endlich mehr Zeit für Frau und Kinder

Dankbar ist Ratzeck dafür, dass in all der Zeit „nie eine Katastrophe“ passiert ist. „Wir konnten hier viele Jahre in dem Haus, in dem die Apotheke ist, auch leben. So waren meine Kinder immer in der Nähe, auch wenn ich viel und lang gearbeitet habe“, sagt der zweifache Vater und mittlerweile auch zweifache Großvater. Apropos: Trotz aller Wehmut, einen Schlussstrich zum Jahresbeginn zu ziehen, freut sich Ratzeck auch auf Vieles, was nun vor ihm liegt: „Endlich habe ich mehr Zeit für meine Frau und meine Familie.“