Dachaus Kulturamtsleiter im Interview: „Da bekomme ich heute noch Gänsehaut“

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Dachaus Kulturamtsleiter Tobias Schneider ist seit 20 Jahren im Dienst. Dieses Jubiläum haben die Dachauer Nachrichten zum Anlass genommen, um mit ihm über schönen Momente, Pannen und sein Traumkonzert zu sprechen.

Seit 20 Jahren im Dienst: Dachaus Kulturamtsleiter Tobias Schneider.
Seit 20 Jahren im Dienst: Dachaus Kulturamtsleiter Tobias Schneider. © Höltl

Am 1. Juli 2004 trat der damals 29 Jahre junge Tobias Schneider seinen Job als Leiter des Dachauer Kulturamts an. Nach vielen Wechseln auf der Position sollte der Ingolstädter, der zuvor das Kulturprogramm der Landesgartenschau in Burghausen verantwortet hatte, nun vor allem Kontinuität in die städtische Kulturarbeit bringen.

20 Jahre später kann man festhalten: Der Plan ist aufgegangen. Das Kulturamt unter dem heute 49-jährigen Schneider arbeitet so geräuschlos wie effizient. Unter der Ägide des studierten Literaturwissenschaftlers wurden neue Kulturformate etabliert, Traditionsveranstaltungen erhalten und weiterentwickelt und mit „Jazz in allen Gassen“ sogar ein weitum bekanntes Stadtfest ins Leben gerufen. Mit der Heimatzeitung blickt Schneider auf die letzten 20 Jahre zurück – und wagt einen Ausblick auf die Zukunft.

Herr Schneider, erinnern Sie sich an Ihre Anfänge in Dachau?

Tobias Schneider: Ja, es kam damals viel Neues auf mich zu. Ich hatte zwar in Burghausen schon in der Verwaltung gearbeitet, aber eher so auf der zweiten, dritten Ebene. Die Amtsleitung war da schon eine Herausforderung. Zudem stand ja die 1200-Jahr-Feier vor der Tür, da gab es noch viel zu organisieren.

Hatten Sie ein Ziel vor Augen, wie Sie das Dachauer Kulturleben gestalten wollen?

Der erste Horizont war, die 1200-Jahr-Feier gut zu meistern. Dann wollte ich Ruhe und Kontinuität ins Kulturamt bringen. Im Bereich der Zeitgeschichte war mein Ziel, das Kulturamt für die Aktiven in der Erinnerungsarbeit als verlässlichen Partner zu etablieren – weg von den politischen Konflikten der Vergangenheit bei diesem schwierigen Thema. Und kulturell wollte ich einfach zeigen: Dachau hat ein Riesenpotenzial, auch überregional, machen wir was draus!

Das ist Ihnen zweifelsohne gelungen. Gibt es Konzerte oder Veranstaltungen, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

Es gab so viele prägende Erlebnisse, da fällt es mir schwer, eine Veranstaltung herauszugreifen. Wobei, doch: Patti Smith! Vor ihrem Konzert hatte sie zwei Stunden Zeit, da bin ich mit ihr in die KZ-Gedenkstätte und ins Karmel Heilig Blut. Sie hat die Schwestern dort direkt auf ihr Konzert eingeladen, aber die konnten nicht wegen des Abendgebets. Patti Smith hat später auf der Bühne den Schwestern ein Lied gewidmet, und das Publikum hat gejubelt.

Hatten Sie jemals mit nervigen Künstlern und deren Starallüren zu kämpfen?

Sagen wir so: Je bekannter ein Künstler, desto länger wird die Wunschliste. Ich erinnere mich zum Beispiel an den Stargeiger Nigel Kennedy, der hinter der Bühne ein Klavier haben wollte. Also haben wir ein Klavier besorgt.

Ging auch irgendwann einmal etwas so richtig schief?

Da muss ich die Geschichte erzählen, wie „Jazz in allen Gassen“ entstanden ist. Wir hatten das im Rahmen der 1200-Jahr-Feier geplant als ein kleines Musikevent mit 400 bis 500 Gästen. Dann kamen aber mehrere tausend! Es war so viel los, dass den Wirten in der Altstadt schnell das Bier ausging. Ich habe rumtelefoniert, noch einen zusätzlichen Bierwagen aufgetrieben, beim Pfarrer angerufen, ob der uns einen Wasseranschluss auf den Pfarrplatz gibt. Am Ende war es immer noch zu wenig, die Presse ging hart mit uns ins Gericht. Aber man muss sagen: Aus dieser Pleite ging das heutige „Jazz in allen Gassen“ hervor, unser gefühltes Stadtfest mit jährlich bis zu 10 000 Gästen.

Apropos Großveranstaltung: Seit einigen Jahren sind Sie auch zuständig für das Volksfest. Macht Ihnen Tradition genauso viel Spaß wie Hoch- und Popkultur?

Ja klar. Das Volksfest ist eine wunderschöne und vielfältige Aufgabe. Wobei man von außen vermutlich gar nicht sieht, welche enorme Verwaltungsarbeit dahintersteckt, die wir dafür im Kulturamt und im ganzen Rathaus aufbringen.

Neben Brandschutz- und Sicherheitsfragen gibt es heutzutage ja auch noch allerhand andere knifflige Fragen bezüglich der Festzeltmusik zu klären. Ich erinnere an das umstrittene Lied „Layla“ oder ganz aktuell „L‘amour toujours“ von Gigi d‘Agostino...

Da wollen wir uns nicht bei den Festwirten einmischen. Klar ist aber, und das steht auch in unserer Volksfestverordnung: Wer rassistische oder verfassungsfeindliche Texte anstimmt, hat ein ordnungs- beziehungsweise strafrechtliches Problem und da würden wir sofort durchgreifen!

Ein großer Einschnitt dürfte Corona gewesen sein. Wie war das im Kulturamt? Welche Gefühlslagen herrschten vor?

Die ersten vier Wochen waren wir eigentlich nur damit beschäftigt, geplante Veranstaltungen abzuwickeln. Aber dann haben wir schnell versucht, das Beste aus der Situation zu machen und das, was zu den jeweiligen Zeitpunkten möglich war, anzubieten.

Sie haben im Sommer 2020 die Dachauer Autokonzerte auf der Thomawiese initiiert, die Resonanz war überwältigend. War das Ihr größter Erfolg Ihrer Dachauer Kulturarbeit?

Wenn ich daran denke, bekomme ich heute noch Gänsehaut! Wir wussten ja nicht, ob es wie geplant funktionieren würde. Wir haben in Italien einen UKW-Sender gekauft und den Testlauf erst kurz vor dem ersten Autokonzert gemacht. Was die Konzerte auf alle Fälle gezeigt haben, war die enorme Selbstbehauptungskraft der Kultur auch in Krisenzeiten.

Wenn wir nun in die Zukunft blicken: Was steht da auf Ihrer Agenda?

Die Erinnerungsarbeit, die mit dem zunehmenden Verlust der Zeitzeugen vor neuen Herausforderungen steht. Die Weiterentwicklung der Stadtbücherei, die als sogenannter dritter Ort heute nicht mehr nur ein Ort der Bücher ist, sondern auch ein offener Treffpunkt der Stadtgesellschaft, den wir zur Open Library entwickeln wollen. Und dann stehen ja auch die Überlegungen für das Museumsforum auf dem ehemaligen MD-Gelände an.

Gibt es ein Traum-Konzert oder einen Traum-Künstler, den sie einmal gern in Dachau spielen sehen würden?

Ach, das ändert sich alle paar Jahre wieder. Da geht es gar nicht um meine Träume, sondern darum, wer unbedingt mal in Dachau spielen sollte. Ich habe lange Jahre hingearbeitet, dass die Sportfreunde Stiller endlich mal nach Dachau kommen. Das hat geklappt. Ich würde mir seit Jahren wünschen, dass die Punkband „Feine Sahne Fischfilet“ mal hier spielt. Vielleicht haben wir da ja auch mal Glück. Mit unserer wunderschönen Altstadt können wir jedenfalls eine ganz besondere Location für alle Bands bieten.

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