„Das ist herzlos“: Abschiebung gefährdet einen 70-jährigen Traditionsbetrieb

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Am Schleifautomaten bearbeitet Devi Bahadur Rai eine Glasscheibe, hinten: Firmeninhaber Rolf Bartsch. © Bartels

Der Fachkräftemangel ist ein Dauerthema, nicht nur im Handwerk. Umso größer ist das Unverständnis, wenn eine angehende Fachkraft abgeschoben werden soll, wie im Fall des Betriebes Glas Marner in Sulingen. Betroffen ist Devi Bahadur Rai, der aus dem Distrikt Jhapa im Südosten Nepals stammt.

Sulingen – Als Angehöriger der buddhistischen Minderheit hatte er 2011 in Deutschland Asyl beantragt. Schon damals lebte er in Sulingen in Niedersachsen, war unter anderem beim städtischen Bauhof beschäftigt. Bevor er nach Ablehnung seines Asylantrags 2020 das Land wieder verlassen musste, lernte er eine Frau kennen, zu der er auch von Nepal aus über soziale Medien Kontakt hielt. Im Juli 2022 kehrte der heute 48-Jährige nach Deutschland zurück, und bereits im August heiratete das Paar und zog zusammen.

Mögliche Abschiebung von Devi Bahadur Rai: „Uns steht das Wasser bis zum Hals“

Im Oktober 2022 nahm Bahadur Rai beim Traditionsbetrieb Glas Marner zunächst eine Tätigkeit auf als Glaserhelfer. „Er ist ein handwerklich geschickter, freundlicher und umgänglicher Mitarbeiter“, lobt Inhaber Rolf Bartsch, und so erhielt er einen Ausbildungsvertrag zum Glaser und Glasbauer. Im Dezember 2023 habe ihn seine Frau jedoch über einen Anwalt aus der gemeinsamen Wohnung werfen lassen, berichtet Bartsch. Er brachte seinen Auszubildenden daraufhin in einer Dienstwohnung unter. Die Trennung rief jedoch die Ausländerbehörde des Landkreises Diepholz auf den Plan: Sie widerrief die Aufenthaltserlaubnis für Devi Bahadur Rai und kündigte dessen Abschiebung an für den 12. Januar. „Der Brief kam am 23. Dezember“, erinnert sich Bartsch, „das ist herzlos.“

Mithilfe eines Anwalts aus Hannover wurde Einspruch eingelegt, doch für Mitte März ist bereits ein neuer Abschiebetermin angesetzt – „uns steht das Wasser bis zum Hals“, stellt Bartsch klar. „Gott sei Dank, dass wir einen Fachanwalt eingeschaltet haben, das ist alles sehr kompliziert.“

Fortbestand von traditionellem Handwerksbetrieb durch mögliche Abschiebung fraglich

Er kann das Abschiebeverfahren nicht nachvollziehen: „Devi ist interessiert, sauber und zuverlässig – so einen Lehrling wünscht man sich!“ In seiner Zeit habe er 25 Lehrlinge bei Glas Marner ausgebildet, und – anders als Bahadur Rai – „nicht alle wurden gerne mitgenommen von den Gesellen. Es ist völlig unverständlich, dass so jemand wie Devi abgeschoben werden soll.“

Zudem gehe es in diesem Fall nicht um das Schicksal von Devi Bahadur Rai alleine, sondern auch um den Fortbestand des vor mehr als 70 Jahren gegründeten Handwerksbetriebes: Im November trat ein langjähriger Mitarbeiter den Ruhestand an, ein weiterer folgt im März. „Devi soll mit unserem jungen Meister das Gerüst der Firma bilden, aber alleine kann der Meister das nicht – dann können wir den Laden dichtmachen.“

Auf Anfrage unserer Zeitung teilt Mareike Rein, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Landkreises Diepholz, mit, dass der Landkreis aus datenschutzrechtlichen Gründen keine Informationen zu Einzelfällen herausgebe. Generell gelte, dass es vom Aufenthaltstitel abhängt, ob ein Ausbildungsverhältnis eine Rolle spielt: „Bei den entsprechenden Aufenthaltstiteln für die Beschäftigung ist dies durchaus relevant. Bei einem Aufenthalt aus familiären Gründen spielt das Ausbildungsverhältnis hingegen eine nachgeordnete Rolle.“

Um die Abschiebung von Bahadur Rai und damit die Schließung von Glas Marner zu verhindern, setzt Rolf Bartsch nicht alleine auf anwaltliche Unterstützung, er hat Kontakt aufgenommen zur Politik. Vom CDU-Bundestagsabgeordneten Axel Knoerig habe er die Zusicherung erhalten, dass er sich mit dem Landkreis in Verbindung setzen wird, mit der SPD-Bundestagsabgeordneten Peggy Schierenbeck sei ein Gesprächstermin vereinbart. Darüber hinaus habe er von ihr einen Ansprechpartner im Innenministerium genannt bekommen. Notfalls werde er vor Gericht gehen, kündigt Bartsch an: „Dann hoffen wir auf verständnisvolle Richter.“ Und Bahadur Rai lässt sich nicht entmutigen: „Wir bleiben positiv.“

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