Crans-Montana: Nach Flammen-Inferno rückt brisantes Umbau-Foto in den Fokus

In den sozialen Netzwerken kursiert derzeit ein Bild, das für die Ermittlungen zur Brandkatastrophe im Nobel-Skiort Crans-Montana relevant sein könnte. Das Foto, das augenscheinlich im Inneren der Bar „Le Constellation“ aufgenommen wurde, zeigt eine Szene während der Renovierungsarbeiten: Zu sehen ist, wie Schaumstoffpaneele großflächig an der Decke montiert werden.

Es sind genau jene Platten, die auf den schockierenden Videos der Katastrophennacht als herabtropfendes Feuer-Inferno zu sehen sind. Sollte sich die Authentizität bestätigen, dokumentiert das Bild womöglich den Moment, in dem die fatale Konstruktion installiert wurde.

Brandschutz in Crans-Montana: Einbau der Schaumstoff-Isolation unter der Lupe

Die wichtige Frage: Wie alt ist diese Aufnahme?  

Der Betreiber der Bar, Jacques Moretti, gab nach der Übernahme im Jahr 2015 an, das Lokal weitgehend in Eigenregie renoviert zu haben. FOCUS-online-Recherchen zeigen nun einen brisanten zeitlichen Zusammenhang auf: Offizielle Bilder auf dem Bewertungsportal Tripadvisor aus dem Jahr 2016 zeigen die Bar bereits mit exakt dieser markanten Deckenstruktur.

Dies würde bedeuten: Die womöglich hochgefährliche Deckenkonstruktion befand sich beinahe zehn Jahre lang im laufenden Betrieb. War die Decke schon seit Jahren gefährdet? Und wurde sie in all dieser Zeit bei Brandschutzkontrollen nie beanstandet?

Decke
Ein Blick zurück ins Jahr 2016: Dieses Archivfoto der Bar auf Tripadvisor legt nahe, dass die markante Deckenstruktur bereits vor rund zehn Jahren vorhanden war. Ob es sich dabei um das Material handelt, das beim Brand zur tödlichen Falle wurde, ist Gegenstand der Ermittlungen. Screenshot Tripadvisor
Cras
Bereits 2016 im ‚Le Constellation‘: Diese Aufnahme zeigt die Bar-Decke Jahre vor dem Unglück. War die mutmaßliche Brandfalle somit fast ein Jahrzehnt lang Teil der Einrichtung? Screenshot Tripadvisor

„Eierkartonschaum“: Britische Brandschutzexperten zum Deckenmaterial

Die Brandschutzexperten Peter Wilkinson und Edwin Galea äußerten sich gegenüber der britischen BBC zu dem Deckenmaterial, das in Crans-Montana zum verheerenden „Flashover“ geführt haben könnte. Ihren Erkenntnissen zufolge wurde schallabsorbierendes Polyurethan verwendet, das aufgrund seiner Struktur auch als „Eierkartonschaum“ bekannt ist. Dieser Schaum wird in der Industrie oft mit Flammschutzmitteln behandelt – ob dies im „Le Constellation“ der Fall war, ist jedoch unklar. Experten warnen zudem, dass die Wirkung solcher Mittel über die Jahre nachlassen kann.

Unbehandelt oder abgenutzt ist Polyurethan-Schaum leicht entflammbar. Wilkinson erklärt: „Einmal entzündet, kann sich das Feuer aufgrund der großen Oberfläche des Schaums rasend schnell ausbreiten. Dabei entwickelt sich dichter, giftiger Rauch, der die verfügbare Fluchtzeit für die Gäste massiv verkürzt.“

Schwere Vorwürfe gegen Behörden im Wallis wegen mangelnder Kontrollen

Ein Gastro-Insider aus Crans-Montana erhebt gegenüber FOCUS online schwere Vorwürfe gegen die lokale Verwaltung. „Ich wurde in zehn Jahren genau zweimal kontrolliert“, berichtet ein Barbetreiber, der anonym bleiben möchte. Die Beamten hätten ihm gegenüber sogar signalisiert, dass Verstöße gegen Auflagen – etwa bei Fluchtwegen – oft ohne Strafe blieben, solange nichts passiere.

Experten wie der Brandschutzberater Thomas Mandler bestätigen diesen Eindruck. Gegenüber „20 Minuten“ erklärte er, dass der Brandschutz in der Schweiz oft nicht konsequent umgesetzt werde. Man vertraue zu sehr auf die Eigenverantwortung der Besitzer. Im Kanton Wallis kommt eine Besonderheit hinzu: Die Verantwortung liegt allein bei den Gemeinden, eine obligatorische Gebäudeversicherung wie in anderen Kantonen gibt es nicht.

Brandursache Le Constellation: Wurde der Lärmschutz zur tödlichen Falle?

Ein mögliches Motiv für den Einbau der Schaumstoffplatten könnten anhaltende Konflikte gewesen sein. Nach Informationen von FOCUS online gab es immer wieder Lärmbeschwerden von Mietern, die oberhalb der Bar wohnten. Es ist möglich, dass die Decke zur Schalldämmung nachträglich mit dem brennbaren Material verkleidet wurde.

Brandschutzexperte Markus Knorr analysierte bereits zuvor: „Auf Videos ist zu erkennen, dass es von der Decke brennend abtropft. Das deutet auf brennbaren Kunststoff hin.“ Dass dieser Ausbau offenbar über Jahre hinweg existierte, ohne dass interveniert wurde, setzt Gemeindepräsident Nicolas Feraud massiv unter Druck. Dieser wich Fragen nach den letzten Kontrollintervallen bislang aus.

Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung stehen im Raum

Die Staatsanwaltschaft prüft nun akribisch, ob die verwendeten Materialien den Schweizer Brandschutznormen entsprachen. Bislang gibt es nach Angaben der Behörden keine Ermittlungen gegen einzelne Personen. Bis zu einem abschließenden Urteil gilt die Unschuldsvermutung. Doch das Foto vom Einbau der Paneele bleibt ein stummes, aber mächtiges Indiz in einem Drama, das ganz Crans-Montana erschüttert.