Tchibo zieht im ‚Kaffee-Krieg‘ gegen Aldi Süd erneut den Kürzeren. Die Klage des Traditionsrösters wurde abgewiesen. Die Richter gaben damit grünes Licht für radikale Rabattaktionen beim Discounter.
Düsseldorf – Erneute Schlappe für Tchibo: Das Oberlandesgericht Düsseldorf sieht im Kaffeepreis-Dumping von Aldi Süd keinen Rechtsverstoß. Damit scheitert der Hamburger Konzern vorerst mit dem Versuch, den Verkauf von Kaffee unter Einstandspreis verbieten zu lassen. Während die Urteilsbegründung noch aussteht, wertet Tchibo die Entscheidung bereits als verheerendes Signal für den gesamten Markt. Der Konzern prüft nun, ob er in Revision geht.
Tchibo wollte Aldi Süd die aggressive Preispolitik bei der Marke ‚Barissimo‘ untersagen lassen, da die Verkaufspreise teils unter den Herstellungskosten lagen – laut Tchibo ein klarer Rechtsverstoß zulasten von Wettbewerb und Kunden. Das Gericht widersprach jedoch: Solche Angebote seien im Rahmen von Rabattaktionen erlaubt. Für Tchibo bleibt das Urteil unverständlich; Sprecher Arnd Liedtke sieht darin eine verpasste Chance, eine gefährliche strukturelle Dynamik im Handel zu korrigieren.
Der Kaffeestreit könnte demnächst den Bundesgerichtshof beschäftigen
Ob dieser Richterspruch das letzte Wort ist, bleibt abzuwarten. Dem Hamburger Konzern steht nun eine einmonatige Frist offen, um beim Bundesgerichtshof in Revision zu gehen – ein Schritt, den sich Tchibo nach Prüfung der schriftlichen Urteilsbegründung ausdrücklich vorbehält. Während Aldi Süd zu dem Erfolg schweigt, verweist die Vorgeschichte auf die Hartnäckigkeit des Streits: Bereits Anfang 2025 unterlag Tchibo vor dem Landgericht Düsseldorf. Im Kern geht es um massive Verluste, die Aldi bei Sorten seiner Tochtergesellschaft New Coffee bewusst in Kauf genommen haben soll – laut Tchibo teils über zwei Euro pro Kilogramm.
Der Fall Tchibo gegen Aldi ist mehr als ein simpler Preisstreit – er ist ein Symbol für die Verschiebung der Machtverhältnisse im Supermarktregal. Laut dem Kartellrechtler Jens-Uwe Franck demonstriert der Discounter hier seine Stärke, indem er als Produzent und Händler zugleich auftritt. Dass Aldi mit seinem Vorgehen durchkam, liegt an einer juristischen Feinheit: Während der Verkauf unter Einstandspreis verboten ist, wird bei Eigenproduktionen nach anderen Maßstäben bewertet. Das weckt Erinnerungen an den legendären BGH-Beschluss zum Fall Walmart von 2002. Doch während Walmart damals wegen seiner überlegenen Marktmacht beim Verkauf von Zucker unter Einstandspreis gestoppt wurde, sahen die Richter bei Aldi Süd aktuell keine vergleichbare unbillige Behinderung des Wettbewerbs.
Kartellrechtlich ist das Urteil im Kaffestreit gedeckt
Kaffee und Butter fungieren im Handel als klassische ‚Lockvögel‘. Da Kunden bei diesen sogenannten Eckpreisartikeln besonders sensibel auf Preisänderungen reagieren, nutzen Supermärkte sie gezielt, um die Frequenz in den Filialen zu erhöhen. Laut dem Kartellrechtler Prof. Jens-Uwe Franck ist diese Strategie der Mischkalkulation rechtlich gedeckt: Selbst marktbeherrschende Händler dürfen einzelne Produkte bewusst mit Verlust anbieten, sofern dies zu Werbezwecken geschieht und die Gesamtbilanz durch andere Artikel ausgeglichen wird.
Hohe Rohstoffpreise treiben den Kaffeepreis
Die Kaffeebranche steht unter massivem wirtschaftlichem Druck. Ausschlaggebend sind die Rohkaffeepreise, die sich aufgrund schlechter Ernten in einem rasanten Aufwärtstrend befinden. Ein Blick auf die Daten der Internationalen Kaffee-Organisation (ICO) verdeutlicht die Lage: Kostete ein US-Pfund Rohkaffee im Februar 2024 noch 1,82 US-Dollar, kletterte der Preis bis zum vergangenen Dezember auf rund drei US-Dollar. Diese Kostenexplosion zwingt auch Marktführer wie Tchibo zum Handeln. Nach einer Anpassung im Februar 2025 folgt bereits in der kommenden Woche die nächste Preiserhöhung im Regal.
Deutschland ist eine Nation von Kaffeegenießern. Laut dem Kaffeeverband werden hierzulande pro Kopf im Schnitt 163 Liter des Wachmachers im Jahr getrunken. Das spiegelt sich auch in der Handelsbilanz wider – über eine Million Tonnen Rohware erreichen jedes Jahr die deutschen Häfen, ein Großteil davon stammt aus den Anbaugebieten Brasiliens. (Quellen: ntv, Spiegel, BR, FAZ) (sts)