DIW-Chef Fratzscher will Rentner zu sozialem Jahr verpflichten. Die ältere Generation soll mehr Verantwortung übernehmen. Kritik an Babyboomer-Politik.
Berlin – Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), sorgt mit einem provokanten Vorschlag für Aufsehen: Er fordert ein verpflichtendes soziales Jahr für alle Rentnerinnen und Rentner. In einem Interview mit Spiegel Online begründete der Ökonom seine Position mit der Notwendigkeit größerer Solidarität zwischen den Generationen.
„Die ältere Generation muss sich stärker einbringen, beispielsweise im Sozialbereich, aber auch bei der Verteidigung“, so Fratzscher.
Dabei räumte er ein, dass gesundheitliche Einschränkungen berücksichtigt werden müssten: „Gesundheitlich werden das manche nicht können, aber dafür gibt es auch bei jungen Leuten Regelungen.“ Besonders die Erfahrungen ehemaliger Bundeswehrangehöriger sieht Fratzscher als wertvoll an. „Warum sollten wir die nicht nutzen, gerade von Leuten, die früher bei der Bundeswehr ausgebildet wurden?“, argumentiert er. Benötigt würden vor allem technische Fähigkeiten, die viele Rentner mitbrächten.
Kontroverse Forderung nach Pflichtdienst für Senioren: Technische Fähigkeiten der Älteren nutzen
Der DIW-Chef steht mit seiner Forderung nicht allein. Bereits im Juli hatte sich der 81-jährige Soziologe und Generationenforscher Klaus Hurrelmann für einen sozialen Pflichtdienst für Senioren „am Ende ihres Arbeitslebens“ ausgesprochen. Gesellschaftliche Aufgaben wie die Stärkung der Verteidigungsfähigkeit sollten von allen Generationen getragen werden.
Fratzscher übte deutliche Kritik an der älteren Generation und warf ihr vor, zu lange die Realität ignoriert zu haben. „Zu viel Ignoranz, Selbstbezogenheit und Naivität. Wir wollen zu lange schon die Realität nicht sehen“, sagte er Spiegel Online. Als Beispiele nannte er die Verteidigungspolitik nach dem Kalten Krieg: „So haben wir nach dem Ende des Kalten Krieges gedacht, wir müssten uns nie mehr verteidigen – und haben die Friedensdividende verfrühstückt.“ Die Folgen seien gravierend: „Deshalb müssen wir jetzt über fünf Prozent Verteidigungsausgaben reden, um die Schäden zu beheben, die in 35 Jahren entstanden sind“, kritisierte Fratzscher. Auch bei der Klimapolitik sieht er Versäumnisse: „Wir wissen seit Jahrzehnten, auf welchem explosiven Pfad wir sind.“
Demografischer Wandel verschärft Generationenkonflikt: Dramatische Zahlen belegen Generationenungerechtigkeit
Ein zentraler Kritikpunkt Fratzschers betrifft die demografische Entwicklung. Die Babyboomer hätten „viel zu wenige Kinder bekommen“. Die Zahlen verdeutlichen das Problem: „In den Sechzigerjahren versorgten sechs Beitragszahler eine Rentnerin oder einen Rentner. Bald sind es nur noch zwei.“ Diese Entwicklung führe zu einer ungerechten Lastenverteilung: „Wieso sollten ausschließlich die Jungen für diese Lebensentscheidungen der Babyboomer geradestehen? Die Boomer selbst verweigern sich seit 20 Jahren dieser Verantwortung“, kritisierte Fratzscher.
Die Dimension der demografischen Herausforderung verdeutlicht eine aktuelle Studie des Wissenschaftlichen Instituts der PKV (WIP). Professor Martin Werding, Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, prognostiziert einen dramatischen Anstieg der Sozialabgaben. Ohne Reformen wird der Beitragssatz zur Sozialversicherung bis 2035 auf 47,5 Prozent und bis 2050 sogar auf 52,9 Prozent steigen.
Der Backbone der jungen Generation wird überstrapaziert: Neuer Generationenvertrag gefordert
Besonders drastisch zeigt sich die Ungerechtigkeit zwischen den Generationen in absoluten Zahlen: Wer im Jahr 2020 geboren wurde, muss durchschnittlich 55,6 Prozent seines Erwerbseinkommens an Sozialabgaben zahlen – das entspricht 904.000 Euro über das gesamte Berufsleben. Menschen des Jahrgangs 1960 zahlen dagegen nur 39,4 Prozent beziehungsweise 640.000 Euro. „Wenn künftige Erwerbstätige über die Hälfte ihres Einkommens für Sozialbeiträge aufbringen müssen, ist das kein tragfähiger Generationenvertrag mehr – sondern eine Schieflage mit sozialen und ökonomischen Risiken“, warnte Dr. Frank Wild, Institutsleiter des WIP.
DIW-Präsident Fratzscher warb unterdessen für grundlegende Reformen: „Wir brauchen mehr Solidarität der Alten mit den Jungen“ und plädierte für einen neuen Generationenvertrag, der die Last für die junge Generation tragfähig halte. Fratzschers Forderung nach einem verpflichtenden sozialen Jahr reiht sich in weitere umstrittene DIW-Vorschläge ein. Bereits Mitte Juli hatte das Institut einen „Boomer-Soli“ vorgeschlagen – eine Solidaritäts-Sonderabgabe auf sämtliche Alterseinkünfte. Diese würde gezielt Personen mit hohen Alterseinkünften „moderat“ zur Kasse bitten und könnte ein wichtiger Baustein zur Stabilisierung des Rentensystems sein. Der Vorschlag sieht vor, einkommensschwache Rentner zu unterstützen und das Risiko für Altersarmut zu reduzieren. Beide DIW-Initiativen stoßen jedoch auf breite gesellschaftliche Proteste. (ls/dpa)